Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 1 (4.1.1929)
- Date
- 1929-01-04
- Page
- Seite 12 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9103083-9158542--09066-9081969- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
12 Das Jüdische Echo '^■jg^sywj Nr. 1 von dort fast tausend Rubel mitgebracht hatte. So einer konnte sich’s freilich erlauben, Obst zu kaufen, von dem die Sage ging, es koste ein Vermögen. Er nannte schlankweg den richtigen Namen davon und sagte: „Bei uns in Amerika ißt das jeder Bettler.“ Diesen heimgekehrten Amerikanern zuliebe bestellte Chaje Gite oder holte selbst aus der Gouvernementstadt ganz neue Waren, die sogar die Gutsherren noch nie verlangt hatten. Chaje Gitel selbst und ihr Mann Berl, der ihr manchmal beim Stand half, waren nicht mehr so jung, daß sie Lust hatten, nach Amerika zu fahren. Aber ihre Kinder, die alle erwachsen, zum Teil schon verheiratet waren, bei denen weckten die Kunden aus Amerika die Lust, ihr Glück zu machen ... So verließen sie eines nach dem anderen der Mutter vornehmen Marktstand und fuhren nach Amerika, um Obst zu essen, das daheim bloß für vornehme Leute da war ... (Aus Reisens „Idyllen aus der Heimat“, übertragen Siegfried Schmitz.) Die Jorschim Schauspiel in drei Bildern von Scholem Asch Anläßlich der bevorstehenden Theateraufführung von Aschs „Die Jorschim“ (die Erben) durch den hiesigen Jüdischen Kulturverein J. L. Perez, am Sonntag, dem 6. Januar 1929, abends 8.15 Uhr, im Blütensaale, Blütenstraße 18/1, dürfte ein kurzer Rückblick auf dieses, in bestimmtem Maße noch heute aktuelle Stück gewiß am Platze sein. Denn das Problem der Assimilation, das Asch in diesem Schauspiel entrollt, ist im Kern auch heute noch zeitgemäß; und auch heute dürfte die Wiederkehr einer starken, jüdisch-religiösen Welle und die damit verbundene Anknüpfung an die Macht der Tradition, das Wiedererwachen ursprünglich-jüdischer Bestimmung das einzige Mittel sein, jener Assimilationsseuche einen wirksamen Widerstand entgegenzusetzen. Gerade wie in den „Erben“ von Asch. Denn in diesem Stück wird uns das typische Assimilantenmilieu in der jüdischen Bankiersfamilie Meisner vor Augen geführt. Jenes Milieu, das einer honetten familiären Basis und einer ausgesprochenen Anständigkeit keineswegs entbehrt, das aber durch das völlige Außerachtlassen jeder religiösen Einwirkung und Erziehung schließlich dahin führt, daß die Kinder, die nachfolgende Generation, eben die „Erben“, in tragische Lebensphasen geraten. Der haltlose Sohn gelangt, wie es ja auch heute schon fast zur Zeitmode geworden ist, in das Lager revolutionärer Doktrin; die schwärmerische, von einem christlichen Grafen geliebte Tochter fast in den Schoß der katholischen Religion, wo sie ihren, jeden Menschen immanenten Durst, nach Religion zu stillen hofft. Eben, weil ihre eigene, die jüdische Religion, so durchaus mißachtet worden war. Allen diesen tragischen „Halbmenschen“ gegenüber, denen die religiöse Überzeugung fehlt, wie auch der etwas blasser gezeichneten katholischen Umwelt, erscheint der greise Reb Schmuei, der Großvater, geradezu erquickend in der ungebrochenen Gradlinigkeit und in der unerschütterlichen Kraft seines Glaubens. Ihm ist auch schließlich die Rettung der gefährdeten Tochter zu verdanken, wodurch symbolisch ausgedrückt wird, daß nur durch das organisch verknüpfte Zusammenhalten des Alten und Neuen eine normale Entwicklungsbahn gewährleistet ist. Diese, unserer heutigen Zeit so notwendige Erkenntnis wird nun mit der angekündigten Aufführung des genannten Stückes durch den verdienstvollen, jüdischen Kulturverein „Perez“ auch einem Münchner Publikum näher gebracht werden; dem Verein ist ein voller Erfolg zu wünschen. Sebuat. Personalia Herr Siegfried Gerson, Bar-Kochba München, wurde für seine hervorragenden sport¬ *$SM r . ■ '■ liehen Leistungen vom Reichsausschuß der deutschen Sportbehörde mit dem goldenen Sportabzeichen ausgezeichnet. Herr Siegfried Gerson, der zweite Vorsitzende des Münchener Bar-Kochba, steht im 53. Lebensjahr. In den für die Erringung des goldenen Sportehrenzeichens erforderlichen Übungen hat Herr Gerson als erster Bar-Kochbaner im deutschen Kreis Leistungen gezeigt, die manche unserer jüngeren Sportleute in den1 Schatten stellen. Die Auszeichnung des Herrn Gerson sei aber auch zugleich ein Ansporn für unsere Jugend, nicht nur für den Sport begeistert zu sein, sondern sich daran aktiv zu beteiligen. Es ist jetzt an der Zeit, darauf hinzuweisen, daß Sonntag für Sonntag Hunderte von Juden die Fußball- und sonstige Sportveranstaltungen besuchen, die höchsten Eintrittspreise bezahlen, den Lebenslauf jeder einzelnen „Kanone“ kennen, haben selbstverständlich sämtliche Fußballtabellen im Kopf — tun aber selbst nichts zur Erhaltung ihrer Gesundheit. Gerade für diese Kreise gilt die Aufforderung: Treibt Leibesübungen im Bar-Kochba. Gemeind enu.Vereins-Echo Lehrkurse der Israelitischen Kultusgemeinde München. Der dritte Abend des Vortragszyklus, den Herr Dr. Willy Meyer (Nürnberg) über Spinoza hält, findet am Mittwoch, dem 9. Januar 1929, abends 8.15 Uhr, im Lessingsaal, Herzog-Rudolf-Straße 1, statt. Zionistische Ortsgruppe München. Wie bereits bekanntgegeben (siehe auch Inserat in dieser Nummer), spricht am Mittwoch, dem 9. Januar