Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 3 (18.1.1929)
- Date
- 1929-01-18
- Page
- Seite 37 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 Das Jüdische Echo 37 Kolonie des Cherson-Distrikts, die schon etwa einhunderl drei lind zwanzig Jahre besteht und an die viertausend Seelen zählt. Dort gibt es nicht nur drei Synagogen und jüdische Schulen, nicht nur ein jüdisches Hospital, sondern jüdische Polizei, ein jüdisches Gericht und einen jüdischen Dorfrat. Man kann sich schwer vorstellen, wie die jüdische Autonomie restloser durchgeführt sein könnte als hier. Zum Frei tag-Abendgot lesdienst in einer der Synagogen fanden sich aber bloß elf Personen ein. Am nächsten Vormittag ging der Verfasser in die zweite Synagoge. Er traf an die zwanzig Menschen an. Das Bild aber das gleiche: ausschließlich alte Leute. Die Alten hängen noch am Judentum. Sie sind durchaus religiös eingestellt und leben nach alter Weise. Aber sie sehen ihre Welt versinken. Die Jugend ist kommunistisch-atheistisch, antireligiös. Systematisch wird durch die von der Partei organisierte antireligiöse Propaganda dieser Geist auch in der jüdischen Jugend großgezogen. Diese Beeinflussung beginnt bereits in der allerfrühesten Jugend. Sie durchdringt das allerletzte Dorf und sie formt auch die jüdische Jugend. Jüdische Schulen fand der Verfasser in allen übrigen jüdischen Kolonien, die er besuchte, vor. Hebräische Schriftzeichen überall. Alle möglichen Disziplinen werden dort gelehrt. Aber von jüdischer Religion hört man nichts. Die Feldarbeit ruht überall am Sabbat, aber die Schulen sind offen. In den Kolonien Weißrußlands sind zwar auch die Schulen am Sabbat geöffnet, aber die Kinder gehen nicht hin. Außerhalb der Schule erhalten sie Religionsunterricht, Unterweisung in Hebräisch und Bibel durch einen „Rebben“. In einem Chaluzim-Dorf in der Nähe von Dschankoi in der Krim, das ursprünglich für hundertdreißig Personen bestimmt war, gibt es heule etwa nur sechzig Siedler. Von den übrigen ist es etwa der Hälfte geglückt, an das Ziel ihrer Sehnsucht, nach Erez Israel, zu kommen, die andere Hälfte hat ihre Zionssehnsucht mit Sibirien büßen müssen. Der auf der Kolonie verbliebene Rest hat offiziell den Zionismus abgeschworen. In dieser Chaluzim-Kolonie fand der Verfasser ein prachtvolles Menschenmaterial: junge Männer und junge Mädels, arbeitsfähig und arbeitslustig. Sie haben in wenigen Jahren Wertvolles zuwege gebracht. Große Obstplantagen, die von einem motorischen Brunnen gespeist werden, große Traktoren, lebendes und loles Inventar zeigen einen gewissen Wohlstand, und das Lehen der jungen Leute untereinander macht einen harmonischen und freien Eindruck. Ein richtiges Gemeinschaftsleben: Alles gehört allen, alle arbeiten für alle. Ein Gottesdienst ist aber nicht vorhanden, wer will geht zu dein eine Stunde von der Kolonie entfernten „Minjan“. In den meisten neuen Kolonien aber, in denen es noch an Synagogen fehlt, findet sich in einem der Häuser ein „Minjan“. Fast überall ist am Orte selbst oder in erreichbarer Nähe ein Schauchet vorhanden, der die Leute mit rituell geschlachtetem Fleische versieht. Minsk mit seinen sechzigtausend Juden unter hunderlzehnlausend Einwohnern ist nicht Leningrad, und wenn man am Freitag vor Sabbat durch die Straßen der Vorstadt geht, in denen fast ausschließlich Juden wohnen, so grüßten aus den Fenstern die Sabbatlichter. Die Synagogen und Betstuben sind besucht. All das ist selbstverständlich. Es soll auch nicht verkannt werden, daß Kalinindorf, die Kolonie, in der der Verfasser den Sabbat verbrachte und von der er oben sprach, die Hochburg des jüdischen Kommunismus darstellt. Anderswo steht es besser um die Religion. Was hier aufgezeigt werden sollte, das sind die Tendenzen, die zur Zeit im religiösen Leben der russischen Juden wirksam sind, die Entwicklung, mit der man zu rechnen hat, wenn das Wahrzeichen des russischen Judentums von morgen „Kalinindorf“ heißt. Als er nach Moskau zurückkam, hatte Dr. Freund eine Aussprache mit führenden Persönlichkeiten der russischen Regierung. Er wurde zunächst von dem Vorsitzenden des Komzet, Herrn Smidowitsch, empfangen, der die maßgebende Regierungsinslanz für alle religiösen Fragen überhaupt ist. Nachdem Dr. Freund der Aufforderung entsprechend über die Eindrücke Vortrag gehalten halle, die er von den Kolonien in wirtschaftlicher Hinsicht empfangen, kam er auf die religiöse Frage zu sprechen. Er betonte, daß für den deutschen Juden, wie für den westeuropäischen überhaupt, der Begriff des Judentums von der religiösen Frage nicht zu trennen sei, auch nicht für diejenigen, die grundsätzlich auf nationalem Boden stehen. Er schickte die allgemeine Frage voraus: „Kennt Rußland überhaupt Glaubens- und Gewissensfreiheit?“ Die Antwort lautete: „Die russische Verfassung gewährleistet ausdrücklich diese Freiheit.“ Wir haben, fuhr Smidowitsch fort, Trennung von Staat und Kirche. Der Staat ist gegenüber der Religion neutral. Wo die Juden eine Mehrheit darstellen, haben sie völlige Glaubens- und Gewissensfreiheit. Die jüdischen Feiertage sind Staatsfeiertage usw. Niemand hindert die Jugend, auch die unter achtzehn Jahren, Synagogen zu besuchen, wenn ihre Eltern es wollen; sie dürfen auch in einem Synagogenchor mitwirken. Religionsunterricht ist aus den staatlichen Schulen ausgeschlossen, wenn aber die Eltern privatim die Kinder in den Religionsfächern PCLZAAODtN BERNHARD BAUCH MÜNCHEN SCHÄFFLERSTRASSE 3 KAUFINGERSTRASSE 25 BRIENNERSTRASSE 8