Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 4 (1.2.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ CHAIM LEDERERS RÜCKKEHR VON SCHALOM ASCH Autorisierte Übertragung aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright by Dr. Präger, Pressedienst, Wien) 4. Fortsetzung. Wieder erwachte er unausgeschlafen und nervös. Bei Nacht hatte er sich in einer elenden Werkstätte befunden, wo er Stiefelschäfte nähte. Sein und seiner Kameraden Arbeitgeber war kein Mann, sondern eine Frau, die auf einem Auge blind war. Sie entlohnte die Arbeiter für ihre Arbeit mit sauerem Borscht1 und hartem Brot... Als Lederer sich von seinem Lager erhob, auf dem ihn unsinnige Träume gequält hatten, fiel sein Blick auf seine Frau; sie trug ihre Morgenhaube und hatte darin eine auffallende Ähnlichkeit mit dem „Weib“, das er bei Nacht im Traume gesehen hatte. Lederer schämte sich dieser Gedanken vor sich selbst und ging, ohne seiner Frau auf ihre Frage nach seinem Befinden recht zu antworten, rasch ins Badezimmer, um sich anzukleiden. Von den drei Kindern wohnte nur die Tochter Stella bei den Eltern; sie hatte ihr Hochschulstudium vorzeitig aufgegeben, da sie sich sehr früh erwachsen fühlte und, tatsächlich über ihr Alter reif, sehr früh ans Heiraten dachte. Als Stella noch ein Kind war, hatte Lederer sie sehr lieb; er spielte gern mit ihr, ergötzte sich an ihrem Kleinmädchengeplapper und seine Hand streichelte gern ihr weiches Kinderhaar. Doch in mehr als in der Frage: „Wie ist es in der Schule gegangen, Stella?“ — hatte sich die Liebe des Vaters nicht geäußert. Lederer hatte sein Leben lang nicht so viel Zeit gehabt, daß er sich mit seinen Kindern beschäftigen konnte. Doch seit Stella erwachsen war und andere Lebensinteressen besaß als ihre Eltern, wurde sie dem Vater immer mehr entfremdet. Vor allem hatte der Vater sehr selten Gelegenheit, Stella zu Hause zu treffen. Die Tochter war stets irgendwo außer Hause: zu Besuch bei einer Freundin, bei einer Unterhaltung, im Sommer- oder Winteraufenthalt, in einem Pensionat. „Was willst du eigentlich haben? Soll sie hier beim Ofen sitzen und dir zuhören, wie du seufzest? Stella muß an sich denken!“ — so verteidigte die Mutter ihre Tochter gegen den ständigen Vorwurf des Vaters, Stella treibe sich die ganze Zeit außer Hause umher. Sie war auch schließlich im Recht; Stella war nicht mehr das kleine Kind, dem man das Haar streicheln, das man auf die Knie setzen und über die Noten im Schulzeugnis ausfragen konnte. Und andere Interessen — andere Interessen verbanden Vater und Tochter nicht. Selbstverständlich besaß Stella kindliches Empfinden für ihren Vater, wenigstens auf ihre Art: Der „alte Mann“ arbeitet doch so schwer; er ist ein lieber, guter, alter Herr, der arbeitet, um seine Familie glücklich zu machen, alle ihre Bedürfnisse zu befriedigen, daß sie sich vor Freunden und Bekannten nicht zu schämen brauchen. Freilich, es ist nicht immer leicht, von ihm Geld für einen neuen Abendmantel, ein neues Auto und andere Dinge dieser Art zu bekommen. .Doch als Vater, welche Rolle spielte er als Vater in Stellas Leben? Eine ein wenig lächerliche, altmodisch, europäisch, „russisch“. Er quält die Mutter mit seinen Launen, sie hat es nicht leicht mit ihm. Und für den Vater wurde Stella immer mehr zur Vertreterin einer anderen, einer fremden, einer feindlichen Welt. Sie und die hohlköpfigen „Boys“, die sie nach Hause mitbringt, dreschen ihre „Jazz“, daß man darüber toll werden kann. Sie nimmt sich mit ihren „Boys“ Freiheiten heraus, die daheim in Rußland Gott weiß wer sich nicht gestatten würde. Und dazu heißt es schweigen. Einmal hatte der Vater darüber ein Wort fallen lassen, da ging sie fort und verbrachte lange Zeit Abend für Abend auswärts. Und Sara wehklagte ganze Nächte, daß er das Kind aus dem Hause vertrieben hatte. Nein, Lederer war wirklich kein sehr bequemer Mensch, er war nicht der Vater, der seiner erwachsenen Tochter helfen konnte, den richtigen Mann zu bekommen. Und Stella mußte ihr Glück außer Hause suchen. Als Lederer in das kleine Speisezimmer 1 Eine Riibcnsuppe.