Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 7 (15.2.1929)
- Date
- 1929-02-15
- Page
- Seite 113 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 Das Jüdische Echo 109 ln seiner hinreißend temperamentvollen Broschüre „Gläubige Kunst“ hat Birnbaum diesen Anschauungen auch polemischen Ausdruck verliehen und läßt dieselben in einem entschiedenen Ausspruch gipfeln, der folgendermaßen lautet: „So unwichtig die Kunst an sich auch ist: An Gott sich aufrichtend, vermag sie wichtig zu werden, in Gottes Licht vermag sie Wert zu erlangen; Gott dienend, vermag sie groß zu sein.“ Dies ist wohl die entschiedenste Absage an jene Kunstrichtung, die im vorigen Jahrhundert unter dem Schlagwort einer „art pour l’art“ europäische Geltung gewonnen hat; sie widerspricht aber ebenso den modernen Kunstrichtungen des Expressionismus und des Impressionismus. Sie greift vielmehr auf die alttestamentarische Auffassung des Lebens und der Kunst zurück, die alle Äußerung des Daseins Gott unterwirft. Man glaube aber nicht, daß dies eine Einschränkung der künstlerischen Bewegungsfreiheit bedeute. Keineswegs. Denn die Religion ist, wie schon gesagt, kein besonderes Gebiet, dem sich dieser Künstler vielleicht aus bloßer Neigung zugewendet hat. Sie ist vielmehr das Element seiner Gesamtpersönlichkeit, das bewußt oder unbewußt, immer und überall als Substrat seiner Schöpfungen zu strahlendem Ausdruck gelangt. Sie ist schlechthin die Bedingung seines Lebens, des Lebens überhaupt. Sie bedingt die Moral, die Politik, die Kunst und das Gesellschaftsleben. So stehen auch alle diese Gebiete in ihrer ganzen Breite, ja die ganze Welt und das gesamte Weltall seinem künstlerischen Bestreben zur Verfügung und er beutet sie auch, allerdings vom archimedischen Punkt religiösen Wissens, gehörig aus. Da aber Birnbaum überzeugter, gläubiger Jude ist, sehen wir in ihm, nach Jahrtausenden fast, wieder eine Persönlichkeit erstehen, die Kunstwerke bildet, wie ein Bezalel, Poesien schafft, wie der königliche Sänger David und die Politik von jenem Standpunkt aus erfaßt, der der Standpunkt unserer großen Propheten war. Damit aber bewirkt er auch eine Neuerung gegenüber den religiös bewußten Massen des jüdischen Volkes der Gegenwart, das sich nur allzulange damit' begnügt hat, passiv religiös zu sein. Denn in Uriel Birnbaum ist eine Persönlichkeit erstanden von unerhörter, vitaler Kraft und einer ständig bereiten, kämpferischen Aktivität. Während nämlich die religiöse Judenheit bis dahin sich damit begnügt hat, auf „den Messias zu warten“, hat Birnbaum die Parole erlassen, derzufolge die Judenheit sich „den Messias erarbeiten“ müsse. Eine Kämpfernatur also und eine gottbegnadete Persönlichkeit im buchstäblichen Sinne des Wortes, ist er zweifellos dazu berufen, unserer verworrenen Zeit im allgemeinen, insbesondere aber dem heutigen Judentum, das in zahlreiche Parteiungen gespalten, gegenwärtig ein Bild trauriger Zerrissenheit bietet, die Zauberformel einigender Synthese zu verkünden — im Namen Gottes! Samuel Taubes In memoriam Hugo Salus In diesen Tagen starb zweiundsechzigjährig der Prager Dichter Hugo Salus. Er stand dem Kreise des Prager „Bar Kochba“, dem auch der junge Martin ßuber und später Max Brod angehörlen, nahe und hat in einer Reihe von Gedichten seine Seele offenbart. Doch über den Kreis jüdischer Leser hinaus halte Hugo Salus als Lyriker einen Namen von hohem Klang. In den neunziger Jahren, da sich der deutsche Sprachgeist nach Jahrzehnten des Verfalls wieder in erstaunliche Höhen hob, finden wir die Gedichte Salus’ in den zeitgenössischen Anthologien neben denen Liliencrons, Dauthendeys, Dehmels, Hilles und Hofmannsthals. Nach dem Kriege ist sein Name von der andrängenden Generation des Expressionismus überhallt worden, aber dennoch sind seine Versbücher wie „Reigen“, „Ernte“, „Neue Garben“ und „Helle Träume“ noch in guter Erinnerung. Salus lebte als Arzt in Prag, dessen Romantik er in zahllosen Gedichten besungen hat. Er bildete den Mittelpunkt eines außerordentlich regsamen, für Kunst und Dichtung interessierten Kreises. Zu ihm gingen die jungen Dichter Prags mit ihren Manuskripten, und es ist vielleicht nicht ohne Bedeutung, hier zu erwähnen, daß Hugo Salus es war, der die ersten Gedichte des Gymnasiasten Franz Werfel zu Gesicht bekam und dessen Begabung entdeckte und förderte. Im Phaidon-Verlag, Wien, erschienen soeben die letzten Gedichte von Hugo Salus: „Die Harfe Gottes“. In ihnen können wir die Gestalt des verblichenen Dichters am besten erkennen: ein stiller und heiterer Mensch, weise geworden, ohne verbittert zu sein, beseelt von der Liebe zur Musik und dem Schönen. Seine Strophen sind mit einer Formstrenge gebaut, der wir heute nur noch selten begegnen, und sind doch gleichzeitig zart und tönend in der geschlossenen Harmonie seines Wortschatzes. Immer wieder ist es das alte verträumte Prag, das seine Gedichte beseelt; die Romantik der Vorstadt, Sehnsucht nach Stille und Einsamkeit, Trauer um die tote Gefährtin, Rückblick auf das Leben — das sind die Themen dieser letzten Lreder. Und daneben finden wir Liebesgedichte, die uns vergessen lassen, daß ein alter Mann sie schrieb. „Die Harfe Gottes“, das ist der SchwTanengesang eines Dichters. Ein Mollton durchschwüngt diese Gedichte, und es ist Todesahnung, wenn der kranke Dichter niederschreibt: Daß sich die Stunden jetzt schon seiner schämen, Gar seit ich krank bin. Leise fleh’ ich nur, Daß mir noch ein paar Augenblicke kämen, Eh’ gänzlich still steht meines Lebens Uhr, Ein Augenblick bewmßten Seins mir w^erde, Dann mag die Zeit verwreh’n die letzte Spur Der einmal Mensch gew-es’nen Handvoll Erde .. —nn Gemeinden-u.Vereins-Kcho Lehrkurse der Israelitischen Kultusgemeinde München. Programm Frühjahr 1929. I. Univ.-Professor Dr. August XM a y e r: „Zur Geschichte der Synagogen in Spanien.“ Vortrag mit Lichtbildern, Donnerstag, 28. Februar, 20.15 Uhr, im Museumssaal, Promenadeplatz 12. Numerierter Sitzplatz RM. 1.—, Saalkarte 60 Rpf., Kategoriekarte 30 Rpf. II. Uriel Birnbaum (Wien): Vorlesung aus eigenen Werken, Mittwoch, 6. März, 20.15 Uhr, im Steinickesaal, Adalbertstraße 15. Numerierter Sitzplatz RM. 1.—, Saalkarte 60 Rpf., Kategoriekarte 30 Rpf. III. Dr. E. Brandenburg (Weimar): „Uraltes Kulturgut im heutigen täglichen Leben mit besonderer Berücksichtigung des Judentums.“ Mittwoch, 13. März, 20.15 Uhr im Saale des Kunstgewerbehauses, Pfandhausstraße 7. Numerierter Sitzplatz RM. 1.—, Saalkarte 60 Rpf., Kategoriekarte 30 Rpf. IV. Dr. Max Mayer (Berlin): „Über Neuhe-