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Das jüdische Echo · 1929-02-08 · 5 (8.2.1929) Chaim Lederers Rückkehr · p. Seite 18

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
5 (8.2.1929) Chaim Lederers Rückkehr
Date
1929-02-08
Page
Seite 18 (sequence 4)
Language
German
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18 Romanbeüage des „Jüdischen Echos* Nr. 5 Schritt wurde immer fester und sicherer, in ihm wurde es heller. „Ich habe sie so hergesetzt, ich habe das alles eingerichtet. Ich bin ihrer aller Vater, ich gebe ihnen ihr Brot, ich erhalte ihre Frauen, ihre Kinder —■ durch meine Energie, durch meine Kraft, durch mein Leben ...“ Endlich kam er in einen entlegenen Winkel seines großen Shop, wo die „Ausfertiger"‘ saßen. Sie waren gewissermaßen ein „Rest“ von Menschen. Wie „Reststücke“ waren sie im Winkel versammelt: alte Juden, alte und junge Frauen, blutjunge Mädchen. Unter den alten Juden erkannte Lederer seinen alten, ihm wohlbekannten Arbeiter Motche. „Der gehörnte Motche“ war sein Spitzname bei den Landsleuten. Wie er zu diesem Namen gekommen war, wußte er selber nicht. Motche hatte bei Lederer fast seit der ersten Stunde gearbeitet, da er fremde Arbeitskräfte beschäftigte. Motches rundes Gesicht, das noch jetzt wie das eines Kindes aussah, und sein rundliches graues Bärtchen waren Lederer so vertraut, als sähe er in diesem Gesicht sein ganzes verflossenes Leben, seinen ganzen Aufstieg, alle Wohnungen, die er bewohnt, alle Werkstätten, in denen er erzeugt hatte, alle langen Sommertage und langen Winternächte, die er beim Hemdennähen verbracht hatte ... Aber Motche war doch, glaube ich, schon in „Pension“ gegangen, ebenso wie ich; oder ist er gestorben? Jedenfalls war er nicht mehr da. — Und jetzt ist er wieder hier, als ginge es von Anfang an, in der Norfolk-Street. — Boß1 und Arbeiter umarmten einander fast in der Freude des Wiedersehens. „Motche?“ „Yes!“ — ruft Motche freudig, läßt das Hemd fallen, das er in der Hand hält, und kratzt sich vergnügt den grauen Kopf. — „Leute, seht doch her, der alte Boß ist wieder da!“ „Was tust du hier? Soviel ich weiß, hast du doch schon aufgehört zu arbeiten!“ „So wie Sie“, erwiderte Motche. — „Ich habe tatsächlich schon aufgehört zu arbeiten. Doch ich muß die Wahrheit gestehen, Boß — ich habe nichts zu tun gehabt, da bin ich wieder zurückgekommen.“ „Was soll das bedeuten?“ Motche steht von seinem Arbeitsstuhl auf und erzählt dem Boß eine lange Geschichte: „Den Kindern geht es ja, unberufen, ganz gut. Am besten dem Schwiegersohn. Die Toch¬ 1 Chef, Arbeitgeber. ter hat’s, Gott sei Dank, gut getroffen; er hat ein gutes Gewerbe in der Hand, er ist Zimmermaler und es geht ihm recht gut, Gott soll ihm Gesundheit und langes Leben schenken. Den anderen Kindern geht es auch nicht schlecht. Einmal, wie sie am Sonntag abend zu Besuch gekommen sind, — sie kommen jeden Sonntag zum Vater zum Besuch, — da haben sie gesagt, meine Kinder: Wozu braucht der Vater noch zu arbeiten? Er hat schon in seinem Leben genug gearbeitet und es ist Zeit, daß er ausruht. Jeder wird ein paar Dollar wöchentlich hergeben, das heißt eine Zigarre im Tag weniger rauchen, und so werden wir den Vater schon erhalten können. — Ich war natürlich einverstanden, — so ein Glück! Endlich können doch einmal die alten Knochen ausruhen! Und die Kinder haben Wort gehalten, so wahr ich lebe! Jeden Sonntag abend haben sie dem Vater die paar Dollar gebracht, auch etwas drüber und ein Geschenk dann und wann. So bin ich eine Woche zu Hause müßiggegangen, zwei Wochen — wie lange kann man das aushalten? Des Müßiggangs war ich schon überdrüßig. Aber was anfangen? Ins Beth-Hamidrasch gehen, Psalmen beten? In Amerika gibt es kein Beth-Hamidrasch. Und man ist den ganzen Tag allein. Alle Leute arbeiten bei Tag. Man hat niemanden, mit dem man ein Wort reden könnte, außer ein paar alte Weiber. Was tun? Meine Alte rät, ich möge in den Park gehen und mich in der Sonne wärmen; das tut gut, sagt sie. Doch wie lange kann man sich schon in der Sonne wärmen? Sie dürfen mir nicht bös sein, Boß, aber ich bin mir vorgekommen, als wäre ich wieder ein kleines Kind geworden. Da habe ich mir gedacht: Wozu von den Kindern Geld nehmen, wenn ich das Müßiggehen nicht vertrage? Das tut auch meiner Gesundheit nicht gut; ich habe eine schlechte Verdauung, seit ich nicht mehr arbeite. Nein — ich gehe lieber zu meiner Arbeit zurück! Ich habe Ihren Sohn gebeten, mich wieder aufzunehmen und bin zu dem alten „Dienst“ zurückgekehrt. Da läßt sich nichts tun, — der Shop hat nun einmal so eine böse Zauberkraft in sich: bist du einmal in seine Fänge geraten, so hält er dich in seinen Klauen, bis du den letzten Atemzug machst, bis du alle Viere von dir streckst... Ich muß gewiß nicht hier sitzen — so wahr ich lebe! Doch was soll ich tun? So lange bin ich im Shop gesessen, so soll er die paar Jahre, die ich noch habe, auch haben!“ Der alte Lederer stand unbeweglich. Es schien ihm, er habe sich in den alten Motche verwandelt: Das sagt nicht der alte Motche, ich, ich, Chaim Lederer, rede aus ihm... (Fortsetzung folgt)

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