Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1929-01-18 · 3 (18.1.1929) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
3 (18.1.1929)
Date
1929-01-18
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9103083-9158554--09091-9081998
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Das Jüdische Echo Nummer 3 18. Januar 16. Jahrgang Sind Mischehen und Geburtenrückgang eine Gefahr? Von Dr. Felix A. Theilhaber (Berlin) Die Frage der jüdischen Bevölkerungspolitik beschäftigt, in erfreulicher Weise, in der letzten Zeit die deutsch-jüdischen Zentralorganisationen in verstärktem Maße. Der Preußische Landesverband Jüdischer Gemeinden hat sogar die Einberufung einer speziellen Kommission zur Behandlung dieser Probleme beschlossen. In den jüdischen Zeitungen und Zeitschriften widmet man dieser Frage erhöhte Beachtung. Auch die „Ose-Rundschau“, die Zeitschrift der „Gesellschaft für Gesundheitsschutz der Juden“, hat über dieses Thema mehrere Aufsätze veröffentlicht. In der November-Nummer der genannten Zeitschrift ergreift Dr. Felix A. Theilhaber das Wort, um als einer der besten Kenner der einschlägigen Materie davor zu warnen, die Bedeutung von Mischehen und Geburtenrückgang bei den Juden zu unterschätzen. Er tut das in der Form einer Polemik gegen die Ansichten des Statistikers J. Koralnik. Dieser umfangreichen Darlegung entnehmen wir die wesentlichsten Abschnitte. J. Koralnik hat im 3. Jahrgang Nr. 3 der „Ose-Rundschau“ (1928) eine geistvolle Abhandlung zum Bevölkerungsproblem der Juden veröffentlicht. Koralnik beginnt seine Untersuchungen mit der Betrachtung der Mischehe. Ihm „erscheint das ganze Gerede von der Mischehegefahr wie eine Psychos e“. Koralnik passiert hier das Mißgeschick, die Sprache der von ihm selbst angeführten Zahlen mißzuverstehen. Nach den von ihm selbst zitierten Ziffern heirateten 1925 und 1926 in eine rein jüdische Ehe 11 120 Juden und in eine Mischehe 2728. Unter den heiratenden Juden gingen also etwa 24,5 Prozent eine Mischehe ein. Dabei sind die Heiraten von Juden und Nichtjuden außer acht gelassen, die durch eine Korrektur des Religionsbekenntnisses vor der Eheschließung statistisch nicht mehr erfaßt werden können, also Heiraten von Juden mit Christinnen, die zum Judentum übertreten, oder von Juden, die sich taufen lassen, bevor sie eine Christin ehelichen. Diese Zahl, welche also die Vermischung exakt angeben könnte, mag, obwohl nicht ganz unerheblich, meinetwegen ausscheiden. Ob eine Mischehenziffer von 25 Prozent viel oder wenig bedeutet, ist eine strittige Frage. Man muß nicht höhere Mathematik studiert haben, um aus der Statistik folgendes entnehmen zu können. Während in den letzten 25 Jahren die rein jüdischen Ehen um etwa 25 Prozent abnahmen, haben sich die Mischehen verdoppelt. Ich möchte hierbei bemerken, daß die Jahre 1914 bis 1924 am besten bei den Betrachtungen ausscheiden, da sie die Kriegs- und Nachkriegsjahre umfassen und mit ihren zuerst minimalen und dann exorbitant hohen Eheziffern täuschen. Bei dem seit 1925 beobachteten Sinken der jüdischen Heiraten gegenüber der Vorkriegszeit hat eine Zunahme der Mischehen viel zu bedeuten. Wenn wir sehen, daß trotz des erheblichen Zuzuges aus dem Osten, trotz einer aus einer früheren größeren Fruchtbarkeit herstammenden guten Besetzung der Altersklassen 20 bis 30 Jahre die Heiratsziffer beängstigend abnimmt, gewinnt jede das Judentum auflösende Bewegung an sich schon an Bedeutung, um so mehr, wenn deren Tendenz zur Zunahme neigt. Koralnik findet ein angebliches Nachlassen der Mischehe aus dem Umstand, weil die Kriegs- und Nachkriegsjahre, d. h. eigentlich nur die Jahre 1919 bis 1923 noch mehr Mischehen aufwiesen. Er übersieht dabei ganz, daß z. B. 1920: 15 000 Juden eine jüdische Ehe schlossen. Es waren eben die vielen 1915 bis 1918 gewissermaßen künstlich von der Heirat ausgeschlossenen jungen Leute, die nach dem Krieg heirateten. Aber während 1926 nur noch ein Drittel der 1920 in den Stand einer rein jüdischen Ehe eintritt, ist es bei den Mischehen noch über die Hälfte. Ich komme auf Grund der selbst von Koralnik gegebenen Ziffern zu folgenden Schlüssen: 1. Die Mischehen schließenden Juden betragen neuerdings ein Viertel aller Heiratenden. 2. In den letzten 25 Jahren hat sich die Zahl der Mischehen verdoppelt, die Zahl der rein jüdischen Heiraten um ein Viertel vermindert. „Ob das Gerede von der Mischehenepidemie, von dem Überhandnehmen usw.“, wie Koralnik meint, wirklich „nur vages Hirngespinst und haltlose Phantasie ist“, darf man bestreiten. Ferner ist dazu folgendes zu bemerken. Wenn wir die Mischehen nicht den Eheschließenden sondern den jüdischen Eheschließungen gegenüberstellen, dann bekommen wir folgendes Bild: Es gab 1926 rein jüdische Eheschließungen (bei 5212 jüdischen Eheschließungen) 2656, Mischehen 1315. Wir sprechen bei dieser Berechnung von 50 Prozent Mischehen, statistisch gehen, nicht ganz korrekt. Aber im Leben hat diese Berechnung auch ihre Berechtigung. Wenn nämlich auf 100 rein jüdische Ehen 50 Mischehen kommen, dann tritt im Leben zu jeder zweiten jüdischen Ehe eine Mischehe, die Häufigkeit als soziologische Erscheinung wird damit wirklich beängstigend, die Mischehe wird eine alltägliche Form der Bindung. Das deutsche Judentum, um es noch einmal zu wiederholen, steht heutzutage nicht vor dem Problem des Geburtenrückganges, wie viel mehr vor dem Problem der Sterblichkeiterhöhung. Nicht so sehr der Hemmung des Rückganges der Geburten wie vielmehr der Eindämmung des Sterblichkeitsanstieges müssen alle Sorgen und Bemühungen gelten. Also spricht wörtlich Koralnik.- Wie aber soll ich ihm in Kürze erwidern, wie, ohne ein Buch darüber noch einmal zu schreiben, den ganzen gefährlichen Irrtum aufdecken? Mir kommt wieder einmal Koralnik selbst zu Hilfe.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.