Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 7 (22.2.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-02-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ CHAIM LEDERERS RÜCKKEHR VON SCHALOM ASCH Autorisierte Übertragung aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright by Dr. Präger, Pressedienst, Wien) 7. Fortsetzung Ewig hatte man mit den Dienstboten zu tun, ewig mußte man achtgeben, wohin man sich setzen und wohin man sich nicht setzen durfte und immer wollte man vor den Nachbarn protzen — vor den Nachbarn, die das gleiche taten: „Was habe ich für mich allein gebraucht? Für mich allein konnte ich der Arme bleiben, der ich war. Und es wäre mir viel besser gegangen — ich hätte nicht so gejagt, so gehetzt und gehastet, wäre nicht unaufhörlich irgendeiner Sache nachgerannt wie bei einem Wettrennen, ohne eine Minute Zeit für mich zu haben .. „Jetzt hab ich’s! Ich habe gearbeitet wie jeder andere Mann arbeitet — um meiner Familie ein besseres und bequemeres Leben zu schaffen, um ein großes Unternehmen zu begründen, das ich meinen Kindern hinterlassen kann. Meine Kinder werden nicht mehr Sklaven der Armut sein müssen, wie ich es war. Ja — ich habe gearbeitet, damit meine Kinder versorgt seien, damit sie über andere herrschen können, wie andere über mich geherrscht haben. Ich habe getan, was jeder Vater tut, jeder Geschäftsmann...“ „Doch was sind Kinder? Was ist Familie? Der arrogante ehrgeizige junge Mann mit dem brillantenen Freimaurerhalbmond im Knopfloch, dessen größter Ehrgeiz es ist, Präsident eines Hospitals oder einer anderen Wohlfahrtsanstalt zu werden, nicht um Gutes zu tun, sondern weil sein Konkurrent denselben Ehrgeiz hat — dieser junge Mann ist mein Sohn; für ihn habe ich gearbeitet, für ihn mein Leben, mein Eigenleben weggegeben, damit dieser mein Sohn das wahre, das richtige Leben leben kann. Ich war ein Sklave, habe mich vor anderen gebückt, damit andere sich vor meinem Sohne bücken; habe gehungert, mir keinen übrigen Bissen gegönnt, habe keinen Tag und keine Nacht gekannt, damit diesem meinem Sohn das Fett vom Munde rinnen darf, habe mich unausgeschlafen und frierend in die Hochbahn gedrängt, damit mein Sohn im Auto fahren kann; habe mein Leben in engen, staubigen, dumpfen Shops verbracht, damit mein Sohn behaglich in seinem hellen, schönen Kabinett sitzen kann; habe mich von Aufsehern anschreien lassen und demütig geschwiegen, damit mein Sohn anderen befehlen darf. Doch was ist ein Sohn? Was ist Familie? .. „Solange die Kinder klein und hilflos waren, war ich für ihr Leben verantwortlich. Sie waren von mir abhängig, ich mußte sie ernähren. Ich wußte — zu Hause warten Frau und Kinder darauf, daß ich den Lohn heimbringe; bringe ich die paar Dollar für den Lebensunterhalt nicht nach Hause, so fehlt es an Nahrung und Wärme. Deshalb mußte ich arbeiten. Und ich hatte die Energie, für sie zu arbeiten. Ich habe mich als ihr Vater gefühlt und für dieses Gefühl gelebt; ohne viel zu überlegen, ohne zu rechnen, ohne auch nur darum zu wissen, habe ich um ihrer Erhaltung willen das Arbeitsjoch auf mich genommen« Doch kaum waren sie erwachsen, da fühlten sie sich unabhängig, stark und mächtig. Viel stärker und mächtiger als ich. Sie nehmen alles, was ich für sie geschaffen habe, als Selbstverständlichkeit hin, ohne darüber nachzudenken, ohne jede Hemmung. Paßt es ihnen nicht, so gehen sie ihren eigenen Weg, wie mein zweiter Sohn Jakob. Welche Beziehung habe ich zu ihnen, außer der oberflächlichkonventionellen, von der ganzen Welt angenommenen Norm, daß Kinder eben — Rinder4 sind? ,Mein Sohn4 — wer ist mein Sohn? Wäre der junge Mann ein Fremder, er würde mit mir keine zwei Worte sprechen wollen. »Mein Sohn4, der mich verachtet und mich für eine tieferstehende Existenz hält als er ist, nennt mich »Nihilist4 und weiß nicht einmal, was dieses Wort bedeutet; er hat nur Geringschätzung für mich, nennt mich in seinem Innern wahrscheinlich ,Pajesjud’4 und würde mich, könnte er es, bestimmt verleugnen; könnte er mich gegen einen anderen Vater eintauschen, er täte es mit tausend Freuden! Das ist mein Sohn, das nennt die Welt »meinen Sohn!4 Dieser junge Mann, der seicht und falsch ist, in dessen Herz kein Glaube und kein