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Das jüdische Echo · 1929-01-04 · 1 (4.1.1929) · p. Seite 11

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
1 (4.1.1929)
Date
1929-01-04
Page
Seite 11 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 1 Das Jüdische Echo 11 eingeleitet, die bisher allein in Antwerpen 3000 Pfund erbracht hat. Die letzten Unruhen in Petach Tikwah vor Gericht Harte Urteile Jerusalem, 26. Dezember. (JTA.) Bekanntlich haben vor einigen Tagen in Petach Tikwah abermals Kundgebungen jüdischer Arbeitsloser stattgefunden. Ein Teil der Demonstranten drang in das Büro des Agrikultur-Komitees von Petach Tikwah ein, zerschlug Fenster und Türen und zerriß mehrere Akten. Die britische Polizei ging sehr scharf gegen die Demonstranten vor und verhaftete eine Anzahl derselben. Drei der Verhafteten hatten sich nun vor Gericht zu verantworten. Zwei der Demonstranten wurden zu je sechs Monaten, einer zu fünf Tagen Gefängnis verurteilt. Die Union der jüdischen Kolonisten Palästinas hat vor einigen Tagen eine Resolution angenommen, in der das Vorgehen der Arbeitslosen in Petach Tikwah scharf getadelt und die palästinensische Arbeiterföderation (Histadruth Haowdim) für die Unruhen verantwortlich gemacht wird. Die Zionistische Exekutive wird aufgefordert, Maßnahmen zu treffen, die solchen Ausschreitungen in Zukunft Einhalt gebieten sollen. II im «II 1111IIUIII1 llllllllllllllll Feuilleton 1111 1 Der vornehme Marktsfand von Abraham Reisen Unter den vielen kleinen Ständen, welche in Reihen auf dem Markte standen, gab es einen mit dem Beinamen „der vornehme Marktstand“. Trotz dieses Adelstitels aber gehörte auch dieser Stand Juden, und alle seine Waren waren koscher. Doch jede jüdische Hausfrau, die auf den Markt einkaufen ging, beschleunigte ihren Schritt, wenn sie an diesem Stand vorbeikam, damit ihr der böse Trieb nicht etwa einrede, dort einzutreten... Die Scheu vor diesem Stand stammte nicht etwa vor trefenen Waren (Gott bewahre), sondern vom Preis und den außergewöhnlichen Sorten Eßwaren, die es dort gab. Schon die gewöhnlichsten Dinge, die man an jedem kleinen Marktstand zu kaufen bekommt, kosteten dort mehr; denn was ein Gutsherr zahlen kann, das kann ein Jude nicht zahlen, ausgenommen ein paar schwerreiche Leute im Städtchen. Aber wenn auch manche Waren dasselbe kosteten, wie an jedem gewöhnlichen Stand, so hatte doch nicht jede Hausfrau den Mut, an diesen Stand zu treten. Denn erstens ist die Hökerin Chaje Gitel wohl von Natur aus wirklich ein braves Weib, aber da sie so viel mit Adeligen und reichen Kunden zu tun hat, ist ihre Sprache so vornehm geworden, daß nicht jedermann mit ihr reden kann. Zweitens aber stehen, wenn man hinkommt, schon andere Kunden dort, und nicht jede Hausfrau hat Zeit zu warten. Chaje Gitel aber hat sich’s eingeführt, daß, wer vorher kommt, zuerst bedient wird — außer es ist eine sehr vornehme Gutsfrau, die in einer Kalesche mit vier Pferden angefahren kommt; die kann man natürlich nicht warten lassen. Aber wenn man auch sehr selten an Chaje Gitels Marktstand trat, so wußte doch jede Hausfrau genau Bescheid über die vielerlei Waren, die dort zu haben waren. Über einige Sorten Waren gingen ganze Legenden um. Eine wußte zu erzählen, an Chaje Gitels Stand sei das ganze Jahr, Sommer und Winter, allerlei Obst zu haben, sogar Weintrauben, von denen aber kostet, das Pfund „ein Vermögen“. Nicht einmal jeder Gutsherr kann es sich leisten. Eine zweite erzählt, in Chaje Gitels Stand sei eine Obstart vorhanden, die nur irgendwo bei Odess wächst, die hat Kerne, welche trunken machen, wenn man sie ißt... Die Erzählerin hat sogar gewußt, wie das Obst heißt, aber gerade jetzt hat sie es vergessen. Dann kommt das Gespräch auf die gewöhnlichen Waren, die jede Frau braucht. Aber sie bei Chaje Gitel einzukaufen, ist schwer; denn erstens läßt sie sich mehr zahlen als jede andere und zweitens verkauft sie nicht für weniger als einen Gulden. Eine Hausfrau sagt freilich mit einem gewissen Stolz, „es sei nicht so arg, wie man meint... Letzte Woche gerade ist mein kleiner Selig krank geworden. Der Bader hat verordnet, ihm einen Tee mit Zitrone zu geben, da muß man schon zu Chaje Gitel gehen. Denn wo bekommt man sonst eine Zitrone? Und die hat sich im ganzen einen Sechser zahlen lassen. Dabei hat sie mich sehr freundlich bedient.“ Eine zweite erzählt mit Stolz, voriges Jahr, wie sie so stark verkühlt war und unaufhörlich hustete, da habe sie Kandiszucker kaufen müssen. Da ist sie auch zu Chaje Gitel gekommen und die hat ihr eine volle Düte für drei Kopeken gegeben. Schließlich aber geben beide zu, es sei besser, nicht hinzugehen; denn man sieht dort so viel, daß man alles zusammenkaufen möchte ... „Das ist wahr,“ — fügte eine andere hinzu — „voriges Jahr war das, vor Sukkoth. Ich wollte Honigkuchen mit gutem Honig machen; da bin ich zu Chaje Gitel gegangen. Und ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was ich dort noch alles zusammengekauft habe. Sechs Gulden habe ich bei ihr gelassen...“ Das waren aber nur einige Hausfrauen, solche die sich hier und da einen Einkauf bei Chaje Gitel gönnen konnten und dann gern davon sprachen. Sonst aber war Chaje Gitels Stand nur für vornehme Leute da. Und mit der Zeit war Chaje Gitel so überzeugt von ihrer besonderen Aufgabe, daß sie gar nicht merkte, sie sei von kleinen ärmlichen Ständen umgeben, in denen sich im ganzen weniger Ware befand, als in einem Winkel ihres Standes. Sie war um nichts reicher als die anderen und hatte nichts vor ihnen voraus. Nicht nur, daß die meisten Hausfrauen im Städtchen ihre neuesten Waren nie gekostet hatten, auch sie selbst wußte nicht, wie Dutzende ihrer Warensorten schmeckten ... Manchmal vergaß sie, daß es Eßwaren seien. Sie hielt sie für Dinge, die nur ein Gutsherr kauft. ... Und sind es doch Eßwaren, so sind sie nicht für Juden. Erst einige Jahre später, als einige Handwerker aus dem Städtchen aus Amerika zurückkamen, wo sie allerhand Leckerbissen kennengelernt hatten, da bekam Chaje Gitel einige ständige jüdische Kunden außer den wenigen Frauen der Reichen. Ihr erster Kunde war Jankel, der Schneider, der in Amerika volle vier Jahre gewesen war und 999999999999^5

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