Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 9 (8.3.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-03-08
- Page
- Seite 33 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ 35 den Worten, sondern im Ton war für jedermann deutlich zu fühlen, wie gebrochen dei alte Mann war... „Also schön, jetzt hast du schon, was du gesucht, was du gebraucht hast: eine Familie mit Kiddusch, mit Sabbat und Feiertagen.Was willst du also von mir? Warum kommst du noch zu mir? Willst du, daß ich auch Kiddusch machen soll? Soll ich auch in den Tempel gehen? Ein Rabbiner in der Familie genügt doch vollständig, nicht?“ Lederer war sich vollkommen dessen bewußt, daß seine Worte ganz und gar nicht das ausdrückten, was er jetzt dachte. Der Sohn empfand das ebenfalls und auch er änderte den Ton. „Ich will Vater nicht belehren, was er zu tun hat. Vater hat sein eigenes Leben gelebt und soll es weiter leben, wie er es versteht. Ich bin nur hergekommen, weil sich die Mutter, weil wir alle uns über den Vater zu beklagen haben und weil ich selbst sehe, daß das nicht so weitergeht. Vater muß eine Beschäftigung haben. Vater war sein Leben lang beschäftigt und ist gewohnt zu arbeiten. Wir alle haben gemeint, Vater würde nach dem Austritt aus dem Geschäft ein Betätigungsfeld finden, das für ihn paßt und für die Firma ,Lederer and sons‘. Wir alle denken, es wäre das Beste, wenn Vater eine längere Reise macht und sich die Dummheiten aus dem Kopfe schlägt. Ich habe mit Doktor Salkind gesprochen. Doktor Salkind ist auch der Meinung, es wäre höchste Zeit, daß Vater eine Beschäftigung hat. Das Grübeln und Nachdenken, das Flocken über den Büchern, die Vater von der East-Side mitbringt, das kann zu nichts Gutem führen. Wir glauben, eine längere Reise wäre das einzige, was Vater jetzt beginnen könnte. Sein ganzes Leben lang hat Vater gearbeitet, jetzt darf er, zusammen mit Mama, sich Zeit fürs Reisen gönnen. Das wird Vater auch beruhigen.“ „So steht es also schon mit mir? So schlecht, daß sogar Doktor Salkind zu Rate gezogen werden mußte.“ Alle schwiegen, doch Morris antwortete für alle. Er fürchtete den Vater nicht mehr und schonte ihn nicht. »Ja, ja, ja.“ „Wenn dem so ist, so wäre es vielleicht das Gescheiteste, wenn ich ins Geschäft zurückkehre. Ich bin zu früh ausgeschieden. Ich habe noch genug Energie, ich kann noch Nutzen bringen. Warum gerade reisen?“ Niemand antwortete. Morris war bleich geworden. Er sprach kein Wort, nur seine Unterlippe zitterte und die bläulichen Adern an den Schläfen pulsten. Er brachte kein Wort heraus; nur seine Miene sprach von düsteren Gedanken und drückte Ratlosigkeit und tiefe Niedergeschlagenheit aus. Diese Ratlosigkeit und Niedergeschlagenheit, die sich auf dem Gesicht des Sohnes spiegelten, rührten abermals das Vaterherz des alten Lederer. Ein Lächeln kam auf seine Lippen und er sprach wie zu sich selbst: „Nur keine Angst, ich werde dich im Geschäft nicht mehr stören, ich will dich nicht stören. Ich werde für mich schon eine andere Beschäftigung finden.“ Sein erster Impuls war, auf den Sohn zuzugehen und ihm beruhigend auf die Schulter zu klopfen. Doch er tat nichts dergleichen. Er stand bloß auf und ging in sein Zimmer... X. Kapitel. SEHNSUCHT NACH VERGANGENEM LEBEN. Lederer schloß sich in sein Zimmer ein; dort ging er wie ein Gefangener auf und ab, unaufhörlich auf und ab. Die Wände waren ihm zu eng, die Decke zu niedrig geworden. Was sollte er tun? Was sollte er beginnen? Sie haben recht! Sie haben alle recht! Er merkte mit einem Male, daß er den Boden unter seinen Füßen verloren hatte. Es war ihm, als wäre er plötzlich abgeschnitten, entwurzelt, losgerissen von der Erde, in der er wurzelte und wuchs: und nun mußte er sich unaufhörlich bewegen, gehen... Was war mit ihm geschehen? Auf und ab, auf und ab, in dem Zimmer, das die Leute im Hause „das Zauberkabinett“ nannten, das sie mieden; sie hatten Furcht, die Tür, welche in dieses Zimmer führte, könnte plötzlich aufgehen und etwas von dort herausspringen; es war dieselbe Angst, die man vor einer Tür hat, welche zur Zelle eines Irren führt. Dort saß er tagelang mit seinen „Zauberbüchern“ oder auch ohne sie. Das ewige Auf und Ab seiner Schritte widerhallte im Haus und erweckte Furcht und Schrecken. Niemand störte ihn. Das Dienstmädchen traute sich nicht aufräumen zu gehen und bald lag der Staub fingerdick auf den Möbeln. Zum ersten Male mußte sich Lederer eingestehen, daß an dem, was geschehen war, nicht bloß seine Familie die Schuld trug, sondern auch er selbst. Nicht nur sie hatten sich geändert, auch er hatte sich geändert. Er gestand sich ein — es war unrecht und egoistisch von