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Das jüdische Echo · 1929-01-25 · 2/3 (25.1.1929) Chaim Lederers Rückkehr · p. Seite 7

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
2/3 (25.1.1929) Chaim Lederers Rückkehr
Date
1929-01-25
Page
Seite 7 (sequence 5)
Language
German
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ CHAIM LEDERERS RÜCKKEHR VON SCHALOM ASCH Autorisierte Übertragung aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright by Dr. Präger, Pressedienst, Wien) (9. Fortsetzung) Er erinnerte sich wie im Traum längst vergangener Tage in jenen ersten Jahren nach seiner Ankunft in Amerika, da er gern in Vorlesungen ging, die das Thema „Hat der Mensch eine Seele oder nicht?“, „Gibt es* ein Jenseits oder nicht?“ und ähnliche interessante Fragen nach Zweck und Ziel des menschlichen Lebens behandelten. Damals hatte er Freude daran gehabt Bücher zu lesen, sich zu bilden — nur schade, daß so wenig Zeit dafür zur Verfügung stand. Damals hatte er sich gesagt: Einst, einst wird eine Zeit kommen, da ich mir das werde erlauben, mich damit werde beschäftigen können. Und jetzt — da die Zeit gekommen ist, wußte er erst recht nicht, was er beginnen sollte! Die Bücher zu ouchen, die er einst an den Abenden so gerne gelesen hatte, erschien ihm jetzt zwecklos: Was werde ich in ihnen finden? Sie sind auch sicher schon veraltet. Es gibt gewiß schon neue Bücher und Broschüren, welche die Dinge viel besser erklären, mit denen werde ich mich befassen müssen! — Doch im Augenblick hatte er keine Lust dazu, im Augenblick wünschte er bloß das zu tun, was er jeden Tag zu tun gewohnt war — ein wenig ins Geschäft zu gehen, Neuigkeiten zu hören: wie die Saisonbestellungen sich anließen, was für Leinen zum Zuschneiden genommen wurde, was die Reisenden schrieben. „Das würde heißen, daß ich das Geschäft aufgegeben habe, um wieder dazu zurückzukehren?“ — denkt er laut. „Nein! Es muß doch einen Grund haben, daß ich mich vom Geschäft zurückgezogen und es meinem Herrn Sohn übergeben habe. Ich bin doch überzeugt, daß er in einem Jahr das zerstören wird, was ich in zehn Jahren mühsam aufgebaut habe. Wenn ich also diesen Schritt getan habe, so muß ich eine bestimmte Absicht damit verbunden haben; ich bin doch nicht einfach verrückt geworden; so alt bin ich doch nicht, daß ich es getan hätte, weil ich schon müde bin und sterben will; im Gegenteil, ich fühle mich noch jung; wenn es nottäte, könnte ich von Anfang anfangen! Es muß also doch einen Grund, eine Absicht geben, in der ich diesen Schritt getan habe! Ich glaube, diese Ratlosigkeit kommt nur daher, daß ich an das neue Leben noch nicht gewöhnt bin. Es heißt also nur ein wenig Geduld haben, bis ich mich in dem neuen Leben zurechtfinde.“ Während er, in diese Gedanken versponnen, in seinem bequemen Strohfauteuil auf der Veranda saß, trat seine Frau ein. In den vierzig Jahren, — Lederer schienen es „hundert“ Jahre — da er seine Frau kannte, die in Rußland Sure und hier Sara hieß, hatte sich sich anscheinend nicht geändert. Sie war immer dieselbe dicke, untersetzte Erau mit dem alltäglichen guten Vollmondgesicht. Doch heute sah sie Lederer verändert. Auf ihrem grauen Haar saß eine lächerliche Morgenhaube, gestickt, mit wehendem Schleier; Lederer hätte schwören können, daß er die Haube zum ersten Male sah; sie hatte Sara völlig verändert, gab ihr ein ganz anderes Aussehen; eine fremde Frau trat auf die Veranda! In Wahrheit trug Sara diese Morgenhaube seit sechs Jahren, seit die Familie in die Villa nach Flattbush übersiedelt war, jeden Morgen bis zum Lunch. „Was, wieder nicht gut geschlafen?“ — wandte sich Sara an ihren Mann in dem schlechten Englisch, das sie zu ihrer Umgangssprache gemacht hatte — „Ich habe dir doch gesagt“, — fuhr sie jiddisch fort — „du sollst die Pillen nehmen, die dir Doktor Salkind verschrieben hat; aber du hast mir nicht folgen wollen.“ „Woher weißt du, daß ich nicht gut geschlafen habe?“ — fragte Lederer. „Das erkenne ich gleich an deinen Augen. Und warum hast du dich heute nicht rasiert? Weißt du — seit du dich vom Geschäft zurückgezogen hast, vernachlässigst du dich. Früher hast du dich gleich nach dem Aufstehen rasiert und jetzt gehst du einen halben Tag unrasiert herum. Ich habe gedacht, es würde umgekehrt sein — jetzt hast du doch Zeit!“

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