Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 3 (18.1.1929)
- Date
- 1929-01-18
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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36 Das Jüdische Echo Nr. 3 Auf Seite 12 gibt er eine gute Statistik der in Hamburg 1925 verstorbenen Juden. Darnach befanden sich unter den Verstorbenen in Prozent: im Alter von 0 bis 30 8,7 30 bis 60 23,6 60 bis 70 29,0 über 70 38,7 100.0 Diese Statistik ist die günstigste Sterblichkeit, die ich jemals gesehen habe. Unter 30 Jahren waren nur 8,7 Prozent der Verstorbenen, eine beispiellose Ziffer. An eine weitere beträchtliche Einsparung kann nicht mehr gedacht werden. Zwei Drittel aller Verstorbenen waren über 60 Jahre alt, bei der übrigen Bevölkerung nur 43 Prozent. Wenn die Einschränkung der Geburten noch weiter anhält, wird eine weitere Überalterung der jüdischen Bevölkerung eintreten, und nicht nur relativ, sondern auch absolut wird die Sterblichkeit der höheren Altersklassen zunehmen. Dagegen ist kein Kraut gewachsen, und die Deduktionen Koralniks muten wie Stimmen aus einer andern Welt an. Gewiß mag die fortschreitende Hygiene in Deutschland auch für die Juden einige Vorteile bringen. Nach meinen Berechnungen sterben alljährlich etwa 200 Juden an der Tuberkulose, außerdem können noch einige Hundert sonstige Todesfälle eingespart werden. Aber wie die Hamburger Statistik einwandfrei zeigt, sterben ja schon hauptsächlich alte Leute, deren Lebensverlängerung eine recht problematische ist. Selbst wenn es uns gelingt, trotz Zunahme von Unfällen, Selbstmorde usw. Einsparungen an Tuberkulosefällen usw. zu machen, das Lebensalter noch etwas zu erhöhen, so kommen wir in ein paar Jahren doch nicht darum herum, daß die jüdische Bevölkerung einen unerträglichen Altersaufbau und damit erhöhte Sterblichkeit bekommt. Ich habe an verschiedenen anderen Stellen nachgewiesen, daß den Altersklassen von 20 bis 40 Jahren nur noch die Hälfte der Jugendlichen von 0—20 Jahren gegenüberstehen. Je mehr die heute stark besetzten Jahresklassen der Erwachsenen reifen, zeugungsfähige Personen altern, desto größer wird in 20 bis 30 Jahren die Sterblichkeit werden. Absolut und relativ! Daß eine ähnliche Erscheinung bei der übrigen deutschen Bevölkerung angetroffen wird, ist richtig; aber das jüdische Problem wird dadurch nicht günstiger gestellt. Die Auflösung der jüdischen Gemeinschaft vollzieht sich außerdem nicht nur durch die Kinderarmut, sondern auch durch die Ausfallerscheinungen, welche durch die Taufe, Austritt, Mischehe bedingt werden. Um mich noch deutlicher auszusprechen: Eine Bevölkerung, die einen zu geringen Nachwuchs aufweist, muß den Abfall weiterer Elemente ganz besonders stark empfinden, respektive, diese Verluste führen bei zu mangelhafter Geburtenziffer zum vollkommenen Auflösungsprozeß. — Diese Erkenntnis ist Koralnik gewissermassen selbst gekommen. Er hat sie ja in dem vorher zitierten Satz schon eingeräumt, wo er „vom traurigen Untergang“ spricht, von dem die Ostjuden die deutschen Juden stets gerettet haben. Von diesen Ostjuden erwartet er das ganze Heil für die deutschen Juden, insbesondere von der Verbesserung ihrer Sterblichkeit. Die Sanierung der in Deutschland ansässigen ostjüdischen Emigranten wird in ihrer für das große Problem gelegenen Wichtigkeit von Koralnik überschätzt. „Man darf sich keiner Täuschung hingeben. Jede Illusion ist bei dieser schmerzlichen und aktuellen Frage des deutschen Judentums schädlich“, bemerkt Koralnik an anderer Stelle. Aber Koralnik ist selbst unter die Illusionspolitiker gegangen. Diese ostjüdische Jugend hat früher das deutsche Judentum nicht erhalten, solange es noch selbst in den Kleingemeinden Deutschlands blühte und genug Zuwachs hatte. Sie wird es nicht in Zukunft tun, obwohl Koralnik das ostjüdische Element vom Populationsstandpunkt „gesund und normal“ nennt. Gewiß, ein Teil der Einwanderer kann nicht sich so rasch der einheimischen jüdischen Bourgeosie und dem assimilierten Judentum angleichen, aber schon ihre Kinder unterscheiden sich in nichts mehr von der übrigen deutschen Judenheit. Koralnik muß ausziehen, um auch diese Kreise zu entdecken. Die jüdisch-religiöse Frage in Rußland Herr Dr. Ismar Freund veröffentlichte im Berliner „Gemeindeblatt“ eine Aufsatzserie: „Das Juden- Problem in Sowjet-Rußland“. In dem zweiten der „religiösen Frage“ gewidmeten Aufsatz führt er u. a. aus: In demselben Maße, wie ich von dem wirtschaftlichen Wiederaufbauwerk in Rußland im allgemeinen außerordentlich günstige, zum Teil geradezu erhebende Eindrücke mitgenommen habe, so niederdrückend ist der Eindruck gewesen, den ich gewonnen habe, soweit es sich um das kulturell-religiöse Leben handelt. Herr Dr. Freund schildert die Eindrücke, die er bei dem Besuch der Leningrader Großen Synagoge gewonnen hat. Zu dem Sabbat-Gottesdienst hatten sich ungefähr vierzig Menschen eingefunden: alte Leute und „Batlonim“, beschäftigungslose Müßiggänger. Der Kantor bestritt den gesamten Gottesdienst allein, ein Chor war nicht vorhanden. Kinder unter achtzehn Jahren, sagte man ihm, dürfen die Synagoge nicht besuchen, geschweige denn im Chor mitwirken, und für einen Männerchor hat man kein Geld. Die Kirchen aber waren am Sonntag gefüllt. Auch in der Moskauer Synagoge, die vielleicht zwölf- bis fünfzehnhundert Menschen faßt, fand der Verfasser nur eine kleine Zahl Betende vor, ein Kantor war nicht vorhanden, nur ein Chordirigenl. In Odessa fand er die größte Synagoge in einen Klub umgewandell, in Minsk in ein Kino, in Cherson und Somforopel fürchtete man ein ähnliches Schicksal. Nicht anders war die geistig-religiöse Atmosphäre in einer Wanderer MOTORWAGEN sind in Qualität und Leistung unerreicht. Verkauf durch: Joli. Wlnklboier & Söhne * München 50 Forstenrieder Straße 53 / Telephon 738 44