Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 2/3 (25.1.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-01-25
- Page
- Seite 8 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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8 Romanbei'age des „Jüdischen Echos“ Nr. 3 „Ich habe daran vergessen“ — verantwortet sich Lederer und muß zugeben, daß die Frau recht hat; denn tatsächlich — seit er nicht mehr ins Geschäft geht, ist er faul geworden. „So geh’ endlich ins Badezimmer und rasiere dich! Sollen wir vielleicht für einige Tage nach Lakewood fahren? Du siehst so schlecht aus! Das Wetter ist jetzt prächtig.“ Der letzte Vorschlag erschreckte Lederer mehr als alles andere. Nichts war ihm so langweilig als einige Tage mit seiner Frau an einem stillen Ort zu sein, wenn er nichts zu tun hatte. Die „Erholungsausflüge“ hatte er stets gehaßt und stets waren Lakewood und ähnliche Orte für ihn eine Marter gewesen; in seinem gegenwärtigen Zustand verursachte ihm der Vorschlag seiner Frau geradezu Alpdrücken: „Hast du es hier nicht schön? Soll ich vielleicht in meinen alten Tagen dick werden?“ „Du hast doch nichts besseres zu tun!“ Dieses „nichts besseres zu tun“ gab Lederer einen Riß: Mein Leben ist also schon zu gar nichts anderem nütze als ebenso wie die alten Weiber herumzufahren und müßigzugehen?! Nein! Es ist höchste Zeit, daß ich etwas beginne, mich mit etwas beschäftige, um zu zeigen, daß mein Austritt aus dem Unternehmen nicht deshalb erfolgt ist, weil ich schon müde und alt geworden bin, sondern aus einem ganz anderen Grunde, einem besseren, höheren Leben zuliebe, das ich führen will. Das Dienstmädchen trat in die Verandatür und fragte: „Was soll ich für das Mittagessen kochen?“ Das war ein Brauch, den Frau Lederer eingeführt hatte, seit ihr Mann zu Hause war. Als Lederer noch im Geschäft tätig war, wurde er nie gefragt, was man kochen solle. Er aß, was auf den Tisch kam, und achtete nie darauf, was er aß. Es kam ihm im Grunde auch nicht darauf an zu essen, sondern nur darauf, satt zu werden. Seit er zu Hause war, fragte ihn nun das Mädchen jeden Tag, was sie kochen sollte. Im Anfang hatte ihn das amüsiert: So soll es es sein, der Mensch soll sein Essen wählen, er soll den Geruch der Speisen spüren, noch bevor er sie ißt. Das hat etwas für sich! — Doch heute machte ihn die Frage nervös. Er fühlte sich durch sie getroffen, ihm schien es, als hielte man ihn für einen Greis, für ein Kind oder für einen Kranken, denen man alles zuliebe tun muß. „Bin ich denn ein Kranker, den man fragen muß, was er essen will? fragte er ärgerlich; doch um das Mädchen nicht zu verletzen (denn er wußte — Dienstmädchen müssen hier in Amerika mit Glacehandschuhen angefaßt werden), fügte er mit gutmütigem Lächeln hinzu: „Ein guter Verkäufer, mein liebes Kind, verkauft vor allem seine Ware; dann erst fragt er, ob sie auf Lager ist.“ In seinem Innern aber war es ihm, als säße er im Zimmer und wartete auf das Essen, als würde er zu einem alten Weib, das sich um die Küche kümmert. Er stand mit einem energischen Ruck auf und ging ins Badezimmer, um sich zu waschen. Beim Rasieren machte er eine Entdeckung: er entdeckte sein Gesicht. Es war ihm, als sähe er sein Gesicht zum ersten Male. Nie hatte er beim Rasieren vor dem Spiegel innegehalten, um einmal sein Gesicht zu betrachten, das war ihm Zeit seines Lebens nie eingefallen. Jetzt sah er sich zum ersten Male. Sein Gesicht kam ihm bekannt vor und doch fremd. Hätte er sich etwa auf der Gasse getroffen, so hätte er sicher gedacht: Das Gesicht ist* mir bekannt, doch ich kann mich nicht erinnern, wer das eigentlich ist.... Zugleich wunderte er sich, daß es ihm nie eingefallen war, sein eigenes Gesicht zu betrachten: Ein Mensch soll seine eigene Visage nicht kennen? Hat man so etwas schon gehört? — Und wie um sich selber kennenzulernen, betrachtete er sich lange und eingehend im Spiegel, nachdem er sich vorher vergewissert hatte, daß ihn niemand beobachtete: Eine gerunzelte Stirn ... dichtes graues Haar, das tief in die Stirn reicht... zwei große Augen sitzen so „unvermutet“ in diesem Gesicht, als wären sie ohne Berechnung eingesetzt worden ... schwere, dichte Brauen, grau und hart... eine dicke Nase, die durch die glatte Oberlippe noch dicker wird... ein rundliches, kurzes, glattrasiertes Kinn... und die Oberlippe rasiert! Die rasierte Oberlippe beschäftigte ihn am meisten: „Wie konnte ich nur mein Leben lang mir den Schnurrbart abrasieren? Das sieht doch so nackt aus, so gar nicht einem Mann ähnlich; so sehen die russischen Burschen aus.“ Er versucht sich vorzustellen, wie er aussehen würde, wenn er Schnurrbart und Bart hätte: „Ein dichter grauer Bart würde mein Gesicht würdig umrahmen, ich würde wie ein achtbarer Zeitgenosse aussehen,.*wie der reichste Mann in meiner Fleimatstadt. Wäre der Bart kurz geschoren, so würde ich wie ein Arzt aussehen, wie ein intelligenter Mensch. So aber sehe ich aus wie ein Schmierenschauspieler, wie ein Friseur, wie ein alter versoffener Kerl. Ich muß mir Bart und Schnurrbart wachsen lassen.“ Doch bald kommt ihm zu Bewußtsein, womit er sich beschäftigt: „Ich, ein Geschäftsmann, der sich