Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1929-03-01 · 9 (1.3.1929) · p. Seite 135

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
9 (1.3.1929)
Date
1929-03-01
Page
Seite 135 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9103083-9161910--09218-9082126
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 9 Das Jüdische Echo 135 aufmerksam, daß nach Beschluß des Landtages der Betäubungszwang eingeführt werden solle, und meinte, daß dies auch dem Stadtrat für sein Verhalten als Richtschnur dienen könnte. Das Schächten ohne Betäubungszwang sei zweifellos keine moderne Schlachtmethode mehr. St.-R. Fi e hl er betonte noch, daß doch durch Gesetz die Tierquälerei verboten sei. Bedauerlich sei, daß die bayerische Staatsregierung seit fast drei Jahren den Landtagsbeschluß auf Einführung des Betäubungszwanges bei Schlachttieren sabotiere. R.-R. Dr. H e 1 m r e i c h machte nochmals darauf aufmerksam, daß gesetzliche Bestimmungen beachtet werden müssen, auch wenn sie einem nicht passen. Wenn er das Recht hätte, würde er selbst auch das Schächten lieber heute als morgen abgeschafft wissen. Die Tiere, die in den Schlachthof gebracht werden, und das Fleisch, das aus dem Schlachthof herauskomme, sei nicht Eigentum der Stadtgemeinde. Die Stadt dürfe in das Eigentum anderer nur insoweit eingreifen, als ihr hierfür gesetzliche Unterlagen zur Seite stehen. Ein solches gesetzliches Recht habe aber im vorliegenden Falle die Stadt nicht. Oberbürgermeister Scharnagl wies darauf hin, daß die Juden Fleisch von geschlachteten Tieren als unrein erklären. Er möchte nicht, daß ein deutsches Gesetz nach jüdischen Begriffen ausgelegt werde, und daß der jüdische Begriff der Unreinheit für ein deutsches Gesetz maßgebend sein solle. Bei der Abstimmung wurden die nationalsozialistischen Anträge gegen die Stimmen der Antragsteller und der Deutschnationalen, im letzten Absatz auch gegen die Stimmen der Stadträte Dr. Berthold und Wagner (B.Vp.) a b g e 1 e h n t. Die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung geht über einen Schächtverbotsantrag zur Tagesordnung über Frankfurt a. M., 25. Februar. (JTA.) Im Rahmen der Etatberatungen der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung hat der nationalsozialistische Stadtverordnete Gemeinder folgenden Antrag eingebracht: „Die leider immer noch übliche brutale Art der Schächtung von Großvieh ohne vorherige Betäubung ist auf Grund aufmerksamer Beobachtungen aus moralischen und sachlichen Gründen zu verwerfen. Es wird daher beantragt, 1. durch eingehende Prüfung an Ort und Stelle ist sofort unter Hinzuziehung hervorragender Sachverständiger ein Gutachten vorzubereiten mit dem MAX NEU MAYER Kraftfahrzeuge, Kaulbachstraße 82/86 (Nähe Siegestor) Telephon 33 8 23—24 OPEL / STUDEBAKER Vertretung — Spezial «Reparaturwerkstätte Günstige Ratenzahlungen Ziele des Schächtverbots; 2. der Stadtverordnetenversammlung ist alsbald eine entsprechende Vorlage zu unterbreiten. Die Stadtverordnetenversammlung ging über den nationalsozialistischen Antrag zur Tagesordnung über. Der Zionismus und die jüdische Frau Am 5. Februar 1929 sprach Frau Rabbiner D r. L e v y (Regensburg) in der Vortragsreihe des „Zionistischen Arbeitskreises Würzburg“ über das Thema: „Romantik oder Renaissance“, das die Rednerin mit besonderer Betonung der Aufgabe der jüdischen Frau behandelte. Aus den interessanten Ausführungen, die einer weiteren Öffentlichkeit bekannt zu werden verdienen, seien folgende Gedankengänge festgehalten: Es ist kein Zweifel, daß das gegenwärtige Judentum sich mitten in einer historischen Umwälzung befindet. Derartige Evolutionen werden entweder aus einem als unerträglich empfundenen Druck oder einem neuen Weltbild religiöser, ethischer oder sozialer Art geboren. Die jüdische Geschichte kennt seit langer Zeit keine derartige Umwälzung, da der äußere Druck zwar empfunden wurde, aber den geistigen Kern des Judentums nicht berührte. Dieser geistige Kern ist jedoch, seit die Ghettomauern gefallen sind, bedroht — die religiöse Bindung beginnt zu schwinden. Assimilation und Reform führen zu einer weitgehenden Zersetzung. Die Reaktion blieb nicht aus. Die Frage war und ist: wird sie zu einer wirklichen Renaissance führen oder auf halbem Wege stehen bleiben und in Romantik verfließen? Dies ist die Schicksalsfrage unserer Generation, vielleicht die tiefste Ursache der jüdischen Krisis der Gegenwart. Romantik ist Seelenhaltung der Sehnsucht, die in diesem Sehnen .stehen bleibt. Ein Traumland wird als Wunschbild kultiviert, ohne daraus eine Zukunft zu gestalten: Romantik wird auch leicht zur Reaktion, wenn sie ihr Bild der Vergangenheit aller Entwicklung zum Trotz zu verwirklichen sucht. Renaissance meint dagegen die Wiederbelebung der schöpferischen Kraft aus dem Geiste der Vergangenheit, Romantik meint die Vergangenheit selbst. Zwei jüdische Bewegungen, die als Renaissancebewegungen begannen, suchten sich dem Zersetzungsprozeß entgegen zu stemmen: S. R. Hirsch sammelte den Kreis der Gesetzestreuen und gab ihnen die Parole „Thauro im Derech Erez“. Großes und Hoffnungsvolles entstand, aber die Kräfte des Milieus waren doch die stärkeren. Es gelang wohl Gesetz und Lehre zu erhalten, aber nicht das alte Judentum neu schöpferisch werden zu lassen. Da man den Mangel erkannte, wurde einem Teil der geistig Getreuesten die Renaissance schließlich zu einer romantischen Flucht in die Vergangenheit, der völlige Abschluß von aller Kultur ist ihr Ziel —< aber das läßt sich auf die Dauer nicht halten und besonders die jüdische Mutter wird bei der Erziehung ihrer Kinder sehr frühzeitig bemerken, daß ein solcher Abschluß nicht zu erreichen ist. Herzls Zionismus, die zweite jüdische Renaissancebewegung der Gegenwart, wandte sich an die Masse, die ihm, wenn auch zögernd, antwortete. Sein Judenstaat war ein romantischer Traum, sein auf „Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland“ führte jedoch zu einer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.