Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 5 (8.2.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-02-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103083-9161888--09159-9082067- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1 •< ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ CHAIM LEDERERS RÜCKKEHR VON SCHALOM ASCH Autorisierte Übertragung aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright by Dr. Präger, Pressedienst, Wien) 5. Fortsetzung Jahrelang waren Vater und Sohn böse, obwohl sie zusammen in einem Unternehmen arbeiteten. Sie besuchten einander nicht und bei ihren Gesprächen im Geschäft beschränkten sie sich auf die trockenen Geschäftsangelegenheiten. Erst vor der großen Feier von Lederers sechzigstem Geburtstag, als der alte Lederer sich entschlossen hatte, aus dem Geschäft auszutreten und es den Söhnen zu übergeben, — erst am T^ige vor dieser großen Feier gab es große Versöhnung nach langen, langen Jahren bei einem intimen Familiendiner in Lederers Hause. Der Sohn weinte, die Mutter weinte und die Schwiegertochter, die eigentlich zum ersten Male im Hause ihres Schwiegervaters war, weinte bitterlich, als Morris dem Vater die Hand entgegenstreckte mit den Worten: „Vater, vergib mir, wenn ich nicht immer gut zu dir war. Doch ich habe dich immer lieb gehabt, stets habe ich in dir den Vater und den ehrlichen Geschäftsmann geachtet.“ Alle weinten bei diesen Worten: die Kinder, die Enkel, sogar das Mädchen, das servierte und in der Tür stehengeblieben war. Nur der alte Lederer blieb hart wie ein Stein. Keine Falte seines Gesichtes rührte sich. Erst war er unentschlossen, ob er dem Sohn die Hand reichen und sich mit ihm versöhnen sollte oder nicht; denn er haßte „Szenen“. Endlich streckte er ihm langsam die Hand hin und sprach ein einziges Wort: „All-right.“ Am nächsten Tag aber, als der Sohn zu der großen Feier, die er in einem der schönsten Säle eines vornehmen Neuyorker Hotels vorbereitet hatte, ohne des Vaters Wissen den Reverend seiner Synagoge, den Obmann des Wohltätigkeitsvereines, in dem Morris Obmannstellvertreter war, und noch einige „Persönlichkeiten“ mitbrachte, um die Morris eifrig scharwenzelte, da spürte der Vater so recht das kriecherische Wesen seines Sohnes. Alles wurde ihm zuwider und seine alte Feindschaft gegen den Sohn flammte wieder auf... Mühsam hielt er an sich, um sie nicht bei der Feier zu zeigen. Doch am nächsten Morgen gab er dem Sohne deutlich zu verstehen, wie es stand: „Es bleibt beim Alten ...“ 4. Kapitel RÜCKEN Doch Lederer blieb nichts anderes übrig, als wieder ins Geschäft zu gehen. Die Bücher, die er sich angeschafft hatte, befriedigten ihn nicht; einige von ihnen bestätigten noch einmal, zum hundertsten und aberhundertsten Mal, daß kein Gott existierte und daß keine Religion wahrhaft sei; das bekräftigten sie mit Beweisen, die er noch aus seinen früheren Jahren kannte, und mit neuen Beweisen, von denen er einige begriff, die anderen ihm unverständlich waren. Doch was existiert eigentlich? Was muß der Mensch tun, um das rechte, das wahre Leben zu leben? Einige Bücher deuteten etwas wie einen Weg an. Doch dieser Weg war so kraus, und um ihn zu gehen, bedurfte es so vieler Voraussetzungen, daß Chaim Lederer trotz angegestrengten Nachdenkens und ernsten Bemühens, den Sinn dieser Methoden zu erfassen, damit nicht weiterkam. Er kam mit den verschiedensten „Systemen“ nicht zu Rate und sie gerieten ihm durcheinander. Ihm war es, als hasche er nach Ringen; hielt er einen in der Hand, so entglitt ihm der andere und er kam nie zu Ende. Und es muß doch etwas existieren, wofür und weswegen das menschliche Leben geschaffen wurde!? Es ist doch unmöglich, daß der Mensch nur eine Arbeitsmaschine sein soll, die auf den Müllhaufen geworfen wird, wenn sie ihre Arbeit getan hat! Doch irgendetwas mußte er tun. Es ekelte ihn schon an, fortwährend zu Hause zu sitzen und seine Frau zu „genießen“ (seine Tochter Stella wich ihm seit dem Vorfall beim Frühstück geflissentlich aus; deshalb war sie auch für einige Zeit zum Bruder übersiedelt und das kränkte den Alten unbeschreiblich); er war es überdrüssig, mit dem Dienstmädchen