Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 7 (22.2.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-02-22
- Page
- Seite 26 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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26 Romanbeilage des „Jüdischen Echos1 Nr. 7 Wandteppich gewebt, für den eine phantastische Summe gezahlt worden war; als sie dem alten Lederer genannt wurde, wäre er vor Schreck beinahe umgesunken: „Dabei ist der Ritter nicht einmal ganz; er ist zerrissen, schäbig, geflickt und die Nase ist ausgerieben.“ Doch dem Alten wurde erklärt: „Je älter und schäbiger der Ritter ist, desto mehr kostet er“ — und damit mußte er sich zufrieden geben. Dieser Ritter wurde so auffallend wie möglich an der Wand des Gesellschaftszimmers aufgehängt, um, wie der Architekt sagte, „Atmosphäre zu schaffen“. Der alte Lederer schwor Stein und Bein, er würde einen solchen Fetzen nicht einmal in der Küche hängen lassen. Innerlich stimmte ihm seine Frau bei, doch sie schwieg, denn — „Stella weiß gewiß, was sie tut“. Es läßt sich leicht begreifen, welchen Eindruck auf den alten Lederer die Vorbereitungen und das Treiben in seinem Haus aus Anlaß des bevorstehenden Besuches machten. Er mied seine Familie jetzt schon völlig und schloß sich tagelang in seinem Zimmer ein, wo er die jiddischen Bücher verwahrte, die er unaufhörlich von der East-Side mitbrachte. Die jiddischen Zeitungen, die der Austräger jeden Tag abgab, hatten schon genug böses Blut gemacht; doch gab es immerhin Milderungsgründe für sie: jiddische Zeitungen kommen in viele vornehme Häuser zu den „alten Leuten“; in eine jiddische Zeitung wirft auch die Mutter ab und zu einen Blick, da sie die Sprache ja doch leicht versteht bis auf die hebräischen Worte, um deren Bedeutung sie den Vater fragt. Aber in der letzten Zeit brachte der alte Lederer gar jiddische Bücher von der East-Side nach Hause und schloß sich mit ihnen in sein Zimmer ein! Die „nihilistischen“ Bücher (der Name, den der Sohn dem Vater gegeben hatte, wurde bereits von allen Familienmitgliedern benützt und für alles angewendet, was in Beziehung zum Alten stand) riefen bei den Kindern Ekel, Empörung und ein Angstgefühl hervor, wie man es etwa vor Zauberbüchern hat. Gott weiß, was für Blasphemien und schreckliche Dinge in den Büchern standen, mit denen der Vater sich abgab! ... Und der alte Lederer, der den ganzen Tag mit seinen verdächtigen Büchern in seinem Zimmer verschlossen war, erregte Furcht bei seinen Angehörigen; es war ihnen, als säße in dem verschlossenen Zimmer ein Zauberer und treibe seine schwarze Kunst... Ja, es war auch schon vorgekommen, daß er von der East-Side verdächtig aussehende Leute, die nicht rein angezogen waren, ins Haus brachte und sich mit ihnen für ein paar Stunden in sein Zimmer einschloß. Je näher der Termin des Besuches rückte, desto größer wurde die Unruhe von Mutter und Tochter, die fürchteten, der Alte könnte ihnen noch im letzten Augenblick einen Streich spielen. Sie behandelten ihn zartfühlend und vorsichtig, um ihn ja nur nicht zu reizen. Stella sah ihm bittend in die Augen. Ihre Augen, vor Angst feucht und glänzend, schienen den Vater anzuflehen, „Vater zerstöre nicht mein Glück!“ Sah Lederer die feuchten, flehenden Augen seines Kindes nicht oder rührten sie ihn nicht? Das zwanzigjährige Mädchen, das Lederers Streben nach aufwärts im Blute hatte, tat alles, um in ihrem Vater die Zärtlichkeit wiederzuerwecken, die er einst für seine einzige Tochter gefühlt hatte. Sie schmiegte sich unvermittelt an ihn, wenn er in Gedanken versunken bei Tische saß, umarmte ihn plötzlich, streichelte ihn mit ihrem Blick und mit den schwarzen, in scharfer Linie verlaufenden Augenbrauen und flehte mit ihren feuchten glänzenden Augen. „0 Papa, mein Pa, du siehst ja heute wie ein Jüngling aus! Ich habe dich gar nicht lieb, gar nicht...“ — so scherzte sie übertrieben, fiel ihm um den Hals und nahm seinen alten Kopf zwischen ihre jungen Hände. Der Alte begriff den Grund dieser plötzlichen Änderung im Verhalten seiner Tochter. Er fühlte, was die Zärtlichkeit bedeutete, mit der ihn Stella zu überhäufen begann. Er merkte alles, doch er tat, als merkte er nichts. Er blieb gleichgültig. Und die Tochter flehte ihn unaufhörlich mit ihren Augen, mit ihren Blikken an: „Vater, zerstöre mir nicht mein Glück!... Ich muß doch heiraten!“ Und die Mutter half, soviel sie konnte, der Tochter den bösen Vater umzustimmen, wie ein krankes, ungehorsames Kind. „Hast du gesehen, wie Stella den Salon eingerichtet hat? Er präsentiert sich jetzt wie ein Milliardärsalon! Fürstlich! Wir werden in keiner Hinsicht hinter den Nürnbergers zurückstehen ... eher noch sie hinter uns.“ Hatten den Alten schon die flehenden Blicke der Tochter ein wenig gerührt, so brachte ihn dafür das Getue seiner Frau, ihre Einmischung in die „Partie“, ihr Bemühen, sich vor den Nürnbergerleuten in Szene zu setzen, in helle Wut: „Was für Dampf machst du, alte Kuh? Und wenn es nicht die Nürnbergers sind, wird Stella sitzen bleiben? Gibt es gar keine Männer mehr auf der Welt? Sie wird einen Mann kriegen, sie wird einen kriegen! Sie hat genug Geld!“ Fortsetzung folgt.