Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 8 (1.3.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ CHAIM LEDERERS RÜCKKEHR VON SCHALOM ASCH Autorisierte Übertragung aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright by Dr. Präger, Pressedienst, Wien) 8. Fortsetzung „Was redest du da, Chaimleben?“ — Sara erinnerte sich plötzlich des alten Kosenamens ihres Mannes und kniff sich in die Wangen, wie sie es früher getan hatte, wenn im Hause ein Unglück geschehen war. — „Es wäre doch ein Glück für das Kind, ein großes Glück, in die Familie Nürnberger hineinzuheiraten. Und unsere Position in der Gesellschaft wird eine ganz andere werden, wenn wir uns mit den Nürnberger verschwägern. Dadurch steigen wir höher in der Gesellschaft. Sie gehören doch zur höchsten Aristokratie.“ Lederer sah seine Frau lange an; er erkannte sie nicht. War das seine Frau? War das seine Sure, die mit ihm zusammen Hemden genäht, die ihm mit der Küchenschürze den Schweiß von der Stirne gewischt hatte, wenn er am Abend von der Arbeit kam? War das die liebevolle, sorgliche jüdische Frau, die um ihn so beschäftigt, so besorgt gewesen war in jenen Jahren, da sie beide das Geschäft begründeten? ... „Warum schaust du mich so an: Kennst du mich nicht? Was für Augen er macht! Ich habe wirklich Angst vor ihm!“ „Nichts, nichts!“ — Er ging in sein Zimmer. Endlich kam der große Tag, richtiger — der große Abend des Besuches. „Offiziell“, hieß es, daß die Eltern der jungen Leute einander kennenlernen wollten. Aus diesem Grunde war niemand von der Familie geladen, auch Morris nicht. Die Väter und Mütter sollten sich besser befreunden. Es war eine intime Zusammenkunft der Eltern. Sogar Stella sollte ursprünglich nicht anwesend sein. Doch weil man befürchtete, der Vater könnte in letzter Stunde etwas anstellen und die ganze Sache zerstören, blieb Stella, um ihn gegebenenfalls von einem unüberlegten Streich abzuhalten. Als Lederer an diesem Abend seine Frau ansah, erkannte er sie nicht; Samt, Seide, Brillanten, Perlen — das war nicht so ungewöhnlich. Doch ihre Frisur und das kurze Kleid!... Sie kam ihm wie eine alte Köchin vor: „Wie kommt diese Frau zu mir? Wo ist ihre jüdische Anmut, die Anmut der Armut, der Züchtigkeit, die damals auf ihr lag und mein Herz so zu ihr zog, daß es mich wie mit der Peitsche zur Arbeit für sie trieb, um ihr den Lebensunterhalt zu schaffen, um ihr ein besseres Leben zu geben?“ — fragte sich der alte Lederer ... Frau und Tochter bestanden durchaus darauf, daß der Vater den Smoking und ein steifes Ballhemd anlegen sollte. „Ich gehe doch nirgends hin, ich bin doch bei mir zu Hause!“ — wandte der Alte ein. „So ist es in allen aristokratischen Häusern üblich. Zum Abendessen trägt man Smoking“ — war die Antwort und Lederer mußte sich fügen. Frau und Tochter kleideten ihn um, und führten ihn in das neu möblierte Gesellschaftszimmer, wo der vlämische Ritter mit der ausgeriebenen Nase ernst aus dem großen Wandteppich niederblickte. 8. Kapitel. DER UMGESTÜRZTE TOPF. Gegen neun Uhr abends — um der Zusammenkunft der beiden Elternpaare einen intimeren Charakter zu geben, fand der Besuch am Abend nach dem Souper, nicht zur gewöhnlichen Teestunde statt — fuhr vor der Villa Lederer der große Packardwagen der Nürnberger vor: Mistreß Lederer wollte den Gästen in die Vorhalle entgegengehen, doch Stella ließ das nicht zu: „Mama muß auf ihrem Platz sitzen bleiben und die Gäste in ihrem Sessel im Gesellschaftszimmer empfangen.“ Dafür nahm sie den Vater unterm Arm, nachdem sie ihn wie ein eigensinniges Kind, dessen man nicht sicher ist, mit sanftem Lächeln, Streicheln und einem „Liebster Papa!“ freundlich gestimmt hatte, und führte ihn in die Vorhalle, um die Gäste zu empfangen. Nürnberger, ein alter würdiger Herr jüdischdeutscher Herkunft, mit kurzem weißem Spitzbart, einer langen schmalen Nase, trug Smoking mit weißer Nelke im Knopfloch;