Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 2/3 (25.1.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-01-25
- Page
- Seite 10 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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10 Romaiibeilage des „Jüdischen Echos'* Nr. Ich möchte ein Buch, in dem von der Menschheit die Rede ist, ob die Seele nach dem Tode weiterlebt, was der Sinn des Lebens ist. Ich habe einmal ein russisches Buch gehabt, dort war all’ das behandelt. Ein Freund hat es von mir entliehen und nicht mehr zurückgegeben. Es war ein gutes Buch.“ Der bebrillte Jüngling sah bald, was für einen Kunden erVor sich hatte, und schwatzte Lederer eine ganze Partie Schmöker in verschiedenen Sprachen, jiddische, englische und russische, auf; Lederer brachte sie wie ein kostbares Gut heim. Er dankte Gott, daß weder Sara, die wahrscheinlich eine Spazierfahrt oder eine Teestunde absolvierte, noch auch die Tochter zu Hause war. Lederer setzte sich ungestört auf die Veranda und begann die Bücher zu studieren, die er mitgebracht hatte. Das Lesen kam ihm schwer an. „Ich bin es nicht mehr gewöhnt“ — ging es ihm durch den Kopf. Das meiste, was in den Büchern stand, begriff er nicht ganz, und was er begriff, behandelte nicht das, was zu wissen für ihn von Interesse war. Alles mögliche behandelten die Bücher, doch vom wichtigsten, von dem, was zu wissen so nötig war: „Gibt es ein Jenseits oder nicht?“ —■ „Lebt die menschliche Seele nach dem Tode weiter oder nicht?“ — „Was ist der wahre Sinn des Lebens?“ — „Was soll der Mensch beginnen, der sein tägliches Brot gesichert hat und nicht mehr für den Lebensunterhalt arbeiten muß?“ — von diesen so wichtigen, naheliegenden Dingen, die der Mensch doch wissen muß, sprachen die Bücher kein Wort... Lederer sagte sich: Früher haben die Schriftsteller ganz anders geschrieben. Mit einem Satz, mit einem Wort konnten sie dem Leser klarmachen, was der Sinn einer Sache ist. Aber die hier, die sprechen von allem möglichen, nur darüber, was der Mensch zu wissen nötig hat, darüber haben sie nichts zu sagen. Oder — ich habe nicht die richtigen Bücher bekommen. Es muß doch philosophische Bücher geben, aus denen man lernen kann, wie man sein Leben nach dem Broterwerb einrichten soll... Als Frau Lederer von ihrem Spaziergang oder Teestunde heimkehrte, fand sie ihren Mann in die Bücher und in seine Gedanken vergraben; er saß im Dunkel, das bereits auf der Veranda herrschte, und brütete .über seinen Problemen. Sara wunderte sich: Was ist mit Lederer in den letzten Tagen vorgegangen? * Ich habe geglaubt, du würdest dich jetzt ausruhen, würdest einen freien Kopf haben — doch du sinnst und brütest vor dich hin, als wären alle deine Schiffe untergegangen. Du hast dich doch vom Geschäft zurückgezogen, um keine Sorgen mehr im Kopf zu haben. Worüber brütest du, was? Denkst du ans Geschäft?“ „Nein.“ „Woran denn, wenn nicht ans Geschäft?“ „Gibt es außer dem Geschäft nichts zu denken? Weißt du, was einen Schritt über das hinaus existiert?“ Die Frau begriff nicht, was Lederer meinte: „Das alles kommt vom schlechten Schlaf und den bösen Träumen, die du bei Nacht hast. Doch Gott sei Dank, ich habe schon ein unfehlbares Mittel, daß du gut schlafen und nicht mehr von Armut und Not träumen wirst. „Was denn? Doktor Salkinds Pillen? Warst du wieder bei ihm?“ „Nein, du brauchst keine Pillen zu nehmen. Es geht auch ohne Pillen. Eine Freundin hat mir das Mittel gesagt. Das Mittel hat sie von Mistreß Abramson, bei der sie zum Tee war. Mister Abramson hat dieselben Zustände gehabt wie du; er hat auch von Armut und Not geträumt, immer wieder von den Zeiten, da sie nichts zu essen hatten. Da hat ihr die Frau eines Landsmannes geraten, was sie tun soll; und die bösen Träume waren wie fortgeblasen. Jetzt träumt Abramson nur von Reichtum und Glück. Das gleiche Mittel werde ich heute auch bei dir anwenden Als Lederer am Abend zu Bett ging, strahlte ihm zu seiner höchsten Verwunderung der Glanz von Perlen und Brillanten entgegen; er blendete geradezu die Augen. Seine Frau hatte ihren ganzen Schmuck auf seinem Nachttischchen ausgebreitet. „Was soll das heißen? Wozu hast du deinen Schmuck hergelegt? Damit man ihn dir leichter stehlen kann?“ „Nein, das ist das Mittel für gute Träume. Wenn Schmuck beim Bett liegt, träumt man von Reichtum. Mistreß Abramson hat es selbst an ihrem Mann erprobt...“ 3. Kapitel. EIN VERDORBENES FRÜHSTÜCK. Das neue Mittel hatte keine Wirkung. Der Schmuck, den Frau Lederer auf das Nachttischchen ihres Mannes gelegt hatte, vermochte nicht die bösen Geister zu vertreiben, die Lederer die ganze lange Nacht in den Klauen der Armut und des entbehrungsreichen Lebens gefangen hielten. (Fortsetzung folgt)