Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 7 (22.2.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-02-22
- Page
- Seite 25 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 7 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ 25 zurückgelassen ... Ganz allein, einsam, nackt und bloß ... und das im Alter ... Was ihm bei Nacht durch das Nachdenken klar geworden war, das ließ er, bewußt oder unbewußt, bei Tag seine Umgebung fühlen und wurde dadurch von Tag zu Tag unerträglicher. Alles in seiner Umgebung reizte und erregte ihn. Jeder Laut, jede Bewegung seiner Leute war ihm widerlich. Bald mißfiel ihm, daß seine Frau an einem gewöhnlichen Mittwoch große Toilette machte und zum „Tee“ zu einem alten Weib ging, wie sie selber eines war, oder daß sie in ihrer Wohnung Kartenpartien veranstaltete. „In den Frauentempel gehören sie, nicht an den Kartentisch!“ — schalt er. Er geriet in Wut, wenn seine Tochter, bar jeder keuschen Mädchenscham, in tiefem Dekollete, halbnackt, ihren nackten Arm einen Burschen schlang. Der alte Lederer hatte jedes Verständnis für seine Familie verloren. Da er nichts Gemeinsames mehr mit ihr hatte, fühlte er sich in seinem eigenen Hause fremd und einsam. Am meisten wurmte es ihn, daß das Leben in seinem Hause Formen angenommen hatte, die ihm fremd und abstoßend waren. Darin verbiß er sich, nörgelte und mäkelte und verbitterte allen — und am meisten sich selbst — das Leben ... 7. K a p i t e 1. VORNEHMER BESUCH. Schon vor längerer Zeit hatte Lederer von seiner Frau das große und streng behütete Geheimnis erfahren, daß Stella sich sehr für die Familie Nürnberger interessierte, besser gesagt, für den jungen Nürnberger. Der alte Nürnberger gehörte nicht der „Nadelindustrie“ an, wie die erst verhältnismäßig spät entstandene Großkonfektion von Kleidern und Wäsche in Amerika genannt wird, sondern einem anderen Industriezweig und dieser Umstand allein hob ihn schon in die „Aristokratie“. Ob Nürnberger ein „neuer Reicher“ war wie Lederer, war nicht genau festzustellen. Wenn man es allerdings genau nimmt — wer ist in Amerika kein „neuer Reicher“? Nur eines war nicht genau bekannt — ob Nürnberger auch von armen Leuten abstammte wie Lederer, oder nicht. Die Familie Nürnberger stellte die erste Zumutung entschieden in Abrede und behauptete, ihr Reichtum stamme noch von den Eltern und sie selbst hätten niemals gearbeitet wie Lederer; auch das erhob sie in die „Aristokratie“. Sie hatten aber noch einen dritten Anspruch auf ihre Zugehörigkeit zur Aristokratie; sie waren ihrer Herkunft nach nicht polnische oder russische Juden, sondern Juden anderer Herkunft, aus Ungarn oder Galizien — für jeden Fall aber gab sich die Familie Nürnberger als eine autochthone uralte amerikanische Familie. Aber die Familie Nürnberger hatte noch einen besonderen Vorzug, der es bewirkte, daß Frau Lederer, Stella und Morris (der jetzt schon, wenn er sich auch im Hintergrund hielt, in allen Familienangelegenheiten maßgebend, maßgebender als der Vater war und in der Angelegenheit Nürnberger eine nicht unwichtige Rolle spielte) — kurz, daß die Familie Lederer anerkennen mußte, die Familie Nürnberger sei sozial viel höher zu stellen als sie: die Familie Nürnberger verkehrte mit Leuten, die reicher waren als die Familie Lederer. Für die Angelegenheit Nürnberger hatte der alte Lederer nicht das mindeste Interesse. In seinem Innern hielt er sich für ebensogut und ebenso wertvoll wie Nürnberger und hätte sich hundertmal lieber mit einer einfachen Familie seiner eigenen Herkunft verschwägert. Selbstverständlich durfte diese seine Ansicht nicht über seine Lippen kommen, wollte er nicht schweres Unglück in seinem Hause anrichten und sich sagen lassen, daß er das Glück des Kindes zerstöre. In seinem Innern aber nagte der Gedanke: „Warum muß sie um jeden Preis einen Nürnberger haben? Bedeutet ein Nürnberger wirklich das höchste Glück?“ Indessen wurden zwischen den beiden Familien Verhandlungen gepflogen, die der hohen und höchsten Diplomatie zur Ehre gereicht hätten. Sie gingen darum, wer den ersten Besuch machen sollte. Und es wurden alle möglichen Tricks aufgewendet, bis es endlich Stella gelang, dem jungen Nürnberger die Überzeugung beizubringen, und daraufhin der junge Nürnberger dem alten Nürnberger die Überzeugung beibrachte, daß der Familie der Braut der erste Besuch abzustatten sei. Lederers Familie (richtiger seine Frau und seine Tochter) betrachteten dies als einen großen Sieg. In Lederers Haus wurden große Vorbereitungen getroffen. Das ganze Mobiliar des Gesellschaftszimmers mußte verschwinden, obwohl es erst vor kurzer Zeit (als die neue Villa in Flattbush gezogen wurde) angeschafft worden war; dieses Todesurteil hatte der Innendekorateur gesprochen, den Stella berufen hatte, um das Zimmer nach der neuesten Mode einzurichten; er fand, der Stil sei veraltet und unpassend. Und so wurden aus den großen Antiquitätengeschäften alte Möbel aus echten „Epochen“ bezogen, die einen Haufen Geld kosteten. An die Wand des Gesellschaftszimmers kam ein mittelalterlicher Ritter, der nach dem Ausspruch des alten Lederer so schrecklich anzusehen war wie Gog und Magog, die Riesen der Bibel; er war in einen