Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 8 (22.2.1929)
- Date
- 1929-02-22
- Page
- Seite 116 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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116 Das Jüdische Echo Nr. 8 General Motors Automobile LORIN/ER & CO Nymphenburger Straßel28 / Telephon 61836 Chevrolet Oakland La Salle Los vom Zionismus „Los vom Zionismus“ — pathetisch und etwas aufgeregt klingt der Titel einer Broschüre (J. Kauffmann-Verlag, Frankfurt a. M.), in der drei ehemalige Zionisten: Fritz BlankenfelcT, Kiinchi und Ernst Ludwig Pinner sich vereinigt haben, um in einem Vorwort und in einigen Aufsätzen: „Meine Abkehr vom Zionismus“ (Pinner), „Abruf vom Zionismus“ (Blankenfeld), „Was mir der Zionismus war und was er mir ist“ (Kimchi), „Nachwort, insbesondere über die Ostjudenfrage“ (Pinner) endlich einmal zu beweisen, daß der Zionismus in Wirklichkeit „Selbstgeißelung, Selbstmord“ für die Juden bedeute, um nachzuweisen, daß er die „falsche Reaktivität der Juden auf den Judenhaß“ darstelle, daß er „objektiv“ betrachtet als „Lebensstörung für die Juden gleichwertig peben dem Judenhaß stehe“. Daß es mit dieser Objektivität nicht allzu gut bestellt sein kann, mag man schon aus der Tonart solcher Vorwürfe ersehen, die in solcher Form doch offenbar nur einem starken Ressentiment entspringen können und man wird sich daher auch nicht lange damit aufhalten müssen zu zeigen, daß diese Aufsätze, mögen sie sein was sie wollen, jedenfalls nicht objektiv sind. Man wird auf antizionistischer Seite vielleicht glauben, in ihnen eine besonders gute Waffe gegen den Zionismus gefunden zu haben, stammen sie ja doch von früheren Zionisten, die die Gedanken- und Vorstellungswelt des Zionismus genau zu kennen und endlich diesen „bösen Traum“ losgeworden zu sein behaupten — in dieser Annahme täuscht man sich gründlich, wie eine nähere Betrachtung wohl zeigen wird, die aber, das sei vörausgeschickt, nicht deshalb erfolgt, weil eine Auseinandersetzung gerade mit diesen Ideen irgendwelchen Erfolg verspräche, sondern nur um zu verhüten, daß die Verfasser dieser Broschüre sich einbilden, totgeschwiegen worden zu sein, weil man ihren neuen Argumenten nichts mehr entgegenzusetzen habe. Eines muß indessen zugegeben werden: diese Auseinandersetzung ist wirklich schwer. Wie soll man auch mit einem Manne wie Blankenfeld polemisieren, dessen Aufsatz „Abruf vom Zionsmus“ zum großen Teil aus kritiklos hingenommenen und als unbezweifelbar richtig hingestellten Zitaten aus den Schriften Constantin Brunners besteht, zu einem anderen Teil aus Lobgesängen auf Brunner und schließlich zu einem kleinen Teil auch aus eigenen Gedanken, noch dazu, wenn diese etwa folgendermaßen aussehen: „Der Zionismus war nicht das kleinste Mittel, der kürzeste Weg zum Erfolg, sondern der weiteste, unsicherste und gefährlichste Weg. Auch wer in Deutschland friert, kann deshalb nicht an den Äquator ziehen, er muß an Ort und Stelle heizen.“ Und es ist auch schwer, sich mit Kimchi auseinanderzusetzen, der ebenfalls sich dauernd auf Brunner beruft, sich eigentlich jede Begründung mit dem Hinweis auf Brunner erspart _ „Wer lesen kann, der wird die Antworten in den Worten Constantin Brunners finden“ — und eigentlich nur eine herzlich uninteressante Erzählung gibt, wie er, der religiös eingestellte Ostjude liberal wurde, ohne das jüdische Bewußtsein zu verlieren, wie er das nur als jüdischnationales Zusammengehörigkeitsgefühl habe deuten können, bis er eben auf Grund von Ausführungen Constantin Brunners wohl zu unterscheiden gelernt habe zwischen „1. dem Judentum, dem positiven Kern des Judeseins, 2. dem jüdischen religiösen und nationalen Aberglauben und з. der Reaktion der Juden auf den Judenhaß“. So steht das wirklich zu lesen, wie in einem Schulaufsatz. Schon die Einteilung in diese Kategorien verrät eine so unbedingte Gläubigkeit des Jüngers, daß man sich an den Propheten selbst halten muß, um überhaupt nur zu verstehen, was gemeint sein kann. Sich mit diesem Propheten eines neuen und oft recht sonderbaren Judentums, mit Constantin Brunner zu beschäftigen, wäre ja vielleicht ganz interessant und in mancher Beziehung auch belustigend — er bezeichnet z. B. konsequent die jüdische Religion als Aberglauben, und gilt deshalb dem Centralverein deutscher Staatsbürger „jüdischen Glaubens“ vermutlich als jüdische Autorität, er verlangt Christus für die Juden zurück; er plädiert и. a. auch für die Abschaffung der Bennenung „Juden“ und meint, daß man in Zukunft nur von „Denen von jüdischer Abstammung“ reden dürfe. Dies muß aber einer besonderen Gelegenheit Vorbehalten bleiben. So bleibt schließlich Pinner, der seine „Abkehr vom Zionismus“ jedenfalls ernsthafter und selbständiger als seine Mitstreiter sowohl ideologisch als praktisch zu begründen versucht. Ideologisch mit dem Nachweis, daß die Juden keine Nation darstellen, eine nationale Erneuerung also unmöglich, jüdischer Nationalismus ein gefährliches Spiel sei, praktisch mit dem Nachweis, daß die Gewinnung Palästinas nicht gelingen könne und der Zionismus seine vorgebliche Bedeutung für das Leben der Juden in Wirklichkeit nicht besitze, daß er im besonderen für die Ostjudenfrage nicht die geringste Lösung bringe. Man könnte nun zwar schon fragen, warum es denn noch notwendig sei, die praktische Undurchführbarkeit der zionistischen Bestrebungen zu beweisen, wenn ihre ideelle Unmöglichkeit und Unsinnigkeit unverrückbar feststehe; Pinner sieht selbst gewissermaßen ein, daß dies eigentlich des Guten zu viel sei und daß der ideologische Nachweis genügen müsse; wenn er doch auch über die Realisierungsmöglichkeiten des Zionismus redet, so glaubt er zwar dies zu tun, um sich seinen früheren zionistischen Freunden verständlich zu machen, in Wirklichkeit will er offenbar sich selbst noch einmal überzeugen. Und das ist auch keineswegs überflüssig, denn seine ideologische Beweisführung ist mehr als lückenhaft und verworren. Pinner begnügt sich mit einer Anzahl von Behauptungen: die Juden seien keine Nation, denn eine Nation ohne Land und Staat sei undenkbar (warum, wird nicht gezeigt), sie seien auch kein Volk, denn Volk bedeute ungefähr das gleiche wie Nation, die Juden seien eine Rasse; „aber Rasse hat nichts zu tun mit Nation“, das muß inan ihm eben einfach glauben. (Die auf Grund solcher Überlegungen auch von Pinner übernommene Behauptung, der Zionismus gefährde die staatsbürgerliche Stellung der Juden und ihre Gleichberechtigung, ist für einen Menschen, der Zionisl gewesen ist, wirklich beschämend, um so mehr als Pinner genau weiß, daß der Zionismus noch keinen