Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 6 (8.2.1929)
- Date
- 1929-02-08
- Page
- Seite 90 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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90 Das Jüdische Echo Nr. 6 das goldene Kalb hinweggeführt; ich gebe diesem Gerechten nicht den Tod! Da sagte Gott zu Michael: „Geh und pflücke seine Seele.“ Aber der Erzengel erwiderte: „Deinen unnennbaren Namen, er allein hat ihn ausgesprochen, Du hast aus ihm mehr als einen Engel gemacht und fast einen G’tt. Ich gebe diesem Gerechten nicht den Tod.“ Doch, seit hundertzwanzig Jahren erwartete Samael, daß ihm Moses ausgeliefert werde. Er sagte zum Ewigen: „Ich gehe, seine Seele zu holen!“ Der Ewige antwortete ihm: „Wirst du allein es wagen, dich ihm zu nähern? Welches ist die Stelle an seinem geheiligten Körper, die du mit deinen Millionen Augen auch nur anschauen dürftest? Sein Angesicht? Auge in Auge hat es in das meine geschaut. Seine Hand? Sie hat von der meinen die Thora empfangen. Seine Füße? Sie haben die Schwelle meiner Herrlichkeit betreten.“ — „Ich gehe doch“, entgegenete Samael. Er nahm sein Schwert, gürtete sich mit Grausamkeit, hüllte sich in Zorn und trat vor Moses. Doch, als er ihn sah, der Prophet, der hoch aufgerichtet auf dem Gipfel der Berges stand, schrieb er mit seinen strahlenden Fingern die vier Zeichen des unsagbaren Namens in die Luft; und wie ein erstarrter Blick hing der Name im durchscheinenden Raum. Niedergeworfen wollte Samael am Boden kriechend entfliehen. Aber das Knie von Moses drückte seine Kehle nieder. Schon sollte der Todesengel sterben, als eine Stimme vom Himmel erschallte: „Moses, mein Sohn, töte den Tod nicht, er ist notwendig auf der Welt.“ Samael entfloh; der Ewige erschien. Er sprach zum Propheten: „Glaubst du, mein Sohn, ich hätte es ertragen, dich sterben zu sehen wie die anderen Sterblichen? Höre zu, kreuze einen Fuß über den anderem, eine Hand über die andere.“ Moses gehorchte. „Schließe die Augen.“ Moses gehorchte. Nun rief Gott flüsternd die Seele des Propheten zu sich: „Seele, meine Tochter, ich habe dich dazu bestimmt, hundertzwanzig Jahre diesen Körper zu bewohnen; verlasse ihn nun, die Stunde ist gekommen. Doch die Seele entgegnete: „König der Welt. Ich weiß, daß Du der G’tt aller Geister bist, daß Du in Deiner Hand die Seelen der Lebenden hältst und die Seelen der Toten. Du hast mich erschaffen und hast mich in den Körper dieses Gerechten eingesetzt. Gibt es denn in der Welt noch einen Körper, der so rein wäre wie der seinige? Ich liebe ihn und will ihn nicht verlassen.“ — „Meine Tochter, fing G’tt von Neuem an, zögere nicht, gehorche mir; im höchsten meiner Himmel weise ich dir deinen Platz an, dem Throne meiner Herrlichkeit zu Füßen, inmitten meiner Cherubim und Seraphim.“ —• „König der Welt, sagte die Seele, Deine Engel selbst sind verderbt; als Azza und Azzail von Deinen Höhen herabstiegen, um sich mit Sterblichen zu paaren, mußtest Du sie zu ihrer Züchtigung zwischen Erde und Wetterwolken festketten. Aber Moses, von dem Augenblick an, wo Du ihm gewährt hast, Dich zu schauen, Angesicht zu Angesicht, hat sein Fleisch das Fleisch nicht mehr gekannt. Darum will ich bei ihm bleiben.“ „Hast du also Angst vor Samael?“ fragte der Prophet seine Seele.“ Durchaus nicht, denn G’tt wird mich Samael nicht ausliefern.“ — „Fürchtest du, du würdest meinen Tod beweinen müssen. Wie Israel ihn beweinen wird?“ — „Durchaus nicht, denn der Ewige hat meine Augen van Tränen befreit.“ — „Fürchtest du, in den Schlund der Hölle hinabgeschickt zu werden?“ — „Durchaus nicht, denn G’tt hat mir die Freuden des Paradieses verheißen.“ —. „So gehe, meine Seele, wohin der Herr dich lädt und gesegnet sei seine Liebe.“ Und der Ewige pflückte ihm die Seele vom Munde und der Prophet starb im Kusse G’ttes... Dann stieg Moses empor und setzte sich dem Throne der Herrlichkeit zu Füßen. Und zu Füßen des Thrones der Herrlichkeit erwartete er, gemeinsam mit G’tt, die Stunde des Messias. (Aus dem Französischen übersetzt von Klara Blum.) Sonette1 Von Uriel Birnbaum Mosis Tod An Gottes Brust zurück sank Mosis Haupt — In Gottes Kuß erbleichten Mosis Lippen — Sein Herz, das, ruhelos, nie ganz geglaubt: Jetzt ward es ruhig zwischen seinen Rippen, Aus seines Lebens Irrweg und Gestrüppen Fand er zurück zu Gott — und Gottes Hand, Die flammende, hob Klippen über Klippen Und schaufelte die Berge um wie Sand. Der Schöpfer, auf des Wort die Welt entstand, Dem Ewigkeit ein Schlag der Augenlider: In einem Tal im Moabiterland Ließ er zu seinem treuen Knecht sich nieder, Bestattete die armen Menschenglieder Tief im Gebirg und schloß die Berge wieder. Mosis Grab In einem Tal im Moabiterland Liegt, ins Geklüft gesprengt, ein Felsenschacht; Die Gipfel oben glühn im Sonnenbrand Und schimmern silbern in der Mondennacht. Hier halten große Engel glühend Wacht... Wacht um den Stein, darunter Moses ruht — Ruht, ruht und ausruht von so mancher Schlacht, Von großen Taten, von vergossenem Blut. Die Engel glühn in weiß und roter Glut Und tragen Flammenschwerter in der Hand, Die blenden jeden Wanderers Blick und Mut: Und ziehen Karawanen durch das Land, Sehn sie nur Kluft und Klippe, Stein und Sand: Des Moses Grab bleibt ewig unbekannt! 1 Wie wir hören, findet im Rahmen der Lehrkurse der Israelitischen Kultusgemeinde noch im Laufe dieses Monats ein Vortrag des mit dem Bauernfeldpreis der Stadt Wien ausgezeichneten jüdischen Malers und Dichters Uriel Birnbaum statt. Wir sind in der Lage, einige seiner Sonette zu veröffentlichen.