Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 2 (11.1.1929)
- Date
- 1929-01-11
- Page
- Seite 21 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Das Jüdische Echo 21 General Motors Automobile Chevrolet LORIN/ER & CO Oakland Nymphenburger Straße 128 / Telephon 61836 La Salle aus die logische Folgerung, daß es nicht Aufgabe der Reichsorganisation war, sich zu isolieren, sondern sich in den Dinenst der gemeinsamen jüdischen Sache zu stellen; nicht eine Trennungswand zwischen Ost und West aufzubauen, sondern die bestehenden Meinungsverschiedenheiten aus dem Wege zu räumen und gemeinsame Arbeit mit sämtlichen in Deutschland lebenden Juden herbeizuführen. Diese große Aufgabe ist m. E. noch im Laufe der Jahre zum Teil gelungen. Wenn auch in Einzelheiten nicht das erreicht wurde, was den Gründern der Reichsorganisation vorgeschwebt hat, so ist die große Linie gefunden worden, auf der sich die ostjüdische Arbeit zur allgemeinen jüdischen Arbeit in Deutschland entwickelt. Es war von vornherein klar, daß es nicht Aufgabe der Reichsorganisation sein kann und sein soll, die Arbeitsziele, die sich die einzelnen ostjüdischen Organisationen gesteckt haben, zu übernehmen, sondern diesen Arbeiten Richtung und Linie zu geben, sie in eine einheitliche Form zu bringen und so das Chaotische aus dem gesellschaftlichen, kulturellen und sozialen Leben der Ostjudenheit zu eliminieren. Eine Aufgabe, die gar nicht so leicht war, wenn man bedenkt, daß in den ostjüdischen Reihen die Sehnsucht nach Vereinsmeierei noch immer nicht verschwunden ist, daß der Wunsch nach Schaffung neuer Vereine noch immer besteht. Doch kann man, ohne sich dabei einer Übertreibung schuldig zu machen, feststellen, daß es der Reichsorganisation gelungen ist, die große Linie, die im Programm verankert wurde, in den Kreisen der Ostjudenheit verständlich zu machen und mit vereinzelten Ausnahmen die vorhandenen ostjüdischen Organisationen in den Dienst der gemeinsamen Sache zu stellen. So war es möglich, den Ostjuden die gebührende Vertretung in den jüdischen Gemeindekörperschaften zu schaffen, gebührenden Einfluß auf die Wohlfahrtsaktionen der jüdischen Körperschaften zu gewinnen und kulkurelle Körperschaften ins Leben zu rufen, die nach den unglückseligen Jahren der Inflation erzieherisch auf unsere aus dem Geleise geworfene Jugend wirkten. Sei es in den einzelnen jüdischen Gemeinden oder in den Landesverbänden jüdischer Gemeinden — überall wirkte die Mitarbeit der Ostjuden jüdisch belebend; in den Wohlfahrtsämtern stellten sie ihre besten Kräfte der Arbeit zur Verfügung und verstanden so die Brücke zu schlagen, die zwischen Ost- und Westjudentum nach vielen Jahren des Nichtverstehens notwendig war. Unter diesem Einfluß und unter der Mithilfe unserer Freunde in Deutschland sahen sich die bestehenden Gemeinden, die bis dahin einer ostjüdischen Invasion gegenüber sich hermetisch verschlossen hatten, dazu gezwungen, den Ostjuden den Eintritt in die Gemeindearbeit zu öffnen, wenn auch gewisse Vorbehalte und Ausnahmezustände in einzelnen Gemeinden bestehen, über die noch weiter zu sprechen sein wird. So hatte die Arbeit, wie sie im Programm der ersten Reichskonferenz niedergelegt wurde, unter günstigen Auspizien begonnen. Wir stehen noch immer im Anfang. Wenn ich vorher einen Rückblick über das Gewesene gegeben habe, so war es mir darum zu tun, daraus die Aufgaben herzuleiten, die der neuen Reichskonferenz obliegen, unter Berücksichtigung der Ziele, die wir uns gestellt haben, einen Blick zu werfen auf den Weg, den wir bisher zurückgelegt und den wir noch weiter zu gehen haben. Das Programm steht fest. Nicht um die Formel ist es zu tun, sondern welchen Inhalt wir in diese Formel hineinlegen. Die Ostjudenheit muß ein für allemal darüber klar sein, daß zu einer produktiven Arbeit eine Konzentration aller Kräfte notwendig ist. Nicht die Schaffung neuer Minjanim ist die Aufgabe, sondern die Zusammenfassung zu einem großen Minjan, der alles umfaßt, was produktiv innerhalb der Ostjudenheit wirken kann. Es gilt den gesamten Einfluß in der Richtung auszuüben, in all denjenigen Gemeinden, in denen sich die Ostjudenheit in einer Ausnahmestellung befindet, diese Ausnahmestellung aus dem Wege zu räumen, unseren deutschen Brüdern klarzumachen, daß wir in eine Gemeinde nicht hineingehen, um dort zerstörend, sondern um aufbauend zu wirken, daß innerhalb der jüdischen Gemeinde es keinen Unterschied zwischen Ost- und Westjudentum geben darf, daß in einer Zeit der fortschreitenden Demokratie in den jüdischen Gemeinden keine ost- und westjüdischen Kurien geschaffen werden können, weil die Schaffung dieses Ausnahmezustandes der Demokratie Hohn spricht und antijüdisch ist. Der Kampf um das gleiche Recht in den jüdischen Gemeinden muß von uns mit aller Schärfe geführt werden, weil wir den heutigen Zustand als unhaltbar ansehen und ihn abzuschaffen wünschen. Von einer demokratisch jüdischen Gemeinde muß dann der erzieherische Einfluß auf unsere Jugend ausgehen. Noch befindet sich unsere Jugend in einem Zustand der Verzweiflung. Sie aus diesem Zustand herauszuführen, ist Aufgabe der jüdischen Gemeinde, an der wir mit allen unseren Kräften mitwirken wollen. Auf sozial-wirtschaftlichem Gebiet sind große Aufgaben zu bewältigen. Nach dem Taumel der Inflation kam die Besinnung und mit ihr eine Dezimierung der jüdischen Existenzen. Diese Existenzen wirtschaftlich neu aufzurichten, ist unsere Aufgabe. Eine Aufgabe, die nicht auf dem Wege humanitärer Arbeit zu machen ist, sondern durch großangelegte sozial-wirtschaftliche Aktionen, die dazu führen müssen, die zugrundegerichteten ostjüdischen Existenzen neu in die allgemeine deutsche Wirtschaft einzuordnen. Fern vom Streit der Parteien im deutschen Judentum wollen wir unsere Aufgabe erfüllen und in dieser Mission vielleicht auch unser Scherflein zur Befriedung des deutschen Judentums beitragen. Gerade weil wir überparteilich sind, haben wir die Aufgabe, unter den jüdischen Parteien im Interesse des Gesamtjudentums ausglei-, chend zu wirken. Wir wollen damit keine neuen Friedensapostel werden, sondern einen Frieden herstellen im Interesse der Gesamtjudenheit, von welchem wir uns auch einen produktiven Einfluß auf unsere ostjüdische Arbeit versprechen.