Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 8 (1.3.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 28 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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28 Romaubeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 8 Frau Nürnberger, eine kleine, zierliche Dame mit feinen Manieren, war mit raffinierter Einfachheit in vornehmes Schwarz gekleidet und trug keinerlei Schmuck außer einer Perlenschnur um den Flals. Beide benahmen sich überaus natürlich und ungeziert und traten der Familie Lederer mit so selbstverständlicher Einfachheit entgegen, als träfen sie alte Bekannte. Dagegen konnte Frau Lederer nicht gleich den richtigen Ton finden; trotz Stellas strengster Instruktion nahm sie das Ehepaar Nürnberger mit herzlicher, aber zu übertriebener Begeisterung auf, die ihre überwältigende Freude über den Besuch zu deutlich verriet... In den bequemen tiefen Fauteuils des warmen vornehmen Gesellschaftszimmers, von dessen Rückenwand der Ritter niederblickte, kam das Gespräch der Männer viel leichter, natürlicher und lebhafter in Gang als das der Frauen, obwohl ihre Konversation sich ausschließlich auf trockene, nahezu geschäftliche Themen beschränkte. Und als Stella einen Blick nach der Seite warf, wo der Vater saß, und sah, daß die beiden Männer sich unterhielten und anscheinend Interesse aneinander fanden, wurde sie viel ruhiger und ihre Augen strahlten vor' Glück. Lederer besaß jenes würdevoll vornehme Selbstbewußtsein, das ah jene Menschen in sich fühlen, die alles sich selbst zu verdanken haben. Er wurde von Nürnberger nicht in den Schatten gestellt. Dabei kam ihm auch seine kaufmännische Erfahrung zunutze, die ihn im Umgang mit Menschen stets den richtigen Ton und die richtige Haltung finden und seine Worte jeder Situation entsprechen ließ. Überdies besaß der alte Lederer genügend Intelligenz, um sich selbst mit seinem schlechten „East-Side-Englisch“ (wie es die Kinder spöttisch nannten) Achtung und Respekt zu verschaffen. Mit den Damen dagegen ging es nicht so leicht, wie Stella es gewünscht hätte. Da half selbst Stellas Eingreifen nicht. Schuld daran war ihre Mutter, die in den selbstverständlichen, einfachen Konversationston, den Mistreß Nürnberger so natürlich handhabte, nicht einfallen konnte; sie war bald zu warm, bald zu kühl, oder — sie übertrieb. Stella hielt das Gespräch der Väter für wichtiger als das der Mütter und das beruhigte sie. Als der Tee serviert wurde, den zwei Mädchen in weißen Schürzen, mit weißen Schleifen im Haar auftrugen (Stella hatte zuerst daran gedacht, für den Abend einen Kellner mit weißen Handschuhen aufzunehmen; doch ihr natürlicher Verstand hatte ihr gesagt, das würde übertrieben wirken, und sie war bei den zwei Hausmädchen geblieben), erzählte Frau Lederer der Nürnberger von großen Philantropisclien Plänen, mit denen ihr Mann sich trug und deren Durchführung zuliebe er sich eigentlich vom Unternehmen zurückgezogen hatte. Sie erzählte unter anderem, ihr Mann projektiere die Gründung eines — natürlich kleinen Altersheimes für seine Landsleute; im weiteren Ablauf dieses Themas erfand sie noch einige Projekte und Pläne ihres Mannes, um derentwillen er das Unternehmen seinen Kindern übergeben hatte. „Er hat“ — fügte sie hinzu — „bis jetzt für sich gearbeitet, jetzt will er darangehen etwas für andere zu tun, für seine armen Landsleute. Er kann sich das erlauben.“ Mistreß Lederer erörterte die philantropischen Pläne ihres Mannes so laut, daß dieses Thema von den Frauen auf die Männer übersprang. Der alte Nürnberger, der streng religiös war, gewann Interesse an Lederers Plänen und sprach ihm seine Anerkennung aus, daß er sich diesen edlen Zwecken zuliebe so früh vom Geschäft zurückgezogen hatte: „Wollte Gott, ich könnte mir das erlauben. Doch ich kann es noch nicht. Das Geschäft braucht mich noch.“ „Ich habe mich nicht philantropischen Zwecken zuliebe vom Geschäft zurückgezogen“, — stellte Lederer richtig — „sondern weit mehr aus anderen Gründen. Der Mensch muß doch auch ein anderes Ideal haben, nicht bloß das Geschäft. Sonst würde sich das ganze Leben nicht lohnen. Was ist denn der Sinn des Lebens?“ Der alte Nürnberger hatte Verständnis dafür und nickte andächtig mit dem Kopf: „Ja, Mister Lederer hat Recht; das Leben muß noch etwas anderes bieten als bloß das Geschäft. Ich beneide Mister Lederer darum, daß er es sich leisten kann, seine Tagesarbeit aufzugeben und sich dem wahren Sinn des Lebens zu weihen.“ „Mein ganzes Leben habe ich gearbeitet“, — fuhr Lederer erklärend fort. — „Nicht weil ich die Arbeit liebte. Was kann man schon, daß Gott erbarm’, am Hemdennähen lieben? Erst haben wir sie allein genäht, ich, meine Frau und mein ältester Sohn. Ganze Nächte waren wir wach, meine Frau und ich, und haben Hemden genäht. Dann haben andere für uns genäht, erst ein paar Dutzend Leute, dann Hunderte. Was für einen Zweck hat es? Schön, ich habe jetzt Geld. Mein Leben lang habe ich darnach gestrebt, für den nächsten Tag das Mittagessen zu haben und mein sicheres Bett, aus dem man mir die Kissen nicht fortträgt... Und wenn ich gesichert bin, dann will ich das richtige Leben anfangen. Nun, ich bin schon gesichert; was weiter?“