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Das jüdische Echo · 1929-02-15 · 7 (15.2.1929) · p. Seite 100

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
7 (15.2.1929)
Date
1929-02-15
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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100 Nr. 7 Das Jüdische Echo stündliche Verlangen daran geknüpft, daß das Werk aus eigener jüdischer Kraft entstehe. Schon in wenigen Jahren hat sich gezeigt, daß starke gemeinschaftsbildende Kräfte in den Juden lebendig sind und sie die Fähigkeiten haben, ein Bauernvolk zu werden. An neue Werte des Geistes hatte man gedacht, aber nicht an ein Pioniertum, das im Kampfe um die Urbarmachung des Bodens „bewußt Leben und Gesundheit in die Schanzen schlägt“. Es sei wörtlich zitiert, was ein christlicher Freund des Zionismus, Regierungspräsident Dr. Haußmann (Stralsund), in seiner Rede bei der Kölner Tagung des Deutschen Komitees Pro Palästina im November 1927 hierüber aussagt: „Man kann nicht in den Sümpfen stehen und sich der Malariagefahr aussetzen, man kann nicht in der Tropensonne Steine brechen und Straßen bauen, wenn man nicht diesen starken Idealismus im Herzen trägt. Diese Kreuzzugsstimmung ist das Neue und ungeheuer Wertvolle, was der Zionismus dem Aufbauwerk gegeben hat. Die Juden arbeiten in Palästina mit einer Entsagung und mit einem Ernst, der vorbildlich ist, Heroentaten der Arbeit werden dort vollbracht, auf die jedes Volk Ursache hätte stolz zu sein.“ Ängstliche Judengemüter, aber auch intrigante Gegner haben stets dem Zionismus entgegengehalten, er müsse zwangsläufig eine Intensivierung des Antisemitismus herbeiführen. Ein solcher Einwand ließ sich doch so einfach begründen. Man deduzierte: Der Zionismus erklärt die Juden der Welt als Nation, er proklamiert Palästina als Heimat des Judentums; ergo bilden die Juden in den Diasporaländern einen „Staat im Staate“, und die Antisemiten werden es nunmehr sehr leicht haben, den Juden ihre Fremdheit und staatliche Unzuverlässigkeit nachzuweisen. Gegen solche beliebten „Argumente“ konnten wir schon vor dem Kriege mit gegenteiligen Erfahrungen antworten. Schon damals zeigte sich immer wieder der gewaltige Eindruck, den der Wille zur Selbsthilfe und das offene Bekenntnis zur eigenen Art bei der Mitwelt hervorriefen. Heute kann solch feige Bedenklichkeit nur ein bitteres Lächeln auslösen. Wir stehen inmitten einer großen, nie erträumten Weltbewegung für das wiedererwachende Judentum. Diese radikale Umwandlung der Gesinnung ist keineswegs nur auf intellektuelle Erwägungen und moralische Anwandlungen zurückzuführen. Daß für die Lösung des Judenproblems etwas Entscheidendes geschehen müsse — diese Erkenntnis konnte vor zehn Jahren zwar Sympathieerklärungen der Regierungen und politische Zusicherungen herbeiführen. Die Überzeugung aber, daß das Judentum über die aufbauenden Kräfte verfügt, ohne die solch gigantisches Werk nicht gelingen kann — sie hatte damals noch nicht bestanden. Der große Gesinnungswandel trat erst ein, als die zweifelnde Welt die Pionierleistungen eines produktivierten jüdischen Volkes sah. Man lese beliebige Reiseberichte von Nichtjuden über Palästina. Man lese die Reden und Aufsätze eines Bernstorff und Becker, Godart, Rappard, Vandervelde, Macdonald, Wedgwood, Masaryk, Benes, um nur einige markante Namen aufzuzählen. Immer wieder: Bewunderung für das schaffende Erez-Israel. Immer wieder die gleiche Grundstimmung, die General von Schoenaich am Schlüsse seines Buches über Palästina in die Worte kleidet: „Noch nie sah ich Menschen so freudig in freiwillig gewählter Schicksalsgemeinschaft...“ Als der Zionismus noch in seinen Anfängen steckte und wir als junge Studenten um die Erkenntnis des Judenproblems uns mühten, da war eiserner Bestandteil unseres Lehrgebäudes: Wir bekennen uns zu unserem Volke, glanz gleich, was die andern dazu sagen. Wir proklamieren als die erzieherische Aufgabe des neuen Judengeschlechts, endlich damit aufzuhören, unser Tun und Lassen auf die Wirkungen abzustellen, die wir bei der Umwelt erzielen könnten. Auch dann, wenn der Zionismus eine neue Welle des Antisemitismus heraufbeschworen hätte, würden wir nicht abgelassen haben, unsere Überzeugung auszusprechen und unsere Forderungen anzumelden. Aber wir waren im tiefsten davon überzeugt, daß, wenn überhaupt die Judenfeindschaft der Völker zu überwinden sei, nur der Zionismus dieses Werk vollbringen könnte. Die Erfahrung hat gezeigt, wie sehr wir mit diesem Glauben im Rechte waren. Was so viele Juden noch immer nicht verstehen wollen, die Vereinbarkeit von jüdischem Nationalbewußtsein mit echter Loyalität gegenüber dem Staat, in dem wir leben: für den Nichtjuden ist es kein Problem. Die Zeit, wo die Staaten in der Existenz national-bewußter Minoritäten eine Gefährdung der staatlichen Entwicklung erblickten und um jeden Preis nationale Tendenzen zu unterdrücken suchten, ist vorbei. Es hat sich gezeigt, daß die zwangsmäßige Forderung des Bekenntnisses zu einer Staatsnation genau so unberechtigt ist wie in früheren Jahrhunderten das Verlangen des absolutistischen Staates nach einer einheitlichen Staatsreligion. Cuius regio eius religio, hieß die Parole mittelalterlicher Machthaber. Cuius regio eius natio, postulierte noch eine Zeit, die die modernen Ideen der Aufklärung rezipiert zu haben wähnte. Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat mit großer Deutlichkeit die Schäden aufgezeigt, die eine Hypertrophierung des Staatsgedankens im Gefolge hat. Es braucht nur an die berüchtigte Nationalitätenpolitik des alten Österreich sowie an die wilhelminische Elsässer- und Polendrangsalierung erinnert zu werden, die das Unglück der beiden Staaten in hervorragendem Maße mitverschuldet haben. Die Erkenntnis, daß es die Aufgabe des Kulturstaates ist, ein möglichst freiheitliches Zusammenleben seiner Bürger zu gewährleisten, gewinnt immer mehr an Boden. Schon in seinem eigensten Interesse muß der Staat darauf verzichten, seine natürlichen Kompetenzen zu überschreiten und die Gesinnungen^ zu reglementieren. Sein wohlverstandenes Ziel kann nur sein, in weitesten Kreisen seiner Bevölkerung eine echte Staatsgesinnung zu erzeugen. Druck erzeugt Gegendruck. Der Staat kann seine Menschen wohl zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Pflichten zwingen, jedoch nicht zur Liebe. Je weniger er sich in Lebenssphären einmischt, die der persönlichen Überzeugung des einzelnen unterstehen oder von Gruppenbildungen abhängig sind, um so besser wird es ihm gelingen, die Anhänglichkeit und die Beziehungen zu sich zu vertiefen. Aber selbst dann, wenn durch Unterdrückung und Niedertracht trübe Erinnerungen an den Staat assoziiert werden müssen, ist das natürliche Liebegefühl zum heimatlichen Land niemals zu eliminieren. Wie hingen die russischen Juden trotz des zaristischen Regimes an ihrem „Mütterchen Rußland!“ Das Erlebnis der eingeborenen Heimat ist Elementarereignis. Das Land, in dessen Sprache man seine ersten Laute gestammelt, hat, dessen Kultur man seine Erziehung verdankt, dessen Landschaft zum Erlebnis wurde — es läßt Bil-

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