Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 3 (18.1.1929)
- Date
- 1929-01-18
- Page
- Seite 43 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 Das Jüdische Echo 43 111 ii 1II1 I 11 ill Feuilleton ||| IHN II IHM Die Orangen in Petach Tikwah Von Helene Hanna Thon In Petach Tikwah stehen die Orangenbäume in voller Frucht. Meilenweit drängt sich an den Feldweg zur Rechten und zur Linken das tiefdunkle Gebüsch der Pflanzungen heran, aus dem Millionen von Früchten leuchten wie ein Goldregen, der sich über diesen glücklichen Teil des Landes ergossen hat. Das Auge berauscht sich an der blendenden Farbenfülle der reifen Früchte; schmeichelnd legt sich um die Sinne des Wanderers ihr Duft und der Duft der Mimosenhecken, die mit ihren spitzigen Dornen als Wächter und Beschirmer die Obstgärten umgeben. Tausende von Vögeln, die in dem dichten Gebüsch nisten, vereinigen am Morgen ihre Stimmen zu einem Chor. Es ist, als sei ein Stückchen vom Garten Eden in diesen Landstrich verweht worden. Bei näherem Hinsehen freilich gewahrt man, daß nicht eine höhere Macht diesen Gan Eden einfach hierher gepflanzt hat, sondern daß eine Fülle von menschlicher Kraft, von klugem Nachdenken und liebevollem Verständnis der Natur dazu gehörte, diese Fruchtbarkeit dem Boden zu entlocken. Da sind — in einer unübersehbaren Reihe von kleinen Blumentöpfchen — die winzigen Keime des Orangenbaumes, die man jede Nacht sorglich zudecken muß wie kleine Kinder, damit sie in der rauhen Nachtluft keinen Schaden leiden. Da sind — in sauberen Reihen — die einjährigen und zweijährigen Pflänzchen, die treuester Wahrung bedürfen, bis sie gepropft werden. Da sind die drei- und vierjährigen Stämmchen, deren ausgebreitele Äste auf Stützen gespannt sind wie die auf Krücken ruhenden Arme eines schwachen Kindes. Da sind die großen tragenden Bäume, denen man die Last ihrer Frucht erleichtert hat, indem man von allen Seiten die schwerbeladenen Äste mit Stützen umgab. Das Holz zu diesen Stützen stammt aus den Eukalyptuspflanzungen, die man in kluger Vorsicht allenthalben im Umkreise der Obstgärten ausgelegt hat. Dazu durchschwingt die blühende Einsamkeit der Ton der Motoren, die den Gärten Tag und Nacht Wasser spenden, dazu hört man das Klopfen der Hämmer, welche die Orangenkisten zimmern und verschließen. Und auf den Wegen begegnet man den Kamelkarawanen, welche die vollen Orangenkisten zum Hafen bringen, damit sie ihren Weg über die Meere antreten können. Dieser ganze Landstrich steht im Zeichen und im Dienste der goldenen Frucht, und dieser Dienst hat mannigfachen Ausdruck gefunden. Er hat in vielfacher Weise auf die Verhältnisse der Menschen und auf ihre Beziehungen zueinander eingewirkt; er hat ganz bestimmte Menschentypen hervorgebracht und auf den Charakter ihrer verschiedenen Siedlungen entscheidenden Einfluß genommen. Da ist vor allem Petach Tikwah selber, das in diesen Wochen ganz beherrscht wird von der Freude und Sorge um die Ernte und vom Kampf für und wider jüdische Arbeit, der hier alljährlich zur Erntezeit ein setzt. Uber der herben Kritik, der sich die Kolonisten von Petach Tikwah in den letzten Jahren durch ihre Ablehnung jüdischer Erntearbeit ausgesetzt haben, ist man leicht geneigt, zu übersehen, daß diese ganze Kolonie ihr Entstehen einem gewaltigen Akt moralischen Willens verdankt. Die Gruppe eingesessener Jerusalemer Familien, die vor fünf Jahrzehnten den Entschluß faßte, sich von aller bürgerlich-städtischer Tradition loszureißen und in ländlicher Einsamkeit den Boden des heiligen Landes zum Blühen zu bringen, muß von einer Heimatliebe und Opferwillen erfüllt gewesen sein, deren Andenken nichL aus der Geschichte der Palästinasiedlung schwinden darf. Die Schwierigkeiten und Mühen, denen sich diese Ersten in dem noch unerschlossencn und wilden, unsanierten Erdwinkel, allein mit ihrer arabischen Nachbarschaft aussetzten, überlrefTen alle Schwierigkeiten heutiger Ansiedlung. Nach einem anfänglichen Scheitern ihrer Bemühungen erhielt diese Gruppe einige Jahre später durch Baron Rothschild die Möglichkeit zu einem zweiten Versuch. Zu diesen ersten Siedlern stieß dann eine Gruppe von Chowe Zion, von weiteren orthodoxen Familien und Arbeitern, die in einer von mystischer Religiosität durchtränkten Liebe zum Lande Israel das Wagnis ihrer Ansiedlung unternommen haben. Diesen Siedlern mangelte es nicht an Liebe zum Lande, nicht an Opfermut und Willen, den lange vernachlässigten Boden wieder zu erschließen. Nur ein Postulat des modernen jüdischen Nationalismus blieb ihnen fremd; die Forderung rein jüdischer Arbeit. Sie waren bereit, Schwierigkeiten, Krankheiten, allerlei Gefahren auf sich zu nehmen, um das Land Israel wieder fruchtbar zu machen. Aber der Idee, daß dieses ganze Werk der Fruchtbarmachung nur dann einen inneren Wert hat, wenn es durch jüdische Hände erfolgt und wenn die auf dem erschlossenen Lande sich bildende Gesellschaft auf dem moralischen Fundament sozialer Gerechtigkeit ruht — dieser Idee blieb man verschlossen. Infolgedessen betraute man unbedenklich die Araber der Umgegend mit den schwersten Verrichtungen der Landarbeit und strebte ohne Bedenken nach einer bürgerlichen Existenz. Als bestes Mittel zu ihrer Erreichung bot sich der Pflanzungsbau dar, der eine Fülle von ungelernter, niedrig bezahlter Arbeit erfordert und möglichst geringe Anforderungen an die Mitarbeit der Familienmitglieder des Pflanzers stellt; je mehr der Pflanzungsbau goldene Früchte trug, desto mehr sogen diese goldenen Verführer den heroischen Geist aus den Siedlern, ihr Leben wurde immer ähnlicher ihrer bürgerlichen Städterexislenz im Galulh. Ihre Kolonie wurde zu einem kleinen Städtchen, das sich äußerlich kaum von anderen jüdischen Städtchen unterscheiden würde, wenn sich nicht die Orangenbäume in alle Gärten und Höfe, bis an die Hauseingänge herandrängten, während das, was Dorfstraßen charakterisiert: Viehställe und Gemüsegärten, den meisten Wirtschaften vollständig fehlt. Ein wenig mehr dörflichen Charakter trägt die angrenzende Siedlung Ein Ganim, und das hat neben den wirtschaftlichen seine psychologischen Gründe. Ein Ganim stammt schon aus einer anderen Epoche des Palästinaaufbaus, aus der Epoche des jüdischen Arbeiters, der mit dem Willen ins Land kam, in eigener Hände Arbeit den palästinensischen Boden für das jüdische Volk zu erobern. Nach Jahren der Lohnarbeit in Petach Tikwah erreichte eine Gruppe von Arbeitern es schließlich, selbst zu kleinen Anwesen mit etlichen Dunam Orangengarten zu kommen, denen sie neben ihrer Arbeit bei den Kolonisten ihre Zeit widmeten. Mit dem Stamm aller Arbeiter, die in zäher Treue an ihrem Ideal der Arbeit aus anderen als Erwerbsgründen, der Arbeit als des Mittels zur jüdischen Erneuerung festhalten, vermischten sich allmählich Söhne und Töchter der