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Das jüdische Echo · 1929-03-08 · 9 (8.3.1929) Chaim Lederers Rückkehr · p. Seite 32

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
9 (8.3.1929) Chaim Lederers Rückkehr
Date
1929-03-08
Page
Seite 32 (sequence 2)
Language
German
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32 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 9 Landsmann Vaters von der East-Side heiraten, der keine Familie, keine soziale Stellung, keine Position hat, vielleicht einen ,Nihilisten4? Vor dem müßte Vater nicht Komödie spielen — im Gegenteil, Vater dürfte sich dessen rühmen, daß er keiner Religionsgemeinschaft angehört und in keiner Synagoge betet.“ „Mir ist es gleichgültig, wen Stella heiratet; ich will mich da nicht einmengen.“ „Aber uns ist es nicht gleichgültig. Ich möchte, daß Vater das begreift. Uns ist es durchaus nicht gleichgültig. Stella muß in eine Familie hineinheiraten, in eine passende, gute Familie, nicht wie...“ — Morris vollendete den Satz nicht, sondern nickte statt dessen bedauernd mit dem Kopf. „Wie zum Beispiel deine Deutschen.“ Das war zuviel. Der Haß, der sich im Herzen des Sohnes in den langen Jahren angesammelt hatte, da er sich schweigend dem Vater fügen mußte, brach wie ein Sturm hervor: „Ja, wie meine Deutschen! Ganz richtig! Nicht wie die Familie, die Vater erzogen hat. Was haben wir zu Hause gehabt? Was hat uns Vater gegeben außer dem armseligen Bissen Brot, den jeder Vater seinen Kindern heimbringt? Wir haben früh vom Hause weg müssen, in fremde Häuser, in fremde Stuben, um zu sehen, wie andere Familien leben, wie Kinder sich um ihre Eltern sammeln bei einer Sabbatfeier oder einer Festtagsfeier. Nicht einmal den Kiddusch1 haben wir vom Vater gehört, einen Sederabend2 haben wir nicht gekannt, in den Tempel sind wir nie gegangen. Nichts haben wir gehabt. Hätten wir uns nicht allein erzogen, wären wir nicht frühzeitig aus dem Hause und hätten gesehen, wie andere Leute leben, so wären wir ,Nihilisten4 ohne Heim und Familien geblieben, ,Russen4 wie Vater einer ist. Wir hätten keinen Ehrgeiz, kein Familienleben. Wir hätten nichts, so wie Vater nichts hat. Ich danke meinen ,Deutschen4, ja, ich danke ihnen aus vollem Herzen, daß sie mich in ihr Haus genommen haben, von der Straße in ihr Heim, daß sie mich in ihrem Kreise, in ihrer Familie aufgenommen haben. Sie haben mir eine Familie geschenkt, eine richtige Familie mit Tradition, mit Schönheit, mit Frömmigkeit, mit allem. Alles habe ich ihnen zu verdanken: meine Anständigkeit, meine Ambitionen, mein Streben — alles, 1 Sabbatsegen, den das Familienoberhaupt über den Wein spricht. 2 Häusliches Zeremoniell am Pessachfest (Ostern). alles; und Vater macht sich über die Deutschen lustig!“ In dem alten Lederer ging eine merkwürdige Veränderung vor: Die bitteren Worte des Sohnes brachten ihn nicht in Wut und der Skandal zwischen Vater und Sohn, den alle erwarteten und fürchteten, blieb aus; im Gegenteil, des Sohnes harte und bittere Worte hielten wie Ketten jeden Ausbruch nieder und löschten wie ein Wasserstrahl den Haß gegen den Sohn, der in dem Alten loderte. Vielleicht war es die Aufrichtigkeit des Sohnes, die den Vater so rührte — noch nie hatte sich der alte Lederer seinem Sohne so nahe verbunden gefühlt, wie gerade jetzt, da der Sohn ihm die bitterste Wahrheit sagte. Da sprach nicht bloß die kühle Logik mit, die Lederer sagte, daß sein Sohn von seinem Standpunkt aus recht hatte; nein — es war ein echtes Vatergefühl, das er jetzt für seinen Sohn empfand. Unendliches Mitleid ergriff ihn, wirkliches Mitleid mit dem großen, innerlich leeren Burschen, der, das brillantene Freimaurerabzeichen im Knopfloch, vor ihm saß — das Mitleid, das ein Vater mit seinem Kind hat, dem er das Spielzeug nicht geben kann, um das es schreit. Lederer fühlte, was der Sohn in all den Jahren gelitten, und begriff alles, was der Sohn getan hatte. Er gab sich die Schuld und dem Sohne recht. Doch noch mehr als dieser Aufschrei, der aus des Sohnes tiefstem Innern kam, rührte den Alten die Grimasse des Leides, die er auf dem Gesichte des Sohnes sah; das war die im Leid gelöste Miene des kleinen Knaben, der um einen Penny geweint hatte. Seine bleichen, bebenden Nasenflügel, der leichte Schaum vor den Lippen, das Zittern seines kurzen Kinnes, die fliegenden Schläfen, alles rührte den Vater, und wäre Lederer der Mann gewesen, der seine Gefühle leicht zum Ausdruck bringen konnte, so wäre er auf den Sohn zugegangen und hätte ihn mit echter, herzlicher Vaterliebe umarmt (vielleicht hätte das auch das Verhältnis zwischen Vater und Sohn von Grund auf ändern und bedeutsamen Einfluß auf das weitere Schicksal der Familie Lederer haben können). Dieses Gefühl der Vaterliebe sprengte in diesem Augenblick geradezu die Brust des Alten. Doch sein Eigensinn, vielleicht auch die bitteren Jahre seines Lebens und seine Einsamkeit hinderten ihn daran, seinem Kinde seine Gefühle zu zeigen.. Und Lederer blieb nur traurig sitzen, tief traurig, als wären die Worte des Sohnes Rutenstreiche; und er sagte etwas ganz anderes als was er dachte und fühlte. Doch das Neue, das jetzt in Lederers Herz geboren war, veränderte den Ton seiner Worte. Und nicht in

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