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Das jüdische Echo · 1929-02-15 · 6 (15.2.1929) Chaim Lederers Rückkehr · p. Seite 21

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
6 (15.2.1929) Chaim Lederers Rückkehr
Date
1929-02-15
Page
Seite 21 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 6 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' 21 wandte sich der Alte an Nyfeld, noch dazu im Jiddisch der East-Side.... Und das schlug dem Faß den Boden aus. Morris war in heller Verzweiflung. Am meisten bedrückte ihn die Angst, der Vater werde das immer tun, er werde morgen wiederkommen. Nein, das mußte von allem Anfang verhindert werden und zwar, mochte es noch so peinlich sein, auf solche Weise, daß der Vater begreifen mußte, das müsse ein Ende haben, und er sich zum zweiten Male wohl überlegen sollte, Chef zu sein. Morris nahm sich vor, diese Exekution so elegant und für den Vater so schmerzlos als möglich zu vollziehen. Doch die Ausführung entsprach nicht dem Vorsatz. War die alte Feindschaft auch im Sohne aufgeflammt? „Vater, ich habe dir etwas zu sagen. Sei so freundlich, komm mit mir ins Büro!“ — sagte Morris, indem er auf den Vater zutrat und ihn sanft, aber energisch unterm Arm faßte. Der Vater sah ihn erstaunt an: „Du siehst doch, daß ich mit Mister Nyfeld beschäftigt bin! Das Gespräch hat sicher noch Zeit!“ „Mister Nyfeld werden die Angestellten bedienen, die dazu da sind, oder Mister Nußbaum“. „Ich kenne Mister Nyfelds Geschäft am besten und weiß, was er braucht“, — in seiner Selbstvergessenheit suchte der Alte sich zu widersetzen —■ „niemand kennt Nyfelds Geschäft so genau wie ich“. „Laß Mister Nyfelds Geschäft. Komm mit mir, Vater! Nußbaum, bedienen Sie Mister Nyfeld... Oder nein, Nußbaum, gehen Sie wieder zu Ihrer Arbeit. Blum, Rubinstein!“ — ruft Morris streng. Im Nu waren die zwei Verkäufer, vom strengen Ruf des Chefs erschreckt, zur Stelle. Sie kennen wohl Ihr Ressort nicht? Wissen Sie nicht, was Sie zu tun haben? Warum bedienen Sie Mister Nyfeld nicht?“ — sagt Morris in „exekutivem“ Ton zu den beiden Angestellten und versucht damit den Zwischenfall so zu wenden, als wären nur die Angestellten daran schuld. Er selbst geht mit dem Vater, den er vornehm, aber energisch am Arm hält, in sein Privatkontor. „Was hast du mir so Wichtiges zu sagen?“ — fragte der alte Lederer blaß vor Erregung seinen Sohn. „Willst du nicht Platz nehmen, Vater?“ — sagte Morris mit freundlich einladendem Lächeln. „Nein!“ — erwidert der alte Lederer und hat große Lust, auf seinen Sohn zuzugehen, ihm das brillantene Freimaurerabzeichen aus dem Knopfloch zu reißen und es ihm ins Gesicht zu schleudern. „Mister Nyfeld ist gar kein so großer Kunde, daß wir uns so sehr um ihn bemühen müssen und daß du, Vater, ihn selbst bedienen mußt. Das sieht auch vor den Angestellten nicht schön aus. Außerdem haben wir eine neue Geschäftsmethode eingeführt — den Kunden nicht nachzulaufen und sie nicht zu verwöhnen. Das war früher von Vorteil, wie das Geschäft noch klein war und wir jeden Kunden gebraucht haben. Es hat vielleicht für die East-Side gepaßt, doch die Firma „Lederer and sons“ ist nicht mehr auf der Norfolk- Street, „Lederer and sons“ ist heute auf Broadway, umfaßt drei Stockwerke und ist eine der maßgebendsten Firmen der Branche. Uns paßt es nicht mehr, um einen Nyfeld zu dienern. Wenn er kaufen will, so sind Angestellte da, um ihn zu bedienen, nicht der Chef selbst.“ Der alte Lederer hörte die Belehrungen des Sohnes ruhig an. Er fühlte, daß der Sohn recht hatte, und das vermehrte seine Wut. Doch er fühlte, daß er dem Sohne nicht antworten konnte. Und so blieb nur der Ärger, Ärger über sich selbst, über seine Armut, seine Verlegenheit, seine Niederlage, verbunden mit verzehrendem Neid, der unbewußt in ihm kochte, Neid auf des Sohnes Macht. „Du wirfst mir vor, daß ich um Mister Nyfeld dienere. Ja, ich habe es getan, ich habe gedienert, mein ganzes Leben lang habe ich gedienert. Und weißt du, warum? Damit du nicht dienern mußt, damit du stolz reden kannst wie ein großer Herr. Für euch alle habe ich gedienert und du wirfst mir das vor, du Rüpel“ — die Wut des Alten brach aus. „All-right. Vielleicht war das damals nötig“, — entgegnete der Sohn etwas weicher; er fühlte, daß er der Stärkere war, und das machte ihn dem Vater gegenüber nachgiebig. — „Jeder hat seine eigene Geschäftsmethode. Sie, Vater, haben Ihre gehabt und ich habe meine. Ihre Methode war gut für Ihre Zeit, da das Geschäft klein war. Heute ist sie nicht zu brauchen. Heute müssen wir das Geschäft so führen, daß man uns nachläuft; wir müssen zeigen, daß wir außerhalb jeder Konkurrenz stehen und daß wir dem Kunden sozusagen einen Gefallen tun, wenn wir ihm unsere Ware abgeben. Man muß mich meinen eigenen Weg gehen lassen, den ich als den besten für das Geschäft ansehe, und niemand darf kommen und mich stören“ —■ schloß der Sohn und triumphierte über den verlegenen, hilflosen Vater...

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