Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 1/44 (4.1.1929) Chaim Lederers Rückkehr/ Richter und Narr
- Date
- 1929-01-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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CHAIM LEDERERS RÜCKKEHR VON SCHALOM ASCH Autorisierte Übertragung aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright by Dr. Präger, Pressedienst, Wien) 1. Kapitel CHAIM LEDERERS KARRIERE Am Morgen nach dem großen Bankett, das zu Chaim Lederers sechzigstem Geburtstag veranstaltet worden war, wußte der alte Lederer nicht, was er nunmehr beginnen sollte. Das Bankett hatte im Saal eines der Neuyorker Riesenhotels stattgefunden. Das Essen war koscher, Redner waren ein Rabbiner und Mister Großmann, der Vertreter der Versicherungsgesellschaft, bei der Lederer versichert war, nebenbei eine bekannte Figur in der Neuyorker jüdischen Öffentlichkeit. Die Feier war nicht nur aus dem Grunde veranstaltet worden, weil Mister Lederer sein sechzigstes Lebensjahr vollendet hatte. Der Sechziger stimmte nämlich nicht ganz genau; denn eigentlich hatte Mister Lederer die Sechzig schon um ein gutes Stück überschritten. Wenn man es ganz genau nahm, wußte er eigentlich selbst nicht recht, wann er Geburtstag hatte; sein Geburtstag war eine Einführung seiner Frau, von ihr erst viel später erfunden. Als es ihnen bereits gut zu gehen anfing, hatte sie ihm der Leute wegen einen Geburtstag angehängt, indem sie irgendeinen gewöhnlichen Tag im Jahr dafür bestimmte. Den eigentlichen Anlaß der Feier bildete denn auch nicht so sehr der sehr problematische sechzigste Geburtstag, als vielmehr der Umstand, daß der Chef der großen Neuyorker Wäschefirma „Lederer and sons“ auf Broadway sich vom Geschäft zurückzog und das Unternehmen seinen zwei verheirateten Söhnen überließ, natürlich nicht ohne vorher sich selbst einen entsprechenden Anteil als lebenslängliche Rente gesichert, seiner Frau für den Fall seines Todes eine gebührende Jahrespension ausgesetzt und überdies eine bedeutende Summe als Mitgift für seine unverheiratete Tochter, die noch im Hause der Eltern wohnte, reserviert zu haben ... Der alte Mister Lederer war ein Mann der Arbeit. Seit er vor fünfundzwanzig Jahren begonnen hatte, sein Unternehmen aufzubauen, hatte es keinen einzigen Tag gegeben, an dem er des Morgens erwacht wäre, ohne zu wissen, was er zu tun hatte. Stets wartete Arbeit auf ihn. Wie ein Rennpferd unter der Peitsche stürzte sich Lederer schon am frühen Morgen in den brausenden Kessel des Geschäftsbetriebes. Noch während er halb sitzend, halb stehend hastig das Glas Kaffee schlürfte, das er noch von der alten europäischen Heimat her am Morgen zu trinken gewohnt war, wobei er von einem Zuckerwürfel zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand kleine Stückchen zum Kaffee abbiß, hielt er in der rechten Hand das Notizbuch, in dem er die wichtigsten Geschäftsangelegenheiten verzeichnet hatte, die über Tags zu erledigen waren: die Zahlungen, die Inkassi, die geschäftlichen Verabredungen, den Lunchpartner u. dgl. Schon während des eiligen Frühstücks entwarf er im Kopfe Geschäftspläne für die Firma „Lederer and sons“. Wenn er dann das Haus verließ, wurde er rasch von der Erde im Riesenschlund der Untergrundbahn verschlungen. Zusammen mit Tausenden, Zehntausenden seinesgleichen, die ebenso wie er im Leib eines stählernen Ungeheuers zusammengepfercht waren, flog er mit der Geschwindigkeit des Blitzes unter der Erde, unter Häuserzügen und Wasserläufen dahin. Bis sie die Erde wieder ausspie, jeden in seine Straße, an seinen Arbeitsplatz. Den ganzen Tag war er ins hastig schwingende, lärmende Rad des Geschäftes gespannt, es warf ihn von den Geschäftsräumen in die Werkstätten, von den Werkstätten zurück in die Geschäftsräume. Unzählige Male im Tag riß ihn das Telephon an sich: dem einen bot er freundlich lächelnd Gruß, dem anderen tönte aus gleichgültigem Gesicht ein trockenes „Ich kann nichts tun“ entgegen, dem einen ein Lachen, dem anderen ein Zornausbruch. Im Geschäft bot er Zigarren an, nahm Zigarren, fertigte Reisende ab, empfing Einkäufer. Später, als die Firma emporkam, nahm er den Lunch auswärts und erledigte auch dabei Geschäfte mit mehr Heißhunger als er für die Gänge hatte, die ihm vorgesetzt wurden. Am Abend sandte ihn die Straße wieder heim. Todmüde kam er