Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 5 (8.2.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-02-08
- Page
- Seite 17 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ 17 am anderen über die Zahlungstermine verhandelt. Jeder Tisch hatte seine Funktion. Lederer fühlte mit einem Male Stolz auf sein Lebenswerk. Der kleine unangenehme Zwischenfall mit dem Schwager seines Sohnes war vergessen. „Trotz allem und allem war mein Leben doch nicht unnütz“; — stellte er bei sich fest — „daß ich ein solches Unternehmen begründet, einen solchen Apparat gebaut habe, der so vielen Menschen Existenzmöglichkeit und den Lebensunterhalt bietet, — war das keine Lebensaufgabe? Ich, ich habe das getan und geschaffen, ich, Chaim Lederer, mit diesen beiden Händen; und nicht nur für mich. Ich habe es begonnen, ich habe es eingefädelt und meinem Kopf ist es entsprungen.“ Jetzt hattte er den Wunsch, sein ganzes Lebenswerk, die ganze Maschinerie zu sehen, die er in Gang gebracht hatte, durch einen angenehmen Windhauch die Fieberhitze zu kühlen, welche die Fragen nach seinem „Sein“ in ihm erregt hatten, Hoffnung und Mut aus seinem eigenen- Lebenswerk einzuatmen. Er verließ das Büro und stieg allein in die oberste Eatge, wo die Arbeiter in den Werkstätten arbeiteten. Verwundert blickten ihm alle Angestellten nach. Im Shop, wo der Puls seiner „Lebensmaschine“ am kräftigsten schlug, wurde Lederers Glaube an sein Lebenswerk noch mehr befestigt. Der Lärm seiner eigenen Maschinen, die er selbst in Gang gebracht hatte, betäubte ihn. Und die geheimnisvolle Kraft, die aus den Elektromotoren strömte, elektrisierte ihn selbst und drängte ihn in den schwingenden Wirbel der Arbeit, als hinge er wieder an einem der ledernen Treibriemen, die blitzschnell um die Räder liefen. Lederer war wieder in seinem Element! Soweit sein Auge reichte, sah er lange Reihen von Maschinen, getrieben von einer geheimnisvollen Kraft, die höllische Dämonen irgendwoher entsandten... An den Maschinen — vorgebeugte, kleine Menschlein mit gekrümmten Rücken ... einer hinter dem anderen — endlose Reihen von Rücken... Gesichter waren keine zu sehen; die Gesichter waren in den Leinwandzellen versunken, die rings um sie wogten ... Vielleicht gab es überhaupt keine Gesichter?! ... Die Rücken schienen ein Teil, eine Fortsetzung der Maschinen zu sein... Dann wurden Hände sichtbar, bewegliche Hände, die in den jagenden Wolken von geblähter Leinwand und Kattun schwammen ... Seitwärts standen die großen Zuschneider. Sie waren die einzigen „Menschen“ in der riesigen Fabrik. Die großen Zuschneider stehen auf hohen Schemeln vor ihren Schneidemaschinen. Unter ihren Schneidmessern schäumt wie ein Wasserfall ein weißer Strom von Leinwand nieder, der zwischen den langen starren Reihen der Rücken-Maschinen verebbt ... Und wieder nichts zu sehen als stoßweise schwer atmende lebende Maschinen, gebeugte Rücken und flinke Hände in Leinwandwolken ... Der alte Lederer war beim Eingang seines Shop stehen geblieben und schaute verwundert in die langen starren Reihen der Rücken- Maschinen. Niemals hatte er den Shop so gesehen, wie er sich jetzt seinen Augen bot. Er sah — das ist kein Shop, das sind keine Menschen, keine toten Maschinen; das ist ein einziges riesiges Lebewesen, das aus tausend Lungen atmet, Tausende von Händen bewegt, unzählige Rücken vorbeugt; doch eine Seele, einen Willen hat das riesige Shopwesen, der alle seine Rücken zugleich beugt, alle Räder zugleich dreht, alle Hände zugleich bewegt; wie ein Riesenfisch alle Kiemen zugleich beim Atmen bewegt, wie eine Riesenschildkröte ihren aus tausend Quadratmosaiken bestehenden Panzer auf einmal vorschiebt, so arbeitet und atmet das riesige Shopwesen mit Armen, Rädern und Rücken zugleich, pumpt mit allen Lungen Luft ein und aus und wird von einer Kraft, von einem Willen, von einer Seele bewegt. Lederer war stolz auf sich: „Das habe ich durch mein Leben in Gang gebracht, ich habe das Lebewesen geschaffen“. Sein Schritt wurde fest. Er schritt die Reihe der Rücken entlang. Jetzt begann sie sich aufzulösen. Das „Lebewesen“ zerfiel in tausend einzelne Teile ... aus den Rücken wurden Menschen, einzelne menschliche Individuen, alt, jung, männlich, weiblich; Köpfe mit schwarzem, wirrem Haar, Köpfe mit sorgfältig geglättetem, Köpfe ohne Haar; starke Nasen, schmale Nasen, dicke Lippen, runde Kinne, lachende Augen, traurige Augen; Augen, die sich schüchtern senkten, Augen, die dreist und unverschämt blickten; Augen, die fragten, Augen, die antworteten; die flehten, die zürnten ... So bekam jeder Rücken ein Gesicht, eine Stirn, Augen, ein Kinn, — einen Menschen ... Einige blickten von ihrer Arbeit verwundert zu ihm auf; einige bemerkten ihn überhaupt nicht, betäubt vom Lärm der klappernden Räder, gebannt durch den elektrischen Strom, der die Maschinen, die Leinwand, die Hände trieb; einige bemerkten, daß ein Mensch hinter ihnen stand, andere beachteten es nicht. So drängte sich Lederer durch die Reihe der Rücken, sein