Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 2/3 (25.1.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-01-25
- Page
- Seite 5 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103083-9158556--09116-9082023- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 2 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ 5 „freier Vogel“ gewesen. Wirklich, ein freier Vogel — nur diesen Namen verdiente der frühere Zustand gegenüber dem gegenwärtigen. Wenn er jetzt, Gott bewahre, keine Arbeit haben würde, er müßte rein sterben; die Schande wäre nicht zu ertragen, der Kummer einer Frau mit hungrigen Kindern, welche auf den kargen Lohn warten; ganz so wie beim Vater, ganz so wie im Elternhaus, dem er so früh entlaufen war ... Diese Sorge veranlaßte ihn, Lodz den Rücken zu kehren. Er ging zunächst nach London, um dort auf die Schiffskarte zu warten, die ihm ein in Amerika lebender Bruder seiner Frau besorgen sollte. Die Schiffskarte kam . und er ging nach Amerika. Der Entschluß in die Fremde zu gehen erforderte Energie; und der unaufhörliche Wunsch, anders als sein Vater zu sein, nicht das Morgen fürchten zu müssen, er war es, der ihm die nötige Energie gab; und auch der Hunger spielte dabei mit, denn er trieb Chaim Lederer sozusagen aus seinem Loch heraus. Mit Hilfe des Schwagers brachte er später auch seine Familie über den Ozean. In Amerika verfiel Lederer bald dem Shop. Er arbeitete fleißig und verstattete sich höchstens einmal in der Woche, am Samstag einen jener Kurse zu besuchen, die hier in dem neuen Lande so leicht zugänglich waren und auf ihn noch immer die gleiche Anziehungskraft ausübten wie in seinen Junggesellenjahren., Lederer erkannte bald, daß der Shop das gleiche Loch war wie in der alten Heimat, und daß die Shoparbeit die gleiche Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit in sich barg wie die Arbeit in der Werkstätte in Lodz — und noch tausendfach ärger. Hier kannst du, Lederer, mit Frau und Kind auf die Straße gesetzt werden, und nicht einmal ein Hund kümmert sich um dich, — im Gegenteil, du bist tausendmal mehr verlassen als daheim. Wenn du hier Hungers stirbst, Lederer, wenn du mit leerem Magen durch die Straßen wanderst, wenn du deine Frau nirgends unterbringen kannst, hier hast du nicht einen einzigen Menschen, dem du dein Herz ausschiitten, den du auch nur um einen Trunk Wasser bitten kannst. Und hier gibt es immer etwas: einmal Streik, ein anderes Mal allgemeine Arbeitslosigkeit, imder wieder eine Krise. Solange du stehen kannst, so lange stehst du; kaum knicken dir die Beine ein, so kräht kein Hahn nach dir. Hier gibt es keinen Bruder, keinen Gefährten. Lederer besaß ein wenig Verstand und von der Heimat her ein bißchen Intelligenz und den starken Willensdrang nach etwas anderem. Mehr als all’ das aber brauchte er eine Gelegenheit. Er begann sich umzusehen, was die anderen taten. Sehr viele kehrten dem Shop den Rücken, der eine früher, der andere später, und warfen sich auf etwas anderes. Lederer sagte sich, er sei nicht schlechter daran als andere. Er verstand sich noch von der alten Heimat her auf Leinwand und ihre Verarbeitung — und da ergab sich ein Zufall: aus einem Geschäftsbrand war ein Gelegenheitsposten Leinen zu haben. Lederer und ein paar andere taten sich zusammen und erwarben den Posten. Da das Leinen nicht anders zu verwerten war, begannen die Frauen daraus Hemden zu nähen; dann halfen die Kinder und schließlich kamen die Männer aus dem Shop und arbeiteten an den Hemden. Willenskraft war genug vorhanden, noch mehr aber an Möglichkeit; und irgendwie spielte das Glück mit. Und Chaim Lederer sah — hier war die Gelegenheit, dem Leben ohne Hoffnung, ohne Morgen zu entrinnen, aus der bodenlosen Tiefe emporzukommen, einen Boden an das Faß zu hämmern, um einen Halt zu haben, wenn er einmal fiele. Jetzt hilf, Herr im Himmel! Mit dem Ungestüm eines Hungrigen, der einen gedeckten Tisch vor sich sieht, stürzte sich Lederer über die Arbeit, mit all’ seinem lebenslänglichen Durst nach etwas anderem, nach einem Morgen ... Er kannte keinen Tag und keine Nacht. Derselbe Chaim Lederer, der einst den Ehrgeiz besessen hatte, ein anderer, ein besserer Mensch zu werden, der einst Bücher und Broschüren durchstudiert und Buckles „Geschichte der Zivilisation“ in einem seiner Reisebündel mitgebracht hatte; derselbe Chaim Lederer, der einst selbst ein Arbeitergenosse gewesen war und es noch jetzt liebte, an einem „Diskussionsabend“ teilzunehmen oder eine Vorlesung in Down-Town über das Thema „Hat der Mensch eine Seele oder nicht?“ zu besuchen — derselbe Chaim Lederer saß jetzt selbst mit den alten frommen Juden, welche bei ihm Hemden konfektionierten, bis in den späten Abend und betete zusammen mit ihnen das Abendgebet, um nachher noch eine Arbeitsstunde aus ihnen herauszupressen. Derselbe Chaim Lederer, der noch vor gar nicht langer Zeit ein Bruder Arbeiter war und gewußt hat, was das bedeutet, spricht jetzt geringschätzig und voll Spott über die „Union“ und beweist mit Ziffern und Statistiken, daß die Arbeiter ohne die „Union“ viel besser fahren, sitzt bis nach Mitternacht in seinem eigenen Shop, um Arbeit für seine „hands“ vorzurichten. Am Morgen ist er der erste im Shop, um den Italienerinnen und den frommen Juden, die er beschäftigt, ein Beispiel zu geben, wann sie zur Arbeit kommen müssen.