Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1929-02-22 · 7 (22.2.1929) Chaim Lederers Rückkehr · p. Seite 24

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
7 (22.2.1929) Chaim Lederers Rückkehr
Date
1929-02-22
Page
Seite 24 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9103083-9161903--09202-9082110
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

24 Romaiibeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 7 Gott wohnt, nur der unersättliche Drang reich zu werden, in seinem lächerlichen, hohlen Kreise Einfluß zu haben, unter diesen hohlköpfigen Rüpeln wie er selber einer ist; der in den Tempel geht, weil es alle tun, weil es sich schickt; der sich in alle möglichen Vereine und Wohlfahrtsinstitutionen drängt, weil andere das gleiche tun — das ist ,mein Sohn4; ein Mensch, mit dem ich gar nichts Gemeinsames habe, der gar kein Verständnis für meine Leiden hat, dem es gar nicht einfallen würde, daß sein Vater jetzt mit offenen Augen in die Nacht starrt und über das Lebensziel nachdenkt, das er einmal gehabt und das er verloren hat; und wüßte er es auch, er würde es doch nicht verstehen, würde es verachten; und das nennt die Welt ,meinen Sohn‘! Und nur aus diesem Grunde, weil die Welt diesen arroganten Burschen meinen Sohn nennt, habe ich mein Leben für ihn hergeben müssen! Nicht bloß mein physisches Leben, meine Arbeit, sondern auch mein geistiges Leben — alles habe ich hergegeben: meine Gedanken, mein Streben nach Besserem und Schönerem, das Suchen meines Selbst, das alles habe ich hergegeben, damit ein Hohlkopf seinen lächerlichen Ehrgeiz befriedigen kann, ,Chef‘ einer großen Firma zu sein! Was wäre mir daran gelegen, wenn mein Sohn auch so gearbeitet hätte wie ich? .. „Und der jüngere Sohn? Er hat gar keinen Ehrgeiz, ihm geht es nur um Vergnügungen. Er ist immer auf Reisen, in Monte Carlo, in Ostende verliert er das Geld, welches er auf Konto seines Geschäftsanteiles erhält, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was später sein wird. Und wie ich die Augen geschlossen haben werde, da wird ihn der ältere Bruder so drankriegen, daß er aus dem Unternehmen heraus muß, nur damit Morris der Alleininhaber bleibt...“ „Endlich die Tochter... Wie sie noch ein Kind war, da war sie anders; ich habe geglaubt, sie würde mir nachgeraten. Ich habe sie lieb gehabt. Doch seit sie erwachsen ist, hat sie ein einziges Ziel: einen Mann zu bekommen. Wenn sie nach Hause kommt, rümpft sie die Nase, wohl weil die gesellschaftliche ,Position4 des Vaters keine solche ist, daß sie hoffen könnte, ihr ,Ideal4 zu verwirklichen. Und was ist ihr Ideal? Ein beschränkter, oberflächlicher Bursche wie mein Sohn, der einen Geschäftsanteil und ein eigenes Auto hat und dessen Vater einem Synagogenverein angehört. Was habe ich mit diesem fremden Mädchen gemeinsam, das in der letzten Zeit in fremden Häusern wohnt? Ich fühle, daß sie mich verachtet und daß sie böse auf mich ist, weil sie mich, einen ,Pajesjuden4, einen »Radikalen4, einen ,East-Sider4 zum Vater hat und nicht einen Vater mit einer gesellschaftlichen »Position4, die ihr die Möglichkeit gibt, ihre dummen, eitlen und ehrgeizigen Hoffnungen auf einen »passenden4 Mann zu verwirklichen .. ,44 „Und meine eigene Frau? Einst war sie wirklich meine Frau, damals, dort drüben in der Armut, auf der East-Side, wie sie mir noch die großen Portionen Nudeln gekocht hat, wie sie mich, wenn ich von der Arbeit gekommen bin,‘auf der Treppe erwartet und mir mit ihrer schmutzigen Küchenschürze den Schweiß von der Stirn gewischt hat. Sie ist beim Herd gestanden und hat geseufzt, weil ich so schwer arbeiten muß ...“ „Auch später, wie wir beide am Abend gearbeitet, bis spät in die Nacht bei der Lampe Hemden ausgefertigt haben. Bis in die tiefe Nacht sind wir beide an den Hemden gesessen und haben beide an dasselbe gedacht: an eine Zukunft, an ein besseres Leben, an ein gemeinsames Lebensziel — damals war sie meine Frau... Aber seit wir reich geworden sind, seit sie angefangen hat Morgenhauben zu tragen, seit die Kinder erwachsen sind und im Geschäft mitarbeiten —■ seit damals, das fühle ich, hat sie sich allmählich immer mehr von mir entfernt und ist zu den Kindern übergegangen ... Sie ist stolzer auf ihren Sohn als auf mich. Je mehr die Kinder gewachsen sind, desto mehr ist sie mit ihnen verwachsen. Ich habe es immer gefühlt, wie sie mehr und mehr zur Partei der Kinder übergeht. Mit jeder neuen Wohnung, in die wir einzogen, mit jeder höheren Sprosse, die wir auf der gesellschaftlichen Leiter erreicht haben, hat sie sich immer mehr von mir entfernt und immer fester zu den Kindern gehalten. Und jetzt ist sie mir vollkommen fremd — sie mit ihren »Gesellschaften4, ihrem »Nachmittagstee4 und ihrer »Kartenpartie4. Ich fühle, daß eine Wand sich zwischen uns erhebt. Auf einer Seite der Wand stehe ich, auf der anderen Seite — die Frau mit den Kindern. Bei jeder Meinungsverschiedenheit hält sie mit dem Sohn — und der Sohn mit ihr. Jetzt ist es mir schon ganz klar: den Sohn liebt sie, auf den Sohn ist sie stolz: »Mein Sohn, mein Sohn4... Und mich haßt sie immer mehr... Ein Mann hat eben keine Kinder. Er ist nackt und bloß und stets einsam, stets allein.. Erst jetzt, in tiefer Nacht, kam es dem alten Lederer zu vollem Bewußtsein, daß er in der Welt allein stand, daß er niemanden besaß und niemandem gehörte, daß alle ihm entwachsen waren. Sie waren von ihm gegangen, in eine andere, eine fremde Welt, und hatten ihn allein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.