Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 7 (15.2.1929)
- Date
- 1929-02-15
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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102 Das Jüdische Echo Nr. 7 sehen Judenheil nach außen und innen — ganz bestimmte praktische Aufgaben (religiöser, sozialer, auch politischer Art) erfüllen, Aufgaben, die von den einzelnen Gemeinden und Verbänden aus Mangel an Mitteln und, weil sie über ihren Wirkungsbereich hinausgehen, nicht allein gelöst werden können. Um diesen Aufgaben gerecht zu werden, braucht der Reichsverband Mittel. Hai er sie, so wird er leistungsfähig und stark sein. Fehlen sie ihm, so wird er schwach und bedeutungslos bleiben. Nur eine Form, die auch das Finanzproblem befriedigend löst, kann dalier als geeignet für den zu schaffenden Reichsverband erachtet werden. Diese Einsicht führte aber allein schon dazu, den Reichsverband über die Landesverbände entstehen zu lassem — Nach der geltenden Reichsverfassung ist das Recht der religiösen Körperschaften und ihrer Besteuerung Sache der Lände r. Gemeinden und Landesverbände schöpfen ihr Finanz- und Steuerrecht aus der Gesetzgebung ihres Landes. Eine „Reichskirchensteuer“ neben den örtlichen und Landesumlagen gibt es nicht, — das sind Tatsachen, an denen man nicht achtlos vorübergehen oder die man als unwichtig beiseite schieben kann. Wir können den Einheitsstaat auch auf diesem Gebiet wünschen und politisch für zweckmäßig erachten. Solange er nicht da ist, müssen wir uns aber in die gegebenen Verhältnisse fügen. Ein Reichsverband wird nach der geltenden Rechtslage sich nur stützen können auf die Beiträge der E i n z e 1 g e m e i n d e n oder auf solche der L a n d e s v e r b ä n d e. Daß die Gemeinden aus ihren Etats den Reichsverband ausreichend finanzieren werden, wird nach den bitteren Erfahrungen, die gerade der Preußenverband mit seiner Verbandsunilage auf die Gemeinden gemacht hat, kaum erwartet werden dürfen. Die preußischen Gemeinden, die zum Teil nicht oder nur mit größter Mühe zu bewegen sind, 0,8 Prozent des Einkommensteuer- Solls ihrer Mitglieder an den Landesverband abzuführen, werden schwerlich willige und opferbereite Steuerträger für einen neben dem Landesverband zu schaffenden Reichsverband sein. In den übrigen Ländern ist die Bereitschaft sicher nicht größer. — So bleiben als Träger der Reichsverbandslasten wiederum nur die Landesverbän d e. Sind diese aber finanziell die Träger des Reichsverbandes, so werden sie auch organisatorisch eine entsprechende Stellung in dem Bau des Verbandes einnehmen müssen. Der Deutsche Jüdische Gemeindebund auch mit der Verfassung von 1921 oder ein sonstiger aus allgemeinen Wahlen der deutschen Juden hervorgegangener Deutscher Judentag wird nicht erwarten, jedenfalls nicht erzwingen können, daß die Landesverbände die von ihnen votierten Ausgaben wirklich bestreiten. — Das Problem aber muß gelöst werden; sonst wäre der zu schaffende Reichsverband wirklich das „m achtlose G e b i 1 d e“, als welches Dr. Kollenscher den im Entwurf vorgeschlagenen Verband auf der Preußentagung charakterisiert hat. Vornehme Beleuchtungskörper Zuglampen Tisch- und Siänderlampen Alabasterschalen J.WINHART&Co. Marsstrasse 7 (am Hauptb.) Es muß allerdings zugestanden werden, daß auch der im Entwurf vorgeschlagene Reichsverband eine wirkliche Machtposition — die moralische Position wird immer stark von der finanziellen abhängig sein — nur erlangen konnte, wenn er von starken, leistungsfähigen Landesverbänden getragen und gestützt worden wäre. Und hier liegt wohl der eigentliche tiefere Grund für das Scheitern des Projektes. Solange der p reußische Landesv e r b a n d finanziell so schwach ist, wie bisher, fühlt er sich mit Recht der Aufgabe nicht gewachsen, auch noch Haupt träger einer Rciclisorganisation zu sein. Der preußische Landesverband mit seiner mehr als zehnfachen Bevölkerungszahl bringt nur unwesentlich mehr Steuern auf, als der im Verhältnis ganz kleine bayerische Landesverband (RM. 830 000.— gegen RM. 630 000.—). So kam es auch, daß die als vorläufige Einrichtung im vorigen Jahr ins Leben getretene Reichsarbeitsgemeinschaft die von allen Seiten als notwendig erkannte Fundierung der Rabbiner- und Lehrerbildungsanstalten sowie andere wichtige „Reichsaufgaben“ nicht verwirklichen konnte, weil die preußischen Vertreter auf ihre leeren Kassen hinwiesen. Dem kann aber nur dadurch abgeholfen werden, daß der Preußenverband endlich das durchsetzt, was die übrigen (zum Teil auch nicht älteren) Landesverbände für sich längst erreicht haben: ein unmittelbares Steuerrecht des Landesverbandes. Ist dies einmal erreicht, verfügt der preußische Landesverband dann über eigene Steuereinnahmen in angemessener Höhe, dann erst wird für Reichszwecke ein genügender Betrag bereitgestellt werden können und ein dann zu gründender Reichsverband auch nicht aus Mangel an Mitteln ein „machtloses Gebilde“ sein müssen. Dann — und erst dann — wird man sich auch über die Form der Organisation leichter einigen können als heute. Dr. E. St. Wandlungen Von unserem Berliner Berichterstatter (Die Gemeinde — Vorträge) Des berühmten Physikers Professor Planck Quantentheorie gilt auch für die Entwicklung im Leben von Gemeinschaften. Die Umformung eines Zustandes in einen anderen von ganz verschiedentlichem Gepräge vollzieht sich allmählich aber nicht in einer geschwungenen, ungebrochenen Linie, sondern ruckweise, kaskadenartig. Der alte Satz, daß die Natur keine Sprünge kenne, erfährt eine vollständige Umkehrung. Die Natur kennt nur Sprünge. Es ist wohl eine Vorbereitungszeit notwendig, dann aber vollzieht sich eine Katastrophe, allerdings so geringen Ausmaßes, daß sie nicht sensationell wirkt. In der Berliner Jüdischen Gemeinde ist seit Anfang Januar der Zionist Georg Kareski erster Vorsitzender. Diese Tatsache kam nicht unerwartet. Im Mai 1926 hatten die Repräsentantenwahlen die absolute Mehrheit einer jahrzehntelang am Ruder befindlichen Richtung, der liberalen, gebrochen, und es war vorauszusehen, daß die neue Mehrheitsgruppierung im Laufe ihrer Funktionsdauer auch einen Zionisten zum Vormann küren werde. Daß aber dieser Fall Wirklichkeit wurde, ist als kleiner Sprung zu betrachten, der die Entwicklung im Leben der deutschen Judenheit kennzeichnet. Vor 38 Jahren haben die ersten nationaljüdischen Versammlungen vor einem kleinen Kreise von Teilnehmern in Berlin stattgefunden. Junge Studenten aus Deutschland und Ruß-