Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 4 (25.1.1929)
- Date
- 1929-01-25
- Page
- Seite 60 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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60 Das Jüdische Echo Nr. 4 nun in i in 1!DI III 1 Feuilleton | il . II | II | 11 1111 II 11 Lessing und die Juden (Zu seinem 200. Geburtstag) 22. Januar Man könnte sich fragen, ob wir am 22. Januar, dem 200. Geburtstage Lessings, nicht nur aus Konvention die runde Zahl und den großen Namen feiern; das heißt, ob uns Lessing eine Persönlichkeit von nur historischer Bedeutung ist oder ob sein Vorbild auch als schöpferisch für unsere Zeit gilt. Als Bahnbrecher von vielem Großen haben ihn schon die Träger der Hochblüte des deutschen Geisteslebens: Goethe, Schiller, Herder, erkannt und doch blieben den folgenden Generationen immer noch Entdeckungen seines Fortwirkens Vorbehalten. Im Kampfe gegen jede starre Tradition stellte er sich an die Spitze des Rationalismus und zeigte darüber hinaus auf allen Gebieten neue Ziele und Wege. Das deutsche Theater verdankt ihm den mächtigen Hinweis auf Shakespeare, die Befreiung vom französischen Muster, und eines seiner wenigen guten Lustspiele, sein „Laokoon“, ist das erste kunstkritische Werk; doch das alles erschöpft nicht die Bedeutung dieses Mannes, die wesentlich im rein Menschlichen lag, in seinem Kampf für die Wahrheit gegen jedes Vorurteil. Überhaupt war Lessing in viel höherem Grade Denker als Dichter, sein scharfer, durchdringender Intellekt bestimmte ihn weit mehr für die Idee als für die Gestalt in der Literatur. Daher liegt auch der Wert seines „Nathan“ überwiegend nicht in der dramatischen, sondern in der moralischen Wirkung und hier ist der Grund, warum wir Lessing auch in die jüdische Geschichte einzureihen haben. Sein Schaffen hat das jüdische Schicksal zum mindesten in Deutschland entscheidend beeinflußt. Im Jahre 1749, schon vor seiner Bekanntschaft mit Mendelssohn, verfaßte er sein Lustspiel „Die Juden“, in dem er aus dem Volke der allgemein verachteten Juden einen Mann von edelstem Charakter, der die Herzen aller Christen gewinnt, auftreten läßt. „Es war das Resultat einer sehr ernsthaften Betrachtung über die schimpfliche Unterdrückung, in welcher ein Volk seufzen muß, das ein Christ, sollte ich meinen, nicht ohne eine Art Ehrerbietung betrachten kann.“ So schreibt er selbst darüber, und als bezweifelt wird, ob „unter einemVolke von den Grundsätzen, der Lebensart und Erziehung... ein solches edles Gemüt sich gleichsam von selbst bilden könne“, da antwortet er; „Besteht man darauf, daß Reichtum, bessere Erfahrung und ein aufgeklärterer Verstand nur bei einem Juden keine Wirkung haben könnten, so muß ich sagen, daß dieses eben das Vorurteil ist, welches ich durch mein Lustspiel zu schwächen gesucht habe; ein Vorurteil, das nur aus Stolz oder Haß fließen kann und die Juden nicht bloß zu rohen Menschen macht, sondern sie in der That weit unter die Menschheit setzt.“ 30 Jahre später, nachdem er durch seine Freundschaft mit Mendelssohn praktisch seine Verachtung aller Vorurteile gezeigt hatte und im Laufe dieser Zeit bestärkt worden war in seiner Überzeugung vom hohen, menschlichen Wert der Juden und der Ungerechtigkeit ihrer Behandlung, reifte in ihm das Werk, in dem er seine Idee der Humanität in reinster Form niederlegte, „Nathan der Weise“. Das Recht jedes Menschen auf seine Religion, auf Behauptung seiner Art und daher die Pflicht der Duldung gegen fremde Religionen und Gruppen verkündet Lessing hier mit Nachdruck und Geschick. Am nächsten lagen ihm als Beispiel die Juden; doch gilt seine Sch'öpfung nur den Juden, ist der Zweck des „Nathan“ allein ihre Tolerierung? Nein, die Idee der Menschlichkeit sieht er hier besonders verletzt und deshalb fordert er von der Kanzel des Theaters ihre Durchsetzung wie jederzeit und überall in seinem Leben, diesem dauernden Kampf gegen jedes Unrecht. So ist Lessing zum Vorbild, zum Bahnbrecher der Toleranz und der Anerkennung der Juden geworden und so half er entscheidend mit, die Emanzipation vorzubereiten. Und in dieser Leistung liegt auch seine große historische Bedeutung für die Juden. Kehren wir nun zu unserer ersten Frage zurück: Bindet uns an Lessing noch etwas außer der Dankbarkeit für seine Leistung? Was sagt er uns, den heutigen Juden? Kann seine Persönlichkeit unseren Weg mitbestimmen, wie wir wünschen, daß sie die Stellung der anderen Völker zu uns bestimme? Wieder sind es seine höchste Idee und die Kraft, die er dafür einsetzte, die uns erlauben, mit Ja zu antworten. Recht aller Menschen auf Eigenart und Selbstbestimmung lautet Lessings positive Forderung. Er konnte nicht wissen, daß Toleriertwerden keine Lebensform für die Dauer ist, daß die individuelle Emanzipation zwar vielleicht eine Lösung der jüdischen Frage für den einzelnen, nicht aber für die jüdische Gesamtheit darstellt; er betrachtete eben in der Gebundenheit an den Rationalismus seiner Zeit den Menschen nur als Individuum. Uns hat inzwischen die Geschichte nach ihm daran erinnert, daß dies nicht genügt. Doch Lessings Idee der Freiheit besteht und sie hat auch für Menschengruppen, Völker und Nationen Gültigkeit — und jeder Kampf um Freiheit und Anerkennung ist deshalb Kampf im Namen des Menschheitskämpfers Lessing. —en. Ein Gedenkbuch Die Münchner Ortsgruppe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten legt soeben der Öffentlichkeit ein Werk vor, das Anspruch auf besondere Beachtung erheben kann: ein Gedenkbuch für die im Weltkrieg gefallenen Münchner Juden. („Unsere gefallenen Kameraden, Gedenkbuch für die im Weltkrieg gefallenen Münchner Juden.“ Verlag B. Heller, München 1929, Preis RM. 5.—.) Es enthält in einem ersten Teil kurze Biographien der 180 Münchner Gefallenen, meistens mit einem Bild, in einem zweiten Teil Nachrufe, persönliche Mitteilungen von Gefallenen oder über Gefallene. Das würdig ausgestattete, auf gutes Kunstdruckpapier gedruckte Buch, das seinen Weg zum mindesten in jedes Münchner jüdische Haus finden sollte, kann als Ganzes nicht besser charakterisiert werden, als mit den Geleitworten, die ihm