Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 4 (1.2.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-02-01
- Page
- Seite 12 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 4 trat, das neben der Veranda lag, hielten Frau und Tochter schon beim Kuchen. Stella war ein so seltener Gast am Tisch des Vaters, daß Lederer geradezu freudig überrascht war, sie hier zu finden: „Ein Wunder! Du zeigst dich einmal?! Was für ein besonderer Anlaß ist heute?“ Die Mutter winkte der Tochter, sie möge schweigen; dabei deutete sie auf ihren Mann mit einer Geste, mit der man auf einen Kranken deutet. Lederer merkte es und fühlte die Geringschätzung, die darin lag, daß man ihn für krank hielt. Ein Zornausbruch drohte. Doch Stella, die den Wink der Mutter offenbar verstanden hatte, ging auf den Vater zu, schlang ihre bloßen, jugendlichen Arme um den alten Mann und drückte ihren frischen Mädchenmund schmeichelnd an Lederers Stirn: „0, wie geht es dir, lieber Papa? Ich habe dich doch schon jahrelang nicht gesehen!“ Lederers Ärger wurde besänftigt und das Feuer seines Zornes erlosch. Doch bald hatte er Anlaß, an anderen Dingen Anstoß zu nehmen, an Kleinigkeiten, um die er sich bisher gar nicht gekümmert, die er bisher nicht einmal bemerkt hatte, die ihm aber, seit er zu Hause war, auffielen und ihn ärgerten. Die Armut und Not seiner Jugend lag ihm tief in den Knochen und saß ihm immer noch im Blut. Sie ließ ihn das Leben nicht genießen, obwohl er es jetzt unbekümmert hätte tun können ... Noch immer hatte Lederer die Gewohnheit, bei jedem Schritt, den er tat, zu erwägen, ob er ihn nicht ruinieren konnte. Und das zeigte sich ganz besonders in Kleinigkeiten. Auch jetzt noch brachte er es nicht über sich, ein ganzes Stück Zucker in den Kaffee zu tun, obwohl er süßen Kaffee sehr liebte; er brach den Zuckerwürfel in zwei Hälften, die eine für jetzt, die andere für später. Er brachte es auch nicht über sich, eine dicke Schichte Butter auf die Brotschnitte zu streichen, obwohl er leidenschaftlich gern viel Butter aß ... Gerade in Kleinigkeiten trat sein Geiz zutage. Es kostete weniger Mühe, von ihm tausend Dollar zu bekommen als ein paar Cents. Sein Auto rostete unbenützt in der Garage, obwohl er einen Chauffeur hielt, weil er ausgerechnet hatte, es werde ihn billiger kommen, mit der Untergrundbahn in sein Geschäft zu fahren als mit dem eigenen Auto. Das war nicht Geiz an sich, — die Armut, die im Elternhause in ihn gefahren war, wollte seinen Körper nicht verlassen, auch nicht in der prächtigen Villa in Flattbush. Seit Lederer seinem Frühstückstisch mehr Aufmerksamkeit schenkte, hatte er bald festgestellt, daß in seinem Hause zuviel Butter und Zucker aufging und daß von dem Essen, das in seinem Hause verdarb, einige Familien leben könnten. Eigentlich stand diesmal nicht mehr auf dem Tisch als sonst, und es ging auch nicht mehr Butter und Zucker auf als gewöhnlich. Doch was Lederer daran verdroß, war die Selbstverständlichkeit und Gedankenlosigkeit, mit der seine Kinder seine Güter, seinen Reichtum, seine Butter und seinen Zucker benützten ... Bisher hatte er zu dieser Beobachtung geschwiegen und bloß seine Kinder um ihren Wohlstand beneidet: Warum habe ich das in meiner Jugend nicht gehabt? Warum habe ich mir das nicht erlauben können? — Als er jetzt an den Frühstückstisch trat, da kamen diese Empfindungen wieder und er lieh eigentlich nur dem Worte, was schon lange in seinem Herzen gebrannt und worüber zu reden er sich nur geschämt hatte. „Diese Verschwendung, dieser Überfluß... da, die Butter, der Zucker!“ — murmelte er vor sich hin. Frau und Tochter sahen ihn verwundert an: Was will der Vater eigentlich? Daß wir keine Butter und keinen Zucker verwenden sollen? Warum eigentlich? Kostet es denn so viel, daß man damit rechnen muß? Will er uns unser Frühstück verderben? Lederer selbst bereute seine Worte. Er schämte sich des Vorwurfs, fühlte den Neid gegen seine Angehörigen in seiner Seele brennen. Und wie um sich zu entschuldigen, begann er von seiner eigenen Jugend, von seinem früheren Hunger zu erzählen: „Wie ich so alt war wie du, Stella, habe ich mir das nicht erlauben können; ich habe mich reich gefühlt, wenn ich trockenes Brot hatte.“ „Was willst du also? Soll sie deshalb auch nichts essen, nur weil du in deiner Jugend gehungert hast?“ Stella war ebenso wie die anderen Kinder stets peinlich davon berührt, wenn der Vater von seinen Hungerjahren und seiner früheren Armut zu erzählen begann. Die Kinder sahen darin einen Vorwurf, daß sie nicht hungerten, und spürten, wenn auch nicht direkt, den Neid des Vaters. „Dem Vater macht es immer wieder Freude, uns das Frühstück zu verderben und den Bissen im Mund bitter zu machen. Ich wünschte, ich könnte das Haus so schnell als möglich für immer verlassen!“ — Stella erhob sich und verließ, Tränen in den Augen, den Frühstückstisch. Der alte Lederer sah seine Tochter an und blieb schweigend und schuldbewußt wie ein Knabe am Tisch sitzen.