Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1929-01-25 · 2/3 (25.1.1929) Chaim Lederers Rückkehr · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
2/3 (25.1.1929) Chaim Lederers Rückkehr
Date
1929-01-25
Page
Seite 9 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9103083-9158556--09120-9082027
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 3 Komanbeilage des „Jüdischen Echos' 9 ins Privatleben zurückgezogen hat, ein älterer Mensch, stelle mich her und betrachte mein eigenes Gesicht wie ein dummer Junge; wie kindisch bin ich doch!“ „Das kommt vom Müßiggang“ — sagt er sich selbst und faßt einen Entschluß ... Als Lederer gewaschen, rasiert und umgekleidet wieder auf die Veranda kam, wartete seine Frau schon auf ihn. Sie machte ihm, wie jeden Tag, den Vorschlag, mit ihr eine Spazierfahrt nach Coney-Island zu machen: „Ich habe in die Garage telephoniert; der Chauffeur wird sofort mit dem Auto hier sein... Die frische Luft wird dir gut tun“ — fügte Sara hinzu. In der kurzen Zeit, da Lederer den ganzen Tag zu Hause war, hatte er die Spazierfahrt nach Coney-Island schon zehn- oder zwölfmal gemacht. Ihm schien es, als wäre es tausendmal, und die Fahrt nach Coney-Island und Coney-Island selbst verursachte ihm geradezu Brechreiz. Lederer war nicht gewohnt, Spazierfahrten zu machen, außer hie und da am Sonntag. Fuhr er einmal am Wochentag aus, so verband er damit eine bestimmte Absicht, einen Geschäftszweck. Fahren, bloß um zu fahren, das kann man einmal, um zu sehen, wie der oder jener Ort aussieht; aber wenn man ihn schon so oft gesehen hat, daß man ihn sozusagen „auswendig kann“, — welchen Reiz hat die Ausfahrt? Lederer schüttelte sich beim Gedanken daran, als hätte er Rizinusöl eingenommen. Sein Entschluß war gefaßt: „Nein! Wenn du willst, kannst du fahren; ich habe etwas anderes zu tun.“ Ihm fiel etwas ein: er wollte heute die alten Bücher suchen. Lange kramte er in allen Schränken, Fächern und Winkeln umher und wollte um keinen Preis sagen, was er suchte, als schämte er sich dessen vor seiner Frau. Erst als er sah, daß er ohne die Hilfe seiner Frau nicht zurate kommen werde, vertraute er sich ihr an. „Die Bücher, die du früher so oft gelesen hast?“ — fragte Sara — „Aha, er fängt schon an! Warum auf einmal diese fieberhafte Eile?“ „Was kümmert das dich?“ Sara erwies sich auch in diesem Falle als die gute Hausfrau, die sie immer gewesen war. In ihrem Haushalt ging nichts verloren; auch die Bücher, in denen ihr Mann einmal gelesen hatte, waren wohl geborgen. Sie holte aus irgendeinem versteckten Ort ein Paket hervor, es enthielt ein paar hebräische Bücher, eine russische Grammatik, eine russische Chrestomatie, deren Deckel fehlte, und ein Fragment der Weltgeschichte; doch das Buch, das Lederer suchte, die Schrift, welche den Sinn des Lebens behandelte, fand sich nicht darunter. „Es war noch ein Buch dabei, ein dickes, in schwarzem Einband, ein russisches Buch“ — sagte Lederer. „Hast du es nicht einml einem Landsmann geliehen, vor vielen Jahren, wir haben damals noch in der Norfolk-Street gewohnt. Ich glaube, dem roten Landsmann; er war Bäcker, ... sein Name ist mir entfallen; er hieß, glaube ich, Mojsche ... nein, Boruch — erinnerst du dich, er hat uns oft am Abend besucht.“ Es ergab sich, daß Sara recht hatte; das Buch, aus dem Lederer den Sinn des Lebens schöpfen wollte, auf den er all’ die Jahre, da er damit beschäftigt war sein Leben zu sichern, gewartet hatte, das hatte er einem Landsmann geliehen und der hatte vergessen, es ihm zurückzugeben... Und ihm blieben einige Blätter einer russischen Grammatik. Sollte er jetzt von neuem mit der Grammatik anfangen? — Er legte die Blätter aus der Hand, wie ein Werkzeug, das zu gar nichts mehr nutze ist, zog den Mantel an und wollte fortgehen. „Wohin gehst du?“ „Ich gehe nur ein bißchen spazieren. Mittag bin ich wieder zu Hause.“ Er benützte die Hochbahn und fuhr „Down- Town“ nach der East-Side. Er hatte sich einer Buchhandlung erinnert, noch aus der alten Zeit, da er auf der East-Side gerabeitet und gewohnt hatte. Auf dem Heimweg war er damals stets vor dem Schaufenster dieser Buchhandlung stehen geblieben und hatte die Titel der Bücher gelesen, die im Fenster lagen. Damals hatte er oft daran gedacht, wenn er Geld und Zeit hätte, würde er alle Bücher, die im Schaufenster lagen, kaufen und durchlesen. Diese Buchhandlung stieg jetzt in seiner Erinnerung auf und er fuhr hin, um Bücher zu kaufen. Diese Buchhandlung fand, er nicht mehr; in dem Lokal befand sich jetzt ein Klaviergeschäft. Doch in der Nähe entdeckte er eine andere Buchhandlung, viel größer als die seiner Erinnerung. Er trat bescheiden ein und sagte dem Verkäufer, einem jungen Mann mit einer riesigen Brille, er wolle Bücher kaufen. „Was für Bücher wünschen Sie?“ — fragte der bebrillte Verkäufer. „Philosophische Bücher.“ „Philosophie?“ — fragte der junge Mann verwundert. — „Aus welchem Gebiet der Philosophie?“ „Ja... nun, solche, in denen erörtert wird, ob es ein Leben im Jenseits gibt oder nicht...

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.