Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 2/3 (25.1.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-01-25
- Page
- Seite 4 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Romanbeüage des „Jüdischen Echos' Nr. 2 stische Literatur, in allen Sprachen, die er einigermaßen verstand. Etwas Hebräisch konnte er noch aus seinen Schuljahren (er hatte nicht viel Schuljahre gehabt, die Not hatte ihn zu früh auf die Straße getrieben) und war daher imstande, ein wenig an hebräischen Broschüren zu naschen. In der einzigen Sprache, die er vollständig beherrschte, der jiddischen, war damals wenig Gedrucktes vorhanden. Dann kam die Zeit, da er russisch lernte, zusammen mit einigen Kameraden, da er von seinem kargen Lohn etwas abzog, um einige Lektionen zu bezahlen. Die meisten Sprachstunden erhielt er unentgeltlich von Studenten. Halbe Nächte lag er wach auf seinem Strohsack und lernte beim Scheine einer dünnen Groschenkerze russische Grammatik oder las Broschüren. Wäre Chaim Lederer ein Kämpfer gewesen, einer der Menschen, welche die Fähigkeit besitzen, für das, was sie sich in den Kopf gesetzt haben, auch Leiden zu erdulden, — so wäre aus ihm wahrscheinlich ein ganz anderer geworden; er wäre ebenso wie manche seiner Arbeitskameraden an eine Schule gekommen oder hätte ein Examen abgelegt und sich so den weiteren Weg geöffnet. Doch Chaim Lederer war weiß Gott kein Kämpfer. Die Sorge um den Bissen Brot, die er vom Vaterhaus mitgebracht hatte, bedrückte und erstickte ihn. Stets hielt ihn die Unruhe wegen des Morgen in Bann. Er war nicht sicher, ob er auch morgen noch den Strohsack haben würde, auf dem er heute schlief. Die Armut des Elternhauses, das bekümmerte Antlitz der Mutter, wenn der Donnerstag kam und nichts für den Sabbat im Hause war, des Vaters niedergeschlagen fatalistische Resignation, wenn er mit leeren Händen vom Markt heimkam, die wintergraue Morgendämmerung daheim, da das Wasser in der Tonne in der Nachtkälte zu Eis geworden war, die traurigen Abende, da die Mutter, in ein Tuch gewickelt, mit zaghaften Schritten zum Krämer ging, um ein Brot und einen Viertel Liter Petroleum auf Borg zu nehmen, — all’ das hatte sich so tief in ihn eingefressen, in sein Gedächtnis eingegraben, daß es ihn für sein ganzes Leben zum Sklaven des Bissens Brot machte... Es ließ ihn nicht für einen Augenblick sich aus der Tiefe der Armut erheben, in der er versank... So oft er einen Schritt empormachen wollte, um sich über die täglichen Sorgen zu erheben, da erwachte sofort die Angst vor dem Morgen, die Furcht vor Hunger und Obdachlosigkeit und drückte ihn zu Boden, ließ ihn weiterwühlen, wie einen Wurm in der Wurzel, hielt ihn wie einen Sklaven an die Arbeit gefesselt, die ihn ernährte. Deshalb ertötete er seine Wünsche, ließ sein Ideal, etwas anderes zu werden, fallen und blieb bei seinem Handwerk — der Weberei. Und dieselbe Sorge um das Morgen war es wieder, die ihm Energie gab, die Triebkraft seiner Karriere wurde und ihn zu dem machte, was er wurde. Chaim Lederers Ideal war stets, ein gesichertes Morgen zu haben, ein Mann zu werden, der zehntausend Rubel im Vermögen hat und von den Zinsen dieses Geldes leben, kann (wie der reichste Mann seines Heimatstädtchens, den er stets vor Augen hatte), der jeden Tag sein Mittagessen hat und dem nichts geschehen kann. Von frühester Jugend an hatte er seine Gedanken und Sorgen daran gewendet, wie er sein Morgen sichern könnte, daß sein Herz nicht klopft, wenn er des Morgens aufsteht, aus Furcht, er könnte seinen Arbeitsplatz von einem anderen besetzt finden oder irgendein Elementarereignis könnte ihn wieder auf die Straße schleudern. Dieser Wunsch, sorgenfrei zu sein, beherrschte sein ganzes Leben und war der Vater aller Geschehnisse in diesem Leben, die später folgten. Von diesem Wunsche getrieben, heiratete er eine Frau, die er nicht recht kannte und nicht liebte. Sie hatte Eltern, an denen er eine Anlehnung, einen Halt zu finden hoffte. Der Schwiegervater hatte eine kleine Weberei; er besaß in der Wohnung ein paar Webstühle, auf denen er etwas Garn in Lohn verarbeitete. Lederer hatte sich vorgestellt, er. könnte „Sozius“ werden, doch seine Hoffnungen wurden enttäuscht. Den Schwiegereltern war es bloß darum gegangen, die Tochter zu verheiraten und die Mitgift zu ersparen; sie hatten „billigere“ Kompagnons, ihre beiden Söhne. So hatte Lederer statt eines Halts noch mehr Sorge, noch mehr Unruhe. Früher hatte er nur für sich zu sorgen gehabt, jetzt für zwei, dann für drei, für vier Menschen; denn die Kinder kamen rasch hintereinander, erwünscht und unerwünscht, und er wußte keinen Rat... Und ehe Chaim Lederer sichs versah, war er ein Hausvater mit Frau und Kindern, beinahe wie sein Vater, mit der ganzen Unsicherheit und der ganzen Hilflosigkeit, wie sie in seinem Elternhause geherrscht hatte. Wie war das nur gekommen? Nicht lange vorher war er doch noch unverheiratet gewesen! Hatte es keine Arbeit gegeben, war er allein arbeitslos herumgelungert; war er obdachlos, so ging er zu einem Freunde und legte sich auf dessen Strohsack; hatte er nichts zu essen, so lieh er sich bei einem Kameraden einige Kopeken für ein paar Semmeln, kurz — vor gar nicht langer Zeit noch war er ein