Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 2/3 (25.1.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-01-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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CHAIM LEDERERS RÜCKKEHR VON SCHALOM ASCH Autorisierte Übertragung aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright by Dr. Präger, Pressedienst, Wien) 2. Fortsetzung . . In einem versteckten Winkel eines Wandschrankes zu Hause müssen (wenn sie nicht eines der Dienstmädchen zusammen mit anderem alten Kram fortgeräumt hat oder wenn sie nicht bei den vielen Übersiedlungen verloren gegangen sind) einige Bücher liegen, in russischer Sprache, eines von Buckle, eines von Spencer, wenn ich mich recht erinnere; ich habe sie in meinem Bündel aus der alten in die neue Welt mitgebracht... Dann einige Blätter eines hebräischen Buches; den Titel habe ich vergessen, aber ich erinnere mich genau, daß ich einmal in meinen freien Minuten sehr gern darin geblättert habe... Auch ein paar jiddische Broschüren, auf Holzpapier gedruckt, revolutionären Charakters oder populärwissenschaftlichen Inhalts, über Sozialismus und Anarchismus,... ähnliche Broschüren, wie sie die geheimen sozialistischen Parteien für die jüdischen Massen in Rußland herausgegeben haben.... Auch eine kurzgefaßte russische Grammatik und ein dickes Buch über Astronomie, mit dem Titel „Die Geheimnisse des Himmels“.. Wenn nicht doch eines der Dienstmädchen sie schon zusammen mit anderem alten Kram weggeworfen hat oder wenn sie nicht bei einer der vielen Übersiedlungen verloren gegangen sind ...“ Einst hatte auch Lederer „der Sache der Arbeiter“ angehört. Als er noch im Shop arbeitete, hatte er sich als Mitglied einer der früheren Arbeiterorganisationen angeschlossen, die damals gerade in der Gründung begriffen waren. Er erinnerte sich selbst nicht mehr genau, welcher Organisation er damals angehört hatte; doch die rote Karte einer „Union“, einer Gewerkschaftsorganisation, hatte er sicher besessen und war in den ersten Neuyorker Jahren ein häufiger Besucher der Kurse und Diskussionen gewesen, die damals von klugen Leuten auf der Neuyorker East- Side abgehalten wurden. Und wäre Lederer ein Mensch gewesen, der es verstand, sich vorzudrängen und die Worte zu setzen, — er wäre sicher ein „Macher“, eine Parteigröße geworden, und vielleicht hätte dann sein Leben ganz andere Bahnen eingeschlagen. Doch Lederer war stets ein stiller, zurückhaltender, ein wenig schüchterner Mensch, der seinen Weg allein ging. Er hatte mehr Interesse an „Philosophie“ (so nannte er die Kurse über verschiedene wissenschaftliche Themen, die er besuchte) als an den Debatten. Lederer stammte von armen, achtbaren Eltern in einem kleinen Städtchen der russischen Provinz ab. Von seiner Kindheit an hatte ihn auch nicht für einen Augenblick die Sorge um das Morgen verlassen. Obwohl seine Eltern achtbare Leute und im Ort angesehen waren, lebten sie eigentlich ständig von heute auf morgen, stets in Not, stets in Sorge um den Lebensunterhalt. So war er von frühester Jugend an auf sich allein gestellt. Er hatte viele Brüder, noch mehr Schwestern; und bei armen Leuten, wo kein Erbe zu erwarten ist, das alle zusammenhält, zerfallen die Familien frühzeitig. Noch ehe er recht denken konnte, war ein großer Teil seiner Brüder aus dem Hause fort; er tat es ihnen bald nach. Seine erste Lebensstation war Lodz; dort war er zuerst als Hausweber tätig, später in Werkstätten und Fabriken. Wer könnte die Betten zählen, auf denen er geschlafen, wer die Keller, die er bewohnt, die Souterrainlokale, in denen er während seines Lebens gearbeitet hatte? Seine Lehrmeister waren die Straße, die Kameraden, seine besten Erzieher die Not und der Hunger. Kameraden in Lodz hatten Interesse für Bücher und Schriften; durch sie kam er zu der Einsicht, daß es außer der Armut, der Sorge um den Bissen Brot, um das Nachtlager und um das Hemd, dessen der Mensch bedarf, noch andere Dinge auf der Welt gibt, die wichtiger und interessanter sind, um derentwillen es lohnt zu leben; —■ vielleicht bilden diese Dinge das richtige Leben, nicht die Sorgen um das tägliche Brot. Die Bücher und Broschüren erschlossen ihm neue Welten, neue Quellen des Vergnügens, das auch, wer hungert und friert, haben kann. Er verschlang alles Gedruckte, dessen er habhaft werden konnte: Romane, populärwissenschaftliche Unterrichtsbücher, Propagandaschriften, soziali-