Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 8 (1.3.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 29 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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J^r.8 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ 29 Nürnberger hörte Lederer ernsthaft zu. Lederer hatte an Nürnberger Gefallen gefunden; er sah in dem alten Mann, obwohl er ein „Deutscher“ war, doch einen Geschäftskameraden und schüttete vor ihm sein ganzes Herz aus, erzählte ihm von seiner Armut, als er noch ein Arbeiter war, und von seinem Streben nach Reichtum. Sein Ziel hatte er erreicht. Was nun? Mistreß Lederer geriet in arge Verlegenheit durch die Offenherzigkeit ihres Mannes gegen Nürnberger. Sie wollte in das Gespräch eingreifen, es unterbrechen und auf ein anderes Thema ablenken. Doch Lederer war von dem offenherzigen Gespräch so angeregt und Nürnberger hörte ihm so ernst und verständnisvoll zu, daß es unmöglich war, die beiden von diesem Thema abzubringen. Lederer hatte so wenig Menschen, denen er sein Herz ausschütten konnte, daß er, als Nürnberger ihm verständnisvoll zuhörte, der Meinung war, der alte Herr, der neben ihm saß, sei ein alter Freund. Mistreß Lederer litt Höllenqualen. Sie biß sich die Finger wund, versuchte ihren Mann mit Winken und Gesten zu bändigen, doch vergebens. Und Stella — Stella war über und über rot geworden, als wäre sie bei einem Diebstahl oder einem noch ärgeren Verbrechen ertappt worden; sie traute sich nicht, die Augen zu erheben. Doch Frau und Tochter waren ganz unnötig erschrocken. Im Gegenteil, gerade die Offenherzigkeit, mit der Lederer dem künftigen Schwiegervater seiner Tochter entgegentraLbrachte die beiden fremden Menschen, die einander zum ersten Male begenet waren, näher. Die Mine des alten Nürnberger drückte so viel Sympathie, so viel Verständnis für Lederers Leiden und Suchen aus, daß die zwei alten Herren einander sich unwillkürlich die Hände reichten; so schienen sie zwei alte gute Freunde zu sein, die das Leben und seine Leiden zusammen durchgemacht haben und einander Rechenschaft über ihr Werk geben. Das sympathische und herzliche Mitgefühl, das in Niirnbergers Gesicht zu lesen war, beruhigte Stella ein wenig und Frau Lederer gewann allmählich ihre Haltung wieder. Der alte Nürnberger begann dem alten Lederer Trost zuzusprechen: „Aber jetzt müssen Sie doch glücklich sein, Sie, der Sie Ihr Leben mit eigener Hand geschmiedet haben.“ „Doch worüber soll ich eigentlich glücklich sein? Worüber? Worüber?“ „Zum mindesten darüber, daß Sie jetzt an eine so wichtige Aufgabe herantreten, an die philantropische Arbeit, von der Ihre Frau gesprochen hat.“ „Aber das reden sie mir alle ein. Mein Sohn würde es wünschen, dem Geschäfte zuliebe; er sagt, vom Geschäftsstandpunkt sei Philantropie eine rentable Sache, da es für die Firma Reklame macht. Man kann aber doch nicht alles bloß fürs Geschäft tun. Ich bin doch deshalb aus dem Unternehmen ausgetreten, um etwas anderes zu machen als ,business‘. Und wenn man es recht nimmt, was ist Wohltätigkeit? Gewiß, Wohltätigkeit ist eine gute Sache, eine edle Sache, aber warum soll ich Wohltätigkeit üben? Wie komme ich zu der Auszeichnung, daß ich der ,Geber4 sein soll und der andere der ,Empfänger4? Warum nicht umgekehrt?“ Das klang in Nürnbergers Ohr schon ein wenig „fremdartig“, ein wenig „east-sidemäßig“ und nicht ganz verständlich, auch ein bißchen „nihilistisch“. Doch dem alten Nürnberger war noch nicht völlig klar, was Lederer damit sagen wollte. „Ja“, — begann er langsam — „da nun einmal Gott seine Welt so geschaffen hat, daß es darin ,Geber4 und ,Empfänger4 geben soll, werden wir sie nicht ändern, Mister Lederer. Da ist es wahrhaftig schon besser, daß wir die ,Geber4 sind statt die ,Empfänger4 “ — so versuchte der alte Nürnberger das Gespräch auf einen gangbaren Pfad zu lenken. „Das bilden wir uns ein, weil es bequemer ist, Geber zu sein. Wie Gott die Menschen erschaffen hat, da hat er alle gleich geschaffen, keine ,Geber4 und keine ,Empfänger4. Wenn Wohltätigkeit geübt werden soll, dann müssen wir alles hergeben.“ Das klang schon anarchistisch und gefährlich. Der alte Nürnberger runzelte bereits seine schöne hohe Stirn und fragte ein wenig düster: „Übrigens — ich habe vergessen Sie zu fragen, Mister Lederer: welcher Synagoge gehören Sie denn eigentlich an? Oder beten Sie noch immer zusammen mit Ihren Landsleuten, wie es bei euch polnischen und russischen Juden Brauch ist? Übrigens ein schöner Brauch!“ „Ich gehöre keiner Synagoge an.“ „Sie gehören keiner Synagoge an? Und wo beten Sie? Welches ist Ihre Gemeinde?“ „Ich habe Ihnen schon gesagt, Mister Nürnberger — ich gehöre zu keiner Gemeinde und ich bete nicht.“ „Sie beten nicht, Mister Lederer? Nicht am Sabbat und nicht an den Feiertagen? Wieso? Wie meinen Sie das? Das ist doch nicht möglich!“