Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1929-02-08 · 6 (8.2.1929) · p. Seite 84

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
6 (8.2.1929)
Date
1929-02-08
Page
Seite 84 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9103083-9161888--09154-9082062
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

84 Das Jüdische Echo Nr. 6 Palästina, wo wirklich Juden mit Pflugscharen arbeiten. Eine Vergewaltigung von Anschauungen innerhalb des Verbandes ist undenkbar. Nun könnte eingewandt werden, es handle sich um eine „politische“ Angelegenheit. Dazu verweise ich auf den kürzlich gehaltenen Vortrag von Prof. Elbogen, der darlegte, welche religiöse Bedeutung dem Palästinawerk zukommt. Man könnte also sagen, daß wir im Verband religiöse Richtungen haben, die Politik machen, und eine politische Bewegung, die allein die Bedingungen für religiöse Entwicklung schafft. In der Frage der Lehrerausbildung setzt sich der Redner nachdrücklich für die Anträge von Steinhardt ein. Wir brauchen tüchtige, gut ausgebildete Lehrer und dürfen kein Lehrerproletariat schaffen. Wir müssen alle Kräfte vereinen, um es für jeden Juden wieder zu einem Gegenstand des Ehrgeizes zu machen, Lehrer zu werden. Der Vorredner hat seine Ausführungen mit der Mahnung. begonnen, man solle hier nur sachlich reden, er hat darauf angespielt, daß andere die Tribüne für unsachliche Darlegungen ausnützen. Ich würde es für richtig halten, wenn man es jeder Gruppe überließe, wie sie auftreten will, statt sich selbst hier als „sachlich“ zu empfehlen, wo man doch sofort darauf den Beweis erbringt, daß man trotzdem Deklarationen über jüdische Gesinnungen abgibt. Das kommt davon, weil wir alle hier nur aus einer bestimmten jüdischen Überzeugung heraus sprechen können. Alle Redner haben von den Gefahren für den Bestand des Judentums gesprochen, der eine von der Not der kleinen Gemeinden, einer von der Mischehe, einer vom Antisemitismus usw. Rabbiner Seligmann sagte in seiner Eröffnungsrede: „Wer seiner Art untreu wird, verfällt der Entartun g.“ Ich würde wünschen, daß dieser Satz die wirkliche Richtschnur unserer Entscheidungen wird. Wir erleben heute neben all den Verfallserscheinungen eine steigende antisemitische Welle. Die Bemühungen, diesem Judenhaß den Garaus zu machen, sind erfolglos geblieben, und nicht nur, weil man zu viel Zeit auf die Bekämpfung des Zionismus verwendet hat (Heiterkeit), sondern sie wären auch erfolglos geblieben, wenn man sich ausschließlich ihnen gewidmet hätte. Es gibt nämlich eine objektive Judenfrage, die existiert ganz unabhängig von der Einstellung und der Gesinnung des einzelnen Juden. Redner verweist auf die Institution des Joint Foreign Committee in London und empfiehlt die Schaffung einer ähnlichen Instanz, die sich mit allen jüdischen Angelegenheiten der Welt beschäftigt. Der Landesverband müßte ein Institut für jüdische Gegenwartsforschung schaffen. Es wird sich zeigen, daß man zwar die Tatsachen verschieden bewerten kann, aber daß es Tatsachen gibt, die die Judenfrage bilden, eine objektive Judenfrage, die der Lösung harrt. Wir begrüßen es, daß man auch in anderen jüdischen Parteien wenigstens durch konkludente Handlungen den Grundsatz von Klal Jisrael anerkennt. Ich würde riskieren zu sagen, daß die Juden nicht nur ein Volk sind, sondern sogar eine „Schicksalsgemeinschaft“, was vielleicht noch mehr ist, nämlich bedeutet, daß wir ohne Rücksicht auf unsere Gesinnungen und Gedanken schicksalhaft zusammengeschmiedet sind, in Wahrheit vor dem Weltgeschehen zusammengeballt zu einer Einheit, wie auch immer wir unter uns Gegensätze konstruieren. Hier komme ich zu den Beziehungen zwischen den jüdischen Gruppen. Wer weiß, daß dieser schicksalhafte Zusammenhang des Judentums besteht, der kann nur wünschen, daß unter den Juden die Zusammenarbeit in Freiheit geführt und zugleich der Kampf um den Sinn des Judentums klar und kraftvoll ausgekämpft wird. Man hat dann nicht mehr nötig, den Kampf so zu führen, daß persönliche Verunglimpfungen sein Hauptinhalt sind. In jüdischen Gesinnungsfragen kann niemals eine abschwächende Vereinbarung geschlossen werden, am wenigsten durch Führer einzelner Gruppen, die sich dadurch von ihren Anhängern isolieren. So viel man auch über die Krise der Demokratie spricht, bei uns Juden ist die Demokratie unerläßlich, weil alles auf Freiwilligkeit beruht. Darum treten wir auch dafür ein, beim Reichsverband die Einflußnahme des wirklichen Wählers auf die Gestaltung der jüdischen Geschicke sicherzustellen. Unsere Gruppe hat den Beweis erbracht, daß sie vollwertige Mitarbeit leistet. Aber über diese Tagesarbeit hinaus muß der Landesverband ein Forum für die freie Erörterung jüdischer Fragen abgeben, eine Möglichkeit, Gesinnungen vorzutragen, die als Wegweiser für die Erneuerung dienen können, welche heute der jüdischen Welt nottut. Der Aufbau des jüdischen Lebens in Palästina bedeutet einen Weg, aus dem fiktiven Judentum herauszukommen und sich in die Wirklichkeit hineinzuwagen mit all ihren Schwierigkeiten. Hier geschieht etwas für das ganze Judentum. Unsere Meinung ist, daß dies erst allen jüdischen Organisationen, also auch dem Landesverband, seinen Sinn gibt. Es mehren sich die Zeichen, daß über über den zionistischen Kreis hinaus Menschen die Bedeutung dessen erkennen, was dort vorgeht. Im Etat des Landesverbandes sind Posten für Siedlung, Berufsumschichtung usw., dies sind wichtige Dinge, aber Palliativmittel, keine Mittel zur Erneuerung jüdischen Geistes und jüdischer Wirklichkeit. Zum Schluß betont der Redner, daß seine Partei in religiösen Fragen grundsätzlich das Recht aller jüdischen Gruppen anerkennt, ihre religiöses Leben in Freiheit zu gestalten. Wir fordern aber, daß auch unserer Gruppe die Freiheit der Betätigung nach ihrem Sinne gegeben werde. Wenn man von nichtzionistischer Seite die Juden als Schicksalsgemeinschaft bezeichnet habe, so müsse die Frage gestellt werden: Will man Spielball des Schicksals sein oder sein Schicksal selbst gestalten. (Lebhafter Beifall.) Hierauf spricht der Konservative Dr. Horowitz, wonach eine Pause stattfindet, nach der Dr. Fischer (Barmen, Jüd. Volkspartei) als Referent des Haushaltungsausschusses die einzelnen Posten des Voranschlags eingehend erläutert. Im Anschluß daran wird in die Spezialdebatte zum Etat eingetreten, die den Rest der Sonntagnachmittagsitzung in Anspruch nimmt. Die Montagvormittagsitzung Montag, den 4. Februar, wurde zunächst die Frage der Verlängerung der Legislaturperiode des Landesverbandes bis September 1930 behandelt. Nach Ansprachen von Baerw a 1 d (Lib.) und Dr. Sandler (Volksp.) wurde der Antrag angenommen. Die Aussprache über den Stand der Genehmigung des Landesverbandes durch die Staatsregierung war sehr lebhaft. Dr. Epstein (Volksp.) sprach gegen die Forderung des deutschen Indigenats für die Wählbarkeit in den Verband. Es

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.