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Das jüdische Echo · 1929-03-08 · 9 (8.3.1929) Chaim Lederers Rückkehr · p. Seite 34

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
9 (8.3.1929) Chaim Lederers Rückkehr
Date
1929-03-08
Page
Seite 34 (sequence 4)
Language
German
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34 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 9 ihm gewesen, die Schuld ausschließlich seiner Familie zuzuschieben, seiner Frau, seinem Sohn, seiner Tochter: „Auch ich bin schuld an der Veränderung, die mit ihnen vorgegangen ist. Sie sind in eine andere Welt hineingewachsen, in der sie sich wohl und glücklich fühlen. Ich habe ja mit allem, was ich vermochte, mit meiner ganzen Kraft und Energie danach gestrebt, daß sie eben in diese andere Welt hineinwachsen. Ich selbst habe bisher geglaubt, das sei das einzige, das größte Glück. Und Tag und Nacht habe ich gearbeitet, habe andere arbeiten lassen, habe die Fähigkeiten, die sklavische Bereitwilligkeit, die Streberei aller meiner Angestellten mit jedem Mittel, mochte es nur recht oder unrecht sein, ausgenützt, um nur ja die Möglichkeit zu haben, meine Familie in die Position zu bringen, in der sie sich jetzt befindet, sie in die neue Welt der Glücklichen aufsteigen zu lassen. Und jetzt, da das neue Leben ihnen schon zur Gewohnheit geworden ist, gleich dem Atem, ohne den sie nicht leben können, — jetzt komme ich daher, störe sie, verbittere ihnen das Leben und setze alles daran, um ihnen ihre Freude zu verekeln...“ Die Szene mit Nürnberger fiel ihm ein, jener Abend, da seine Tochter ihn mit flehenden Blikken angesehen hatte... Erst jetzt sah er ihre feuchten Augen, ihren bittenden Blick, verstand ihr Anschmiegen und Schmeicheln; es bat ihn, ihr Glück nicht zu zestören. „Und warum habe ich es getan? War es wirklich so schwer zu lügen? Ich habe doch mein Leben lang gelogen, um unwichtigerer, ja schlimmerer Dinge willen... Warum habe ich um des Glücks meines Kindes willen nicht lügen können? ... Habe ich denn wirklich nur deshalb, weil ich jetzt der reinen Wahrheit leben will, vor den Nürnbergers nicht lügen können? ... Nein, der Grund war ein anderer: ich habe meiner eigenen Tochter ihr Glück nicht vergönnt. .. Und ich habe es ihr deshalb nicht vergönnt, weil ich böse auf sie bin, weil ich alle meine Kinder hasse, meine Frau hasse, mein Haus hasse, — das ganze Leben hasse, das ich geschaffen habe. Was kümmern sie mich, daß ich um ihretwillen lügen und Komödie spielen soll? Deshalb habe ich nicht lügen wollen, obwohl ich wußte, daß davon das Glück meiner Tochter abhängt...“ „Ich bin ein Rabenvater, so hat es mir meine Frau gesagt und so ist es. Ich habe kein Herz. Sie alle sind mir gleichgültig. Was kümmert es mich, ob meine Tochter einen Nürnberger heiraten wird oder irgendeinen anderen Kerl? ..“ „Doch warum ist mir das gleichgültig? War das immer so? War mir immer das Schicksal meiner Kinder, meiner Frau, meiner Familie gleichgültig? Wenn das der Fall war, warum habe ich so schwer gearbeitet? Warum habe mit aller Gewalt emporkommen, die Welt erobern wollen? Mir selbst hat doch das Leben genügt, das ich gelebt habe! Ich war doch damals viel glücklicher, als wir noch in der Norfolk-Street in den zwei engen armseligen Löchern wohnten — viel glücklicher als heute. Damals habe ich eine Frau und Kinder gehabt, für die ich arbeiten wollte, die mir die Arbeit versüßt haben. Und was habe ich jetzt? Nichts, nichts und wieder nichts!.. „Ja, dafür habe ich gearbeitet und um der Arbeit selbst willen. Der Mensch arbeitet um der Arbeit willen. Es gibt nichts anderes als Arbeit, weil der Mensch nicht müßiggehen kann. Es geht uns allen wie dem alten Motche im Shop. Hört er auf zu arbeiten und hat er keine Beschäftigung, so kehrt er selbst zur Arbeit zurück, genau so wie das Pferd, der Maulesel, der Ochse, die gewohnt sind, ihr Leben lang im Gespann zu gehen und ohne Gespann herunterkommen...“ „Arbeit, Arbeit, Arbeit! Auch ich kehre zur Arbeit, ins Gespann zurück! Es gibt nichts anderes als den Shop, die ganze Welt ist ein großer Shop. Und da ich jetzt den Shop nicht habe, bin ich unglücklich wie der alte Motche dort; denn wir haben nichts anderes im Leben mehr als den ,Shop‘ — das ganze Leben ist ein Shop ...“ Schreck erfaßte ihn, als er sich dieses Gedankens bewußt wurde. Er hatte Lust auf die Straße zu eilen, sich ins größte Gedränge des Broadway zu stürzen; er hatte den brennenden Wunsch, größer als alle zu sein, stärker als alle, breitere und kräftigere Hände zu haben als alle, riesig lange und breite Hände, mit denen er das ganze Gedränge, das Schieben, Hasten und Jagen aufhalten könnte; und mit Riesenstimme, die der ganze Broadway hören mußte, wollte er rufen: „Unglückliche Menschen, wohin eilet ihr? Welchem Phantom jaget ihr nach? Es gibt ja nichts anderes als den ,Shop‘! Wieviel ihr auch Laufen möget, — nie werdet ihr dem Shop entlaufen. Euer Jagen, euer Hasten, euer Streben, es ist umsonst — ihr seid im Shop. Es gibt nichts anderes als den Shop, den Shop, nur den Shop ...“ „Gibt es wirklich nichts anderes?“ — dieser Gedanke blitzte in Lederer auf. — „Einmal war es doch ganz anders! ... Damals, als i c h im Shop war, als einfacher, armer Arbeiter ...“ Damals war er ganze Tage im Shop gewesen. Doch es gab damals keinen Shop. Er merkte ihn nicht, empfand ihn nicht. Fortsetzung folgt.

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