Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 9 (8.3.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-03-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ CHAIM LEDERERS RÜCKKEHR VON SCHALOM ASCH Autorisierte Übertragung aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz 9. Fortsetzung „Alle beklagen sich über Vater: die Mutter, Stella; sie sagen, daß mit Vater etwas geschehen ist, seit er sich vom Geschäft zurückgezogen hat.“ — Den Zwischenfall beim.Besuche des Nürnbergers erwähnte Morris nicht; er tat, als wüßte er nichts davon. — „Auch ich habe sofort bemerkt, daß Vater nervös ist — wie du deinen ersten Besuch im Geschäft gemacht hast. Wir alle sind der Ansicht, daß Vater reisen muß; er kann es sich ja leisten, nach jahrelanger Arbeit... Schließlich, wieviel kostet denn schon eine solche Reise?“ Der Vater gab dem Sohn keine Antwort; er wandte sich an seine Frau: „Alle beklagen sich über mich, auch du!? Du bist also zum Sohn mich denunzieren gegangen und hast ihn hergerufen, damit er mir den Kopf zurechtsetzt?“ „Denunzieren? Ist er nicht mein Kind, was? Zu wem soll ich kommen, um mein Herz auszuschütten, vielleicht zu fremden Leuten? Du bringst uns doch alle ins Grab! Weißt du, was du getan hast! Du hast doch uns nur Schmach und Schande bereitet und Stella hast du unglücklich gemacht!“ „Was habe ich denn getan, um Himmelswillen, sag’ mir’s doch endlich!“ — fragte der alte Lederer so gelassen wie es ihm möglich war. Doch statt der Mutter antwortete der Sohn. Offenbar hatte er keine Furcht mehr vor dem Vater und legte daher seine Worte nicht auf die Wagschale. „Ich will Vater die Wahrheit sagen“ — begann er —, „wir alle haben uns in Vater getäuscht. Wir haben geglaubt, wenn Vater sich vom Geschäft zurückzieht, wird er tun, was jeder achtbare Geschäftsmann tut, was sich für die Firma ,Lederer and sons‘ schickt — seine Zeit der Wohltätigkeit widmen, einer Synagoge beitreten, sich für religiöse Angelegenheiten interessieren. Vater kann gut hebräisch, kennt sich in religiösen Dingen aus und könnte ein prominentes Mitglied einer (Copyright by Dr. Präger, Pressedienst, Wien) Synagoge oder einer philanthropischen Vereinigung werden, der andere achtbare, prominente Geschäftsleute angehören; Vater würde bekannt werden, wie es sich für die Firma ,Lederer and sons‘ schickt. Vater aber lebt noch in den Ideen, die er aus der alten Heimat mitgebracht hat; Vater ist noch immer ein ,Grüner41; Vater sitzt noch immer auf Eastside und meint, es seien noch die alten Zeiten, da Vater »Nihilist4 war. Früher, da waren wir noch klein und konnten uns nicht wehren, haben alles hinnehmen müssen, wie es Vater gefiel. Jetzt werden wir das nicht mehr zulassen, wir sind Gott sei Dank erwachsen; und wir werden nicht zugeben, daß Vater uns Schande macht. Das wollte ich Vater begreiflich machen.“ Lederer blieb kühl. „Was willst du also mit mir tun?“ „Was ich tun will? Gar nichts. Doch wir werden uns irgendwie Rat schaffen müssen, wenn es Vater gleichgültig ist, daß seinetwegen, wegen seiner verrückten Ideen, Stella ihr Glück verloren hat, eine Familie, in die sie so gut hineingepaßt hätte.“ „Du wolltest also, daß ich lügen soll, nur weil Stella sich die Nürnbergers in den Kopf gesetzt hat, daß ich mich zum Affen machen und protzen soll wie du?“ „Lügen! Hat Vater im Geschäft nie gelogen?“ „Im Geschäft — ja; um Geld zu verdienen, um zu leben, um Geld für euch zusammenzuscharren. Dafür — ja. Mein Leben lang habe ich gelogen. Nicht bloß vor anderen, auch vor mir habe ich gelogen — das sehe ich jetzt ein. Doch genug! Ich will nicht mehr lügen. Ich sehe ja den Lohn, den ich dafür habe. Ich will nicht mehr Komödie spielen, nicht mehr mich selbst verleugnen. Ich will ich selbst sein. Verstanden?“ „Nein. Und was wird aus Stella werden! Soll sie zu Hause sitzen bleiben? Oder einen 1 Bezeichnung für die Neueingewanderten, die an den Gewohnheiten und Sitten ihrer Herkunftsländer festhalten.