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Das jüdische Echo · 1929-01-04 · 1/44 (4.1.1929) Chaim Lederers Rückkehr/ Richter und Narr · p. Seite 2

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
1/44 (4.1.1929) Chaim Lederers Rückkehr/ Richter und Narr
Date
1929-01-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Romanbeilage des „Jüdischen Echos'* Nr. 1 nach Hause. Er hatte kaum Zeit, das Abendessen zu verzehren; oft mußte er, den letzten Bissen noch im Munde, wider seinen Willen in ein Kino gehen, da ihn seine Familie dazu zwang (es wurde zumeist ein Unsinn gegeben, der ihn nicht interessierte). Dann und wann besuchte er ein Meeting, das die Landsmannschaft der alten Down-Town-Bekannten veranstaltete (das geschah wieder gegen den Willen seiner Frau und zum Ärger seiner Kinder, die es nicht gern sahen, daß er diese alten Bekanntschaften noch pflegte). Doch zumeist begnügte er sich mit der Zeitung, die, ins Bett mitgenommen, ihn in die Arme des Schlafs versenkte. Die Nacht durchschlief er traumlos, wunschlos, ohne Begehren und ohne Sehnsucht bis zum Morgen, der ihn wie einen Sklaven an der Kette wieder zu seiner Arbeit zerrte... Als Mister Lederer am Morgen nach der Feier erwachte, hatte er gar nichts zu tun und das tat ihm wohl. Es schien ihm, als wäre es Sonntag; er lag bis gegen Mittag mit der Zeitung im Bett. Nach dem Essen nahm er die Zeitung wieder zur Hand und legte sich auf die Veranda. Für den Nachmittag war, obwohl das Wetter regnerisch war, eine Autofahrt nach Coney-Island geplant, wie es jeden Sonntag geschah; so sollte der Tag bis zum Abend ausgefüllt werden, um über das Verlangen des Alltags hinwegzutäuschen, nach Down-Town ins Geschäft zu fahren, oder wenigstens sein Faktotum Nußbaum anzurufen und „Was gibt es Neues?“ zu fragen. Dazu hatte der alte Lederer gleich am ersten Tag seines Privatlebens große Lust, doch er schämte sich dieses Wunsches vor den Kindern, am meisten vor seinem ältesten Sohn Morris. Eigentlich hatte sich Mister Lederer etwas zu früh vom Geschäft zurückgezogen. Er besaß noch zu viel Energie und war ungeachtet seines Alters (das er selbst nicht genau wußte oder nicht wissen wollte) noch zu agil und unternehmungslustig, um dem tätigen Leben zu entsagen und wie die alten Insassen eines Greisenasyls im Zimmer zu sitzen und auf den Tod zu warten. Lederers so früher Austritt aus dem Unternehmen war denn auch eine Überraschung, nicht nur für seine Freunde und Bekannten, sondern auch für seine eigene Familie gewesen. Der älteste Sohn Morris hatte die Nachricht nicht bloß mit „bedauernder“ Zustimmung entgegengenommen; selbst seine Ehrfurcht vor dem Vater ließ ihn nur schwer die Freude darüber verbergen, daß er nach dem Rücktritt des Vaters „Chef* der großen Firma auf Broadway werden, seine eigenen geschäftlichen Pläne und Reformen, deren Verwirklichung des Vaters starke Hand gehindert hatte, durchführen und seinen niedergehaltenen Ehrgeiz befriedigen werde. Der zweite Sohn, ein „Lebemann“, der sich sehr wenig für das Geschäft interessierte, stand der Veränderung gleichgültig gegenüber. Frau und Tochter waren zunächst überrascht und gedrückt und fühlten etwas wie Unsicherheit; allmählich aber fanden sie den Entschluß des Vaters für gut und richtig, besonders, da er ihren eigenen schon lange gehegten Reiseplänen entgegenkam. Mister Lederer hatte stets auf eine Zeit gehofft, da er genug Geld zum Leben haben würde, um sein Geschäft aufzugeben und etwas anderes zu beginnen. Es läßt sich allerdings nicht behaupten, daß Mister Lederer völlig im klaren darüber gewesen wäre, was das Andere, das Neue sein würde, das er beginnen wollte. Wenn auch Mister Lederer sein Leben lang tief im Geschäft stak, so kann man doch nicht sagen, daß er das Geschäft liebte. Lederer hatte einst andere Ideale gehabt, andere Ambitionen und andere Wünsche, als den größten Teil der Neger in den Südstaaten mit Hemden und Kragen zu versorgen. Und daß die Firma immer mehr wuchs und zu dem wurde, was sie war, — das war nicht bloß Lederers Verdienst, nicht bloß das Ergebnis seiner unerschöpflichen Energie und seines Unternehmungsgeistes, sondern noch mehr, vielleicht viel mehr — Zufall. Lederer hatte „günstigen Boden“ gefunden. Viel stärker hatte ihn das Unternehmen gefaßt und in sein stürmisches Wachstum mitgezogen als er selbst es emporzog. Es war wie ein Lebewesen, wie eine Frau, die ihn ganz beherrschte; es überließ ihn keine Minute sich selbst, gab ihm keinen Tag Zeit innezuhalten und sich Rechenschaft zu geben: Wozu? Wofür? Für wen? Und was wird geschehen, wenn ich die „runde Summe“ erreicht habe? Lederer schien an einem der Lederriemen emporgezogen zu werden, die über die Räder der Dynamos liefen, welche seine Werkstätten mit elektrischer Kraft versorgten — bis er endlich dort stehen blieb, wo er stand ... Einst aber hatte Lederer, wie gesagt, ganz andere Ambitionen gehabt. Und manchmal hatte er, mitten im fliegenden Hasten durch die Straßen der Riesenstadt Neuyork, mitten im Drang seiner Geschäfte, seiner Unterhandlungen über Abschlüsse, die in die Zehntausende gingen, sich selbst gefragt: „Bin ich wirklich Lederer?“ Doch das hatte stets nur einen Augenblick gedauert; dann setzte der Sturm wieder ein und trieb ihn weiter, weiter... (Fortsetzung folgt)

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