Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 4 (1.2.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-02-01
- Page
- Seite 14 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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14 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr 4 mus fest und fürchtete ihn zu verlieren. Und so viel seine Familie, die Frau ebenso wie die Kinder, ihm auch zuredeten, er möge einer Synagoge beitreten, ihm klarlegten, daß das ihrer gesellschaftlichen Position förderlich sei, ihn darauf hinwiesen, daß jeder seiner Geschäftsfreunde einer Synagoge, einem „Centre“ angehöre — sie richteten nichts aus. In Lederers Augen war sein „Atheismus“ der einzige Faden, der ihn mit den Idealen seiner Jugend verband. Und wie ein frommer Jude seinen Glauben nicht verlieren will, so wollte Lederer nicht mit dem „Ideal“ seiner Jugendjahre brechen. Das konnten ihm die Kinder nicht verzeihen, am wenigsten sein ältester Sohn Morris. Morris gerade hatte schon von Kindheit an religiöse Neigungen gehabt, nicht aus Frömmigkeit, sondern aus Gewohnheit. Er sah, daß alle seine Kameraden fromm waren; warum sollte er anders sein? Er sah sogar, daß in anderen Häusern die Väter fromm waren und die Kinder zur Frömmigkeit anhielten, während die Kinder sich wehrten; nur bei ihm zu Hause war es so merkwürdig: der Vater betete nicht, ging nie in den Tempel, hielt nicht einmal recht die Festbräuche. Und wie es in solchen Fällen oft zu geschehen pflegt, — die irreligiöse Art des Vaters rief in den Kindern die Sehnsucht nach den Bräuchen und Zeremonien der jüdischen Religion wach. Die Kinder „naschten“ religiöse Bräuche in Nachbarhäusern, bei Kollegen und Freunden; dort lernten sie die Sabbatzeremonien, den Seder und andere Bräuche kennen. Solange sie klein waren, schwiegen sie oder murrten leise untereinander. Als sie heranwuchsen, erhoben sie lauten Protest: „Vater meint, er sei noch in Rußland, wo man ewigen Krieg gegen den Zaren und gegen Gott geführt hat. Wir leben aber in Amerika, — hier gibt es keinen Zaren und hier braucht man keine Revolutionäre. Alle anständigen Leute gehen hier in den Tempel, warum geht der Vater nicht auch hin?“ — so ließ sich Morris im Namen aller aus und die ganze Familie stimmte ihm innerlich zu. Die Straße, aus der Lederer hervorgegangen war, schien mit ihm in sein „Heim“ eingezogen zu sein. Die Nacktheit, aus der er stammte, hatte er in sein Haus mitgebracht. Die Atmosphäre eines „Heims“, welche die religiösen Bräuche des Judentums an den Freitagabenden und an den Festtagen schaffen, konnte Lederer seinem Hause nicht geben. Und eine andere Atmosphäre zu schaffen, die sein Haus zum „Heim“ machen konnte, dazu besaß er nicht die Fähigkeit. So blieb sein Haus wirklich ohne Heim, nackt und kalt. Und die Kinder suchten sich, sobald sie nur zu denken anfingen, ihr „Heim“ auswärts. Morris machte den Anfang. Kaum war er nur ein wenig flügge geworden, ging er auf die Suche nach einem anderen Heim und verschwand Abend für Abend aus dem Elternhaus, bis er sich endlich dauernd einer sogenannten „deutschen“ Familie anschloß, die aus Galizien oder aus Ungarn stammte; dort gab es einen alten Vater, der genau und zeitgerecht alle religiösen Zeremonien einhielt. Die Familie kam einmal in der Woche zum alten Vater zu Besuch, die Mutter buk vorzügliche Käsekuchen, es wurden Familienfeste gefeiert, beinahe jeden Montag und Donnerstag ließ man sich photographieren, Geburtstage wurden festlich begangen, es gab Familienunterhaltungen. Dort fand Morris das „Heim“, das ihm zu Hause fehlte und schloß sich rasch an. Nachdem Morris sich verlobt hatte, kam er immer seltener ins Elternhaus. Und nach der Hochzeit (gerade am Vortag hatte sich der alte Lederer mit dem Sohn zerstritten und war deshalb nicht zur Hochzeit des Sohnes gekommen, was dieser ihm nie verzeihen konnte) zog sich Morris völlig von seinen Eltern zurück und schloß sich ganz der Familie seiner Frau an. Dem ältesten tat es der zweite Sohn Jakob nach und nun war auch schon die Tochter daran, den Brüdern zu folgen. Der alte Lederer haßte Morris neuen „Familienanschluß“ und konnte in helle Wut geraten, wenn in seiner Anwesenheit im Hause der Name der „deutschen Schnorrer“ (so nannte er sie) fiel, die sich in seine Familie eingeschlichen und ihm den Sohn geraubt hatten. Seine Schwiegertochter hatte er im ganzen zweimal im Leben gesehen und das bei besonderen Gelegenheiten, nämlich bei der Beschneidungsfeier seiner beiden Enkel. Und der Schwiegertochter wegen begann er auch seinen Sohn zu hassen. „Den Deutschen spürt man bei ihm schon von weitem“ — pflegte er sich über Morris zu äußern. Er sah, wie der Sohn sich immer enger der „deutschen“ Familie anschloß, alle Charakterzüge, alle Gewohnheiten der „Deutschen“ annahm. Seine kriecherische Art, sein aufgeblasenes Wesen im Tempel, seine Geschäftigkeit in den verschiedenen Wohltätigkeitsvereinen, seine Bemühungen um eine Ehrenstelle, etwa als Vorsteherstellvertreter in einem bekannten Verein, sein Großtun mit den Spenden und Gaben, die er dem Geschäft entnahm, — all’ das bezeichnete Lederer mit dem Ausdruck: „Den Deutschen spürt man bei ihm schon von weitem.“ (Fortsetzung folgt)