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Das jüdische Echo · 1929-02-01 · 4 (1.2.1929) Chaim Lederers Rückkehr · p. Seite 13

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
4 (1.2.1929) Chaim Lederers Rückkehr
Date
1929-02-01
Page
Seite 13 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ 15 „Ich muß dir sagen, lieber Freund, — seit du das Geschäft aufgegeben hast, ist es mit dir nicht auszuhalten. Ich möchte dir raten — suche dir irgendeine Beschäftigung, sonst bringst du uns alle noch ins Irrenhaus. Vielleicht möchtest du heute ins Geschäft fahren? Morris hat schon nach dir gefragt; er wundert sich, warum der Vater sich gar nicht zeigt.“ „So! Morris hat nach mir gefragt und wundert sich, warum der Vater sich gar nicht zeigt! Er hat wohl Sehnsucht nach mir, wie? Sonst nichts?“ — Lederer stand vom Tisch auf und ging auf die Veranda. Das Frühstück war verdorben. Eigentlich war Lederer heute früh mit dem Vorsatz aufgestanden, nach dem Frühstück ins Geschäft zu fahren, um zu sehen, wie es dort ohne ihn ging. Doch da seine Frau ihm den Vorschlag machte und noch mehr, weil sein Sohn Morris nach ihm gefragt hatte, — gerade darin spürte er des Sohnes Falschheit —■ beschloß er nicht hinzufahren. Und indem er sich tief in die Lippen biß, sagte er laut: „Da kann er lange warten!“ Mister Morris Lederer, Chaim Lederers Sohn, war ganz, ganz anders geartet als sein Vater. Vor allem hatte er eine ganz andere Erziehung genossen. Wohl war der junge Lederer nicht in Samt und Seide geboren worden und hatte seine Knabenjahre in den Zinskasernen der Norfolk- und Essex-Street verbracht, bei rötlichem Gaslicht, bei ölfleckigem Leinen, aus dem bis spät in die Nacht Hemden genäht wurden, — doch sein Heim war mehr die Straße, die Schule, der Spielplatz gewesen als die ärmliche Wohnung. Er erinnerte sich der Armut nicht mehr und wollte sich ihrer nicht erinnern. Die Straße gab ihm den Mut, welcher ihn befähigte, sich mit starken Ellenbogen einen Weg zu bahnen; der Spielplatz — harte Knochen, welche imstande waren, Schläge auszuteilen und auszuhalten, und die Geschicklichkeit, noch im Fallen auf den Füßen zu bleiben; die Schule — Leichtigkeit im Umgang, oberflächlichen Schliff und vollkommene Beherrschung der Sprache. Mit diesen Waffen ausgerüstet erklomm er das mächtige Schwungrad des amerikanischen Lebens. Als kaum den Knabenjahren entwachsener Bursche von siebzehn oder achtzehn Jahren trat er ins väterliche Geschäft ein, das sich damals noch auf East-Side befand und ganz klein war. Er war zunächst Lehrling; doch bald stand seine Fähigkeit in nichts hinter der der eifrigsten und besten Mitarbeiter des Vater zurück; sein Mut und seine Unbekümmertheit kannten kein Hindernis. So war es eigentlich der achtzehnjährige Morris Lederer, welcher das Geschäft von der armen East-Side auf den breiten geräuschvollen Broadway verlegte (aus diesem Grunde herrschte auch zwischen Vater und Sohn eine langjährige, stille Rivalität). Seine Fähigkeiten, seine Geschicklichkeit im Umgang mit Menschen, seine Kenntnis der Sprache machten Morris überall willkommen; so besuchte er die Banken, er bekam den Kredit. Dem Vater überließ er die Aufgabe, die Arbeit im Innern zu organisieren oder, wie Morris es nannte, „mit seinen Landsleuten zu taglöhnern“. Neben vielen anderen Dingen, die der Sohn dem Vater übelnahm, wie z. B. des Vaters unamerikanisches Wesen“, sein schlechtes Englisch, seine Verbindung mit der East-Side. konnte Morris dem Vater nicht verzeihen, daß der alte Lederer ein „Nihilist“ war (dieses Wort hatte er einmal vom Reverend seiner Synagoge gehört und rasch in sein Lexikon aufgenommen, um seinen Sprachschatz damit zu bereichern). Morris war von Jugend auf bestrebt, sowohl geschäftlich als auch in sozialer Hinsicht emporzukommen. Er hatte rasch erkannt, daß zwei gangbare Wege, die auf der Leiter des Zufalls emporführen, der „Klub“ und die „Synagoge“ sind. Deshalb gehörte Morris schon in jungen Jahren fünf oder sechs Klubs an. Er war auch „Freimaurer“ von hohem Grad. Den größten Wert aber legte er auf die Zugehörigkeit zu einer „Congregation“, einer religiösen Vereinigung; und seine Bemühungen in dieser Hinsicht waren von Erfolg gekrönt; er wurde schließlich angesehenes Mitglied einer Synagogengemeinde und gehörte verschiedenen Wohltätigkeitsvereinen an. Für diese Zwecke scheute er auch keine materiellen Opfer und das Spendenkonto des Geschäftes erreichte durch ihn eine ansehnliche Höhe. Diese Ausgaben begründete er damit, daß sie vom Geschäftsstandpunkt aus unbedingt rentabel seien. Der alte Lederer dagegen gehörte keiner Synagogengemeinde an (er erklärte, das gehe gegen seine Überzeugung) und betätigte sich in keinem Wohltätigkeitsverein, die wenigen Landsmannschaften auf East-Side ausgenommen, in denen er aus alter Gewohnheit seinen Mitgleidsbeitrag zahlte, ohne jedoch zu ihren Meetings und sonstigen Veranstaltungen zu kommen. Er war auch nicht der Mann, der sich in den Vordergrund rücken konnte. Der alte Lederer hielt sich für einen „Radikalen“. Von seinem Radikalismus war freilich nur ein winziges Überbleibsel geblieben —■ sein Atheismus war der einzige „Glaube“, den er besaß. Wie ein alter frommer Jude an seinem Glauben, so hielt Lederer an seinem Atheis-

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