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Das jüdische Echo · 1929-02-08 · 5 (8.2.1929) Chaim Lederers Rückkehr · p. Seite 16

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
5 (8.2.1929) Chaim Lederers Rückkehr
Date
1929-02-08
Page
Seite 16 (sequence 2)
Language
German
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16 Nr.5 Romanbeilage des „Jüdischen Echos** lange Konferenzen über das Mittagessen abzuhalten, bei denen er immer das Gefühl hatte, daß er im Hause als Kranker behandelt wurde. So entschloß er sich eines Tages, nach dem Frühstück ins Geschäft zu fahren, um zu sehen, wie es dort ohne ihn ging. Lederer hatte schon seit langem den lebhaften Wunsch dies zu tun, doch aus verschiedenen Gründen hatte er ihn bisher unterdrückt: Er wußte im voraus, er würde nicht viel Freude haben, denn — „der Deutsche hat sicher schon seine neuen Methoden eingeführt“. Überdies wollte er dem Sohne zeigen, daß er sich nicht deshalb vom Geschäft zurückgezogen hatte, weil er sich schon für zu alt hielt, sondern einer anderen, besseren Tätigkeit zuliebe, die er in seinem Leben noch zu vollführen hatte. Er meinte daher, wenn er zu bald wieder ins Geschäft käme, würden alle erkennen, daß er nur deshalb zurückkehrte, weil er nichts anderes zu tun hatte. Jetzt aber, meinte er, war schon genügend Zeit verstrichen, daß ein Besuch unauffällig und angängig war. Er rasierte sich sorgfältig, zog seinen besten Anzug und seinen schönsten Überzieher an; er wollte nicht in seiner Geschäftskleidung erscheinen; man sollte erkennen, daß er nicht mehr hingehörte und nur als Besucher kam. Der lange Saal, in dem sich die Geschäftsräume befanden, war auch bei Tag, obwohl draußen helle Sonne schien, elektrisch beleuchtet. Das Personal war an seinen Bürotischen mit der zur Routine gewordenen Tagesarbeit beschäftigt und bediente die Kunden, die aus der Provinz zum Einkauf gekommen waren. Der Eintritt des alten „Chefs“ wurde sofort von allen Angestellten bemerkt. Einige Gesichter leuchteten freudig und neugierig zugleich auf. Die alten Mitarbeiter, die wichtige Posten im Unternehmen bekleideten, erhoben sich und gingen Lederer entgegen, um ihn zu begrüßen. Unter ihnen befand sich auch der neue „Aufseher“, Mister Selig. „O, Mister Lederer, was machen Sie? Wie geht es Ihnen? Es war uns allen schon wirklich bange nach Ihnen!“ Lederer beantwortete die Begrüßung kühl und lakonisch. Diese Kälte kam auf Konto der „schmierigen Sippe“ — so nannte der alte Lederer die „Leute“ des Sohnes. Mister Selig, der neue Aufseher, war nämlich Morris Schwager, ein Bruder seiner Frau. „Die Deutschen fassen Fuß!“ — war sein erster Gedanke —. „Kaum habe ich den Rükken gekehrt, setzt er sie schon zur Schüssel.“ „Wo ist Mister Nußbaum?“ — fragte der Alte und schien den neuen Aufseher nicht zu bemerken. „Mister Nußbaum arbeitet jetzt oben.“ „Im Shop?“ „Yes. Mister Selig versieht jetzt seine Agenden hier unten“ — erklärte ein alter Angestellter und deutete auf den neuen Aufseher. Lederer sah nicht hin; der neue Aufseher existierte nicht für ihn. Er fragte: „Wo ist mein Sohn?“ „Morris hat gerade einen geschäftlichen „Lunch“; Mister Nyfeld aus Cincinnati ist hier, er hat eine große Bestellung gemacht.“ Diese Antwort des Mister Selig verdroß den Alten: „Er hat ,Morris4 gesagt, nicht ,Mister Lederer4 wie die anderen, ganz familiär; und das ,Mister Nyfeld ist hier4 klingt so soziusmäßig“ — ging es dem Alten durch den Sinn. Er sandte dem Aufseher einen Blick zu, einen jener Blicke, wie sie der alte Lederer aus seinen grauen großen Augen unter den dichten, einst schwarzen, jetzt grauen buschigen Brauen schleudern konnte, daß den Angestellten ein kalter Schauer über den Rücken lief und ihr Atem stockte. Mit einem solchen Blick maß er den jungen Mann und sagte langsam: „Im Geschäft gibt es nur einen Mister Lederer, keinen Morris, verstanden?“ Damit wandte er sich ab und ließ den Aufseher stehen. Der junge Mann wurde über und über rot, von dem unnatürlich bleichen Gesicht bis zu den weichen Ohren und den Wurzeln des blonden Haares. Lederer ging ins Privatkontor des Chefs, das sich mitten in dem großen Geschäftsraum befand und Glaswände hatte, so daß man von dort aus den ganzen Raum und alles, was darin vorging, übersehen konnte. Er setzte sich an den neuen Mahagonischreibtisch, wo vor nicht langer Zeit sein Platz gewesen war. Jetzt war es der Platz seines Sohnes. Der Alte fühlte, daß er unbequem saß; der Stuhl, auf dem er jahrelang gesessen hatte, war gegen einen neuen, modernen Drehstuhl ausgetauscht worden. Durch die Glaswände des Kontors sah Lederer die Bewegung des Geschäftslebens an den Bürotischen: Schreibmaschinen klapperten; Muster wurden den Käufern gezeigt; Rohmaterial wurde angeboten und ausgewählt; Musterstücke, Leinwand, Kattun, Oxford wurden aufgeworfen; an einem Tisch wurde mit den Käufern über die Lieferungs-,

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