Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 2/3 (25.1.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-01-25
- Page
- Seite 6 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Romaiibeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 2 Lederer aß nicht und schlief nicht. Stehend nahm er in einem billigen Lunch-room hastig ein paar Bissen. Und in der Nacht durchwogte ihn das gleiche Fieber wie bei Tag. Er sah, wie er selbst an dem Riemen hing, der über die Räder seiner Maschinen lief; und ebenso wie seine Maschinen wurde er von geheimnisvoller Kraft zur Arbeit getrieben... Er merkte und fühlte nicht, daß der Strohsack, auf dem er schlief, sich von Mal zu Mal änderte, von Mal zu Mal weicher und angenehmer wurde ... Er sah und merkte nicht, daß sich die Farben der Zimmer änderten, sah und merkte nicht, daß seine ganze Lebensweise eine andere wurde, daß seine Kinder ganz anders aufwuchsen, daß sein Tisch, seine Kleidung, sein ganzes Leben sich änderte ... Immer weiter, immer weiter wird er von der unsichtbaren Kraft gejagt, die alle um ihn treibt, — mit ihm und in ihm. Oft fällt ihm, unvermittelt wie im Traum, Buckles „Geschichte der Zivilisation“ ein, die er in einer russischen Übersetzung irgendwo liegen hat, und er denkt: Einst, einst wird eine Zeit kommen, da werde ich ganz anders sein. Einmal, einmal, wenn ich frei von Sorgen bin, wenn ich keine Furcht vor dem Morgen haften werde, — dann werde ich alles lassen und etwas ganz anderes beginnen, etwas ganz anderes ... Doch was er dann beginnen wollte, das wußte Lederer nicht ganz klar. Er hatte keine Zeit und keine Gelegenheit, sich darüber Rechenschaft zu geben oder Gedanken zu machen. So wurde er unaufhörlich von der Kraft getrieben, der er sich selbst überantwortet hatte. Bis es ihm endlich schien, die Zeit sei gekommen, da er vor dem Morgen nicht mehr Furcht haben mußte. Da tat er das Joch ab und war bereit, das „neue Leben“ anzufangen, etwas ganz anderes zu beginnen als das, womit wir ihn bei Beginn unserer Erzählung beschäftigt fanden. 2. Kapitel SCHLAFLOSE NÄCHTE Einige Zeit nach seinem Austritt aus dem Unternehmen erhob sich Lederer eines Morgens nicht in der besten Laune. Zu der Zeit, da er noch arbeitete, war das höchst selten der Fall gewesen. Er hatte zu wenig Zeit gehabt in sich selbst zu horchen. Doch seit er nicht mehr arbeitete, horchte er auf alles, was in ihm vorging, wie auf den Gang einer Uhr ... Seine schlechte Laune rührte daher, daß er bei Nacht schlecht geschlafen hatte; auch das war höchst selten der Fall gewesen, als er arbeitete. Kaum war er mit dem Essen fertig geworden, hatte er seine Zeitung genommen und war zu Bett gegangen, wo der Schlaf schon auf ihn wartete. Doch in der letzten Zeit, seit er nichts zu tun hat, träumt Chaim Lederer bei Nacht. Und alle seine Träume führen ihn in die Zeit seiner Armut. Wäre er bei Nacht im Traum in den prunkvollen hellen Zimmern, die er jetzt bewohnt, oder in einem der vornehmen Hotels, in denen er jetzt auf seinen Reisen absteigt, in einer glücklichen Situation, satt und zufrieden, — es wäre wenigstens vergnüglich. Doch nein, es ist, als wollte ihn jemand verhöhnen. Kaum schließt er die Augen, gerät er sofort in die düstere Welt der Armut, der Unsicherheit, der Straße; in die Zeit, da er Arbeiter war und es gerade Arbeitslosigkeit oder eine andere kritische Periode gab ... oft auch in die alte Heimat oder gar in ein unbekanntes Land, in unbekannte, unnatürliche und unmögliche Lagen, wie sie nur der Traum schaffen kann, ln der Nacht reißt es ihn aus seiner behaglichen Wohnung und wirft ihn wieder in den Abgrund von Not, Kälte und Feuchtigkeit; und dort findet er sich herabgekommen, arbeitslos, hilflos und einsam. So erleidet er bei Nacht tausend Qualen, bis er erwacht, glücklich darüber, daß es nur ein böser Traum gewesen. An diesem Morgen saß Lederer auf der Veranda seiner Villa. Draußen war Spätherbst. Durch die mit zartem Battist überzogenen Scheiben leuchteten, von der kalten Herbstsonne beschienen, die goldenen Blätter des gegenüberstehenden Baumes. Lederer sah es nicht — er dachte angestrengt darüber nach, aus welchem Grunde er eigentlich so frühzeitig sich vom Geschäft zurückgezogen hatte und was er eigentlich beginnen wollte. Dieser Gedanke quälte ihn in den letzten Tagen unaufhörlich: Ich habe doch etwas anfangen wollen, ich habe mir doch während der ganzen Zeit, da ich arbeitete, gesagt, wenn ich „versorgt“ sein werde, werde ich es anfangen; dann werde ich das richtige Leben beginnen, das Leben, das einen Sinn und ein Ziel hat. Was ist das nur? Was wollte ich beginnen? Er wußte, daß irgendwo noch einige Bücher lagen, die er einst gern durchgeblättert, über die er sich gern Gedanken gemacht hatte, wenn er sich einen Augenblick der Ruhe gönnen konnte. (Fortsetzung folgt)