Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 6 (8.2.1929)
- Date
- 1929-02-08
- Page
- Seite 87 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Das Jüdische Echo 87 Präsident des deutschen Misrachi. Herr Alexander Adler, im Sommer hier abhielt, bewies, daß Interessenten vorhanden seien und daß es nur darauf ankäme, systematisch mit der zionistischen Arbeit zu beginnen. Eine Reihe von Gesinnungsgenossen tat sich zu Beginn des Winters zusammen und beschloß, die Gründung eines zionistischen Arbeitskreises in die Wege zu leiten. Das Hauptbestreben ging darauf, mit Nichtzionisten über die Fragen Palästinas und der Galuth zu diskutieren. Tatsächlich waren die Vortragsabende in der Mehrzahl von Nichtzionisten besucht, so daß der Versuch schon in dieser Beziehung als durchaus gelungen zu bezeichnen ist. Es erwies sich als notwendig, die Auseinandersetzung bei den Grundlagen beginnen zu lassen. Am ersten Abend sprachen darum die Herren Dr. Nürnberg und Dr. Grünfeld über „Nation und Menschhei t“. Herr Dr. Nürnberg beleuchtete das Thema von der biologischen Seite aus, indem er das Verhältnis von Volk und Menschheit mit der Organisation des Gewebes verglich. Dr. Grünfeld behandelte die Frage vom historischen und staatsrechtlichen Standpunkt aus; er erörterte die verschiedenen von der Wissenschaft aufgestellten Definitionen des Volksbegriffes, die linguistische, ethnologische, geopolitische und psychologische. All diese Definitionen erfassen nach der Meinung des Redners nur eine Seite des Volkstums und müssen ergänzt werden durch die Einsicht in die historisch-kulturelle Gegebenheit eines Volkes, das sich durch die verschiedenen Äußerungen seines nationalen Lebens als ein deutlich gekennzeichnetes Individualwesen abhebt. Gegenüber der Menschheit gebe es daher nur Kulturnationen, die mit Staatsnationen nicht identisch seien. Der zweite Abend sollte die Anwendung der auf diese Weise allgemein gewonnenen Begriffe auf das jüdische Volk bringen. Herr Dr. Bamberger versuchte die verschiedenen Aspekte des Nationalbegriffes auf Vergangenheit und Gegenwart des Judentums anzuwenden; indem er zeigte, daß die sprachliche, blutmäßige und psychologische Verbundenheit des jüdischen Volkes zu keiner Zeit gelockerter als in der Gegenwart sei, suchte er aus diesen Feststellungen heraus zu beweisen, daß neue Wege gegangen werden müßten. Auf solchen Voraussetzungen fußend entwicklte er die zentrale Stellung des Palästinaaufbaues für die moderne Judenfrage. Am dritten Abend sprach der Redakteur der „Jüdischen Rundschau“, Herr Moses Waldmann, über „Jüdische Gesamtheitsaufgaben“. Der Redner gab in fesselnder und von überraschenden Einzelheiten belebter Weise eine Kritik der jüdischen Nachkriegsaktionen sämtlicher jüdischer Richtungen und Parteien. Er wies nach, daß der erzielte Effekt in gar keinem Verhältnis zu der aufgewandten Energie stehe, da es nur schlecht gelungen sei, die indifferente jüdische Masse zu erfassen. Auch der Zionismus müsse versuchen, den Palästinagedanken in alle jüdischen Kreise zu tragen, was durch die neue Agency-Politik wohl herbeigeführt werde. Der Redner fand durch die originelle Begründung seiner Thesen reichen Beifall. An seine sowie auch an die vorangehenden Referate schloß sich eine lebhafte und ausgedehnte Diskussion an, in der alle jüdischen Anschauungen ihren Ausdruck fanden. Zu diesen Vortragsabenden hat sich allmählich eine kleine Gemeinde zusammengefunden, die sicherlich auch in Zukunft zu weiteren Aussprachen Zusammenkommen wird. — Außer diesen öffentlichen Diskussionen trat der engere Kreis der Gesinnungsgenossen mehrere Male zur Beratung rein zionistischer Fragen und zur Erörterung über den Ausbau der hiesigen Arbeit zusammen. III. Nach der liberalen Theorie hat das jüdische Volk im Galuth zu verbleiben, um dort seine Missionsaufgabe zu erfüllen. Man hat sich aber schon oft, wenn es darauf ankam, jener Juden geschämt, die wirklich etwas von jener Missionsaufgabe durchzuführen sich bemühten. Soziale Neuerer, Eiferer für Fortschritt, Völkerversöhnung wurden abgeschüttelt. Wenn gar einmal ein Nichtjude etwas vom Geiste der jüdischen Lehre verspürt, dann ist besondere Vorsicht geboten und darf unter keinen Umständen etwa davon erfahren! — Wer glaubt, daß es sich hier vielleicht um bloß von Zionisten erdachte Konstruktionen handelt, der wurde neuerdings wieder in unserer Stadt darüber belehrt, daß diese Feststellungen wahr sind. Als die Möglichkeit bekannt wurde, Aime Palliere, den Verfasser des „Unbekannten Heiligtumes“, in Würzburg sprechen zu lassen, da regten sich alle jene geschilderten Gefühle übertriebener Rücksichtnahme und so kam es, daß Aim6 Palliere in einem privatgeladenen jüdischen Kreise sprach. Dies hinderte freilich nicht, daß der Vortragsabend zu einem ganz seltenen menschlichen Erlebnis wurde. Wir sind gewiß die letzten, die das Lob der Außenwelt brauchen, um an jüdische Werte zu glauben. Aber wenn ein Nichtjude den Weg zum Judentum findet, und zwar nicht nur zu seiner Lehre, sondern gerade zu seiner geschichtlichen und gegenwärtigen Wirklichkeit, so gibt es zu denken, was für eine werbende Macht heute noch in der Existenz des jüdischen Volkes begründet liegt. Das war nämlich das Einzigartige, Palliere kennt das Judentum in all seinen geistigen Strömungen und fand für jede kluge Worte der Kritik und Anerkennung. Für ihn ist Judentum weder Religion noch Nation, „die Wahrheit ist größer als beides zusammen“. Er sieht alles als eine große Einheit und der Chaluz Palästinas manifestiert für ihn dieselbe religiöse Kraft, zu der sich die jüdische Seele schon zu allen Zeiten der Geschichte aufgeschwungen hat. Nicht mit Unrecht bezeichnete der Vorsitzende des Abends dieses Ereignis als einen Kiddusch — Haschern, -r. Hungersnot in Bessarabien 40 000 Juden in Gefahr Die Judenheit der neuen rumänischen Provinz Bessarabien, die zu einem sehr großen Teil entweder selbst dem Landbau obliegt oder vom Getreidehandel bzw. -export lebt, ist durch die schweren Mißernten der letzten zwei Jahre hart betroffen worden. Die Jüdische Telegraphen- Agentur hat bereits wiederholt Schilderungen aus den Hungergebieten Bessarabiens gebracht. Vor kurzem begab sich der Berliner Schriftsteller Dr. Jakob Lestschinski nach Bessarabien. Die Eindrücke, die er dort empfing, sind erschütternd. Von dem in Kischinew, der Hauptstadt Bessarabiens, bestehenden Rettungskomitee, an dessen Spitze der Vorsitzende des Verbandes der jüdischen Kreditgenossenschaft Rojtman, Dr. Mutschnik, Dr. Jakir, der Vorsitzende des Kischenewer Stadtrates Dr. Silbermann und andere angesehene jüdische Persönlichkeiten stehen, wurde Herr Dr. Lestschinski gebeten, die Öffentlichkeit über den ungeheuren Notstand zu informieren, der in Bessarabien herrscht und der einen sehr großen Teil