Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 6 (15.2.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-02-15
- Page
- Seite 22 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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22 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 6 6. Kapitel. RECHENSCHAFT. Es wurde immer ärger. Lederer träumte bei Nacht nicht mehr von Armut. Er schlief überhaupt nicht. Schlaflos starrte er mit offenen Augen in die schwarze Nacht und dachte über sein Leben nach, das wie ein böser Traum an ihm vorüberflog. Wozu hatte er gelebt? Was hatte er durch sein Leben erreichen wollen? Es war doch unmöglich, daß sein ganzes Streben, sein ganzes Lebensziel, die Arbeit war: „Was ist überhaupt Arbeit? Habe ich die Arbeit geliebt, die ich getan habe? Hat sie mir Vergnügen bereitet? Welches gemeinsame Band, welche innere Beziehung bestand zwischen mir und den Hemden, die ich genäht habe? Die Arbeit war doch nur ein Mittel, um den Lebensunterhalt zu finden, um Geld zu erwerben, um dann das Leben zu genießen. Was ist Arbeit eigentlich? Habe ich denn arbeiten wollen? War sie mir nicht widerlich, Tag um Tag mehr widerlich?“ — Nein, hundertmal nein! Nicht für die Arbeit, nicht um ein großes Unternehmen aufzubauen und Hunderten von Menschen Lebensunterhalt zu schaffen, hatte er gelebt. Die Hunderte von Menschen, die bei ihm arbeiteten, waren ihm gleichgültig, gleichgültig war es ihm, wer bei ihm arbeitete, wer ihm seine Kraft, seine Zeit und sein Leben verkaufte. Welche Beziehung hatte er denn zu den Menschen und zu den Hemden, die er anfertigte und verkaufte? Heute waren es solche Hemden, morgen andere; heute diese Arbeiter, morgen andere. Er hatte mit Hemden und Arbeitern Handel getrieben. An den Menschen hatte er nur ein Interesse — daß sie möglichst viel Arbeit leisten, möglichst viel Hemden liefern. Nein und nochmals nein — nicht um Menschen Beschäftigung zu geben, hatte er sich vom frühen Morgen bis in die späte Nacht in einem staubigen, öden, sonnenlosen Geschäftslokal aufgehalten, in dem Durcheinander, darin er kaum seine eigene Stimme hörte, da tausend Dinge im Tag auf ihn einstürmten, das Telephon, Geschäftsleute, Angestellte, Arbeiter, Kunden, Verkäufer, Leute, Gesihdel. Hätte es sich bloß darum gehandelt, Menschen Beschäftigung zu geben — er wäre bestimmt kein Philantrop gewesen, sondern hätte das Ganze sofort hingeworfen. Nicht einen einzigen Tag häre er dort gestanden, hätte den Staub geschluckt und sich beim trostlosen elektrischen Licht, das auch bei Tag brennen mußte, die Augen verdorben. Er stand dort, um Geld zu verdienen, um das Bankbuch mit immer größeren Ziffern zu füllen, Ziffer nach Ziffer, um zu wissen, daß sein Leben gesichert sei, daß er morgen nicht das werde tun müssen, was hundert andere jetzt für ihn taten. Und um das zu erreichen, war ihm jeder Weg und jedes Mittel recht, war es ihm einerlei, ob Maschinen arbeiteten oder Hände. Wäre es ihm nur erlaubt gewesen, er hätte die Hände, die er brauchte, von den Leibern geschnitten; wäre nur nicht die verfluchte „Union“ dagewesen, mit der er in ewigem Krieg lag und die er als seinen ärgsten Feind ansah! Elände brauchte er! Was gingen ihn die Menschen an? Lüge war es, was er sich oben im Shop eingeredet hatte, daß er alles getan hatte, um Menschen Beschäftigung zu geben, daß er um der Menschen willen ein großes Unternehmen aufgebaut hatte! Nein, um des Geldes, des Geldes, des Geldes willen! Doch wozu brauchte er das Geld! Für sich selbst? Für sich, für seine Person konnte er sich doch mit einer bescheidenen Lebensweise begnügen. Für sich — da hätte er das Geschäft schon vor zehn, vor fünfzehn Jahren aufgeben können ... hätte es überhaupt nicht anfangen müssen. Für sich selbst? Er hatte sich viel wohler, viel behaglicher, viel ruhiger gefühlt, als er mit den Seinen noch auf der East-Side in der 3. Straße zwei Zimmer und Küche im dritten Stock bewohnte. Wenn er am Abend heimkam, hatte ihm seine Frau schon eine große Portion Nudeln vorbereitet, die er so gern aß, einen guten Elering, eine Gurke, ein paar Ecken Brot oder einige gebähte Brotschnitten, mit Schmalz bestrichen und mit Mohn bestreut, eine Barches oder einen Fladen. Wenn er das Glas guten Kaffee ausgetrunken hatte, nahm er die Zeitung zur Hand und las seiner Frau daraus vor. Oder er las ein Buch. Bis er müde wurde und zu Bett ging. Dann und wann ging er zu einer Vorlesung, wenn ein interessantes Thema erörtert wurde, zu einem Vortrag mit einem guten Redner oder zu einer Diskussion, manchmal besuchte er ein Meeting seiner Landsmannschaft oder einer anderen Vereinigung, der er angehörte. Später, als das Geschäft wuchs, ging er von Zeit zu Zeit ins Kino; im Sommer fuhr er dann und wann am Samstag oder am Sonntag nach Coney-Island, im Winter gab er hier und da einem Landsmann das letzte Geleite bis auf den Friedhof (das waren die zwei Möglichkeiten, die er hatte, in die Umgebung der Stadt zu kommen). Er hatte sich viel wohler, viel glücklicher gefühlt als hier in den großen Zimmern der Villa in Flattbush, Fortsetzung folgt.