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Das jüdische Echo · 1929-03-01 · 8 (1.3.1929) Chaim Lederers Rückkehr · p. Seite 30

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
8 (1.3.1929) Chaim Lederers Rückkehr
Date
1929-03-01
Page
Seite 30 (sequence 4)
Language
German
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30 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. & Bleierne Stille legte sich auf die Gesellschaft, in der nur der schwere Atem der fünf Menschen zu hören war. „Lederer ist ein komischer Kauz, Mister Nürnberger. Er spricht so, denn er liebt die Synagoge nicht. Er kommt ja .aus Rußland und dort gibt es keine Synagogen. Doch mein Sohn, der betet schon in einer Synagoge.“ So versuchte Mistreß Lederer die Situation zu retten. Doch Nürnberger lag nichts mehr daran, ob die Familie Lederer sich getroffen fühlte oder nicht, und ganz gegen seine Gewohnheit und im Gegensatz zu seinem stets taktvollen Benehmen wurde er plötzlich unangenehm, fast unhöflich. Das Gespräch plätscherte noch eine Weile in Belanglosigkeiten dahin, doch alle sahen ein, daß es für niemanden mehr von Interesse und von Nutzen war, außer für Frau Lederer und Stella. Und so sehr sich der alte Nürnberger auch bemühte, seinen Ärger über die fatale Zusammenkunft zu unterdrücken, es ging nicht. „Ich glaube — es wird für meine Frau höchste Zeit heimzugehen,“ — sagte der alte Nürnberger —, „sie fühlt sich in der letzten Zeit nicht ganz wohl.“ Als das Ehepaar Nürnberger gegangen war, brach Stella in ein bitteres stoßweises Schluchzen aus; ein aus tiefer Wunde blutendes Herz war in diesem Schluchzen zu fühlen. „0 Mutter, warum hat er mir das angetan? Warum? Warum?“ Und dann: „0 wäre ich doch lieber gar nicht geboren worden, als bei solchen Eltern!“ — mit diesem Aufschrei lief sie in ihr Zimmer, dem Selbstmord nahe. Lederer stand wie ein Schuljunge da, der zu Unrecht beschuldigt wird: „Was habe ich denn getan?“ „Was du getan hast? Was du getan hast?!“ — in den Augen seiner Frau brannte ein Feuer, das Lederer bisher nie gesehen hatte. „Habe ich denn nicht die Wahrheit gesagt?“ — fragte er, wie um sich zu verantworten. „Freilich hast du die Wahrheit gesagt!“ — verächtlich ahmte seine Frau den Ton ihres Mannes nach, wie es Lederer vorkam, mit ihrer ganzen „Köchinnenwut“. — „Für sein Kind sagt man Lügen, nicht die Wahrheit! Du willst ein Vater sein? Ein Rabenvater bist du!“ — Sie warf ihm alle Schimpfworte der alten Heimat an den Kopf, im Idiom der alten Heimat, das bei solchen Gelegenheiten auch jetzt noch im Hause auflebte, und ließ ihn allein im Gesellschaftszimmer, von dessen Rückwand ernst der Ritter niederschaute. 9. Kapitel. DER SOHN BELEHRT DEN VATER. Einige Tage später stattete Morris dem Vater einen unerwarteten Besuch ab. Lederer war erstaunt: was bedeutet dieser Besuch? Schon bisher waren Vater und Sohn einander höchst selten begegnet und am wenigsten erwartete Lederer gerade jetzt eine Begegnung. Dazu trug dieser Besuch einen sehr ernsten, geradezu amtlichen Charakter. Das war deutlich zu erkennen: Frau Lederer war im Zimmer geblieben und empfing den Sohn schweigend, wie man einen Kondolenzbesuch empfängt; die Tochter war an diesem Abend ebenfalls zu Hause, was höchst selten vorkam, und saß gleichfalls schweigend im Zimmer; sogar der jüngere Sohn, den Lederer schon seit Monaten nicht gesehen hatte, hatte sich eingefunden, traute sich aber nicht in das große Speisezimmer zu kommen, sondern blieb in einem Nebenzimmer. Offenbar sollte ein „Familienrat“ stattfinden, von dem Lederer gar nichts wußte. Der Alte schlürfte bedächtig sein Glas Tee und tat, als bemerkte er den Sohn, der so plötzlich hereingeschneit war, gar nicht und als ginge ihn der ganze Aufmarsch der Kinder nichts an. Die übrigen schwiegen, und es herrschte drückende Stille wie nach einem großen Unglück. Schließlich wurde Lederer des Schweigens und der feierlichen Mienen, die seine Leute aufgesetzt hatten, überdrüssig und er begann: „Also, was hast du mir zu sagen? Was ist geschehen?“ „Was soll geschehen sein? Gar nichts!“ — erwiderte der Sohn mit gemachtem Lächeln. „Wozu bist du hergekommen?“ „Ich bin gekommen, um Vater zu sehen, Mutter zu sehen, nichts weiter.“ „Nichts weiter? Aha! Warum auf einmal?“ „Vater“, — begann der Sohn in ernstem Ton — „wir alle sind der Ansicht, Vater sollte eine Reise unternehmen, selbstverständlich zusammen mit der Mutter, etwa eine längere Reise nach Kalifornien oder eine Europareise. Wir glauben, das würde Vater sehr gut tun.“ „Was heißt gut tun? Bin ich krank oder Gott weiß was? Und warum wegfahren? Übrigens — seit wann kümmerst du dich plötzlich um den Gesundheitszustand deines Vaters?“ „Ich bin nicht hergekommen, um mit Vater zu streiten, ich bin gekommen, um zu sehen, wie es um Vater steht“—antwortete der Sohn sehr ernst. Der alte Lederer erbleichte. Mühsam hielt er einen Wutausbruch zurück. „Wie es um mich steht?“ Fortsetzung folgt.

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