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Das jüdische Echo · 1928-05-04 · 18 (4.5.1928) · p. Seite 283

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
18 (4.5.1928)
Date
1928-05-04
Page
Seite 283 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 18 Das Jüdische Echo 285 — manche wieder — Götzendienst. Ich würde sie ein „heiliges Bacchanal“ nennen, denn sie hat alle Merkmale eines solchen. Es ist die Reformation der alten römischen und griechischen Bacchanalien: Die wilden Feuertänze, die gewaltige Erotik der Frauen, der herkommen, um die Vermittlung des Rabbi Simon beim lieben Gott zu erwirken in Angelegenheit der Nachkommenschaft, das Vergessen der Wirklichkeit, das Sichberauschen am Augenblicksopium — aber dies alles hat hier den Glanz von Heiligkeit. Rabbi Simon ist nur der Vermittler; er, der Geheimnisvolle, der Verfasser des heiligen „Sohar“, kennt die Wege in den Himmel. Ihm kann man ohne Zögern alle Bitten, Gebete und Wünsche anvertrauen. Mündlich und auch schriftlich. Ein Jude aus Jerusalem hat mir ein langes Schreiben (ungefähr einen Druckbogen) für Rabbi Simon mitgegeben ich sollte es in sein Grab stecken. Den Brief habe ich nicht gelesen. Ich habe ihn ordnungsgemäß abgegeben, doch wer weiß, wie lange das Lesen dauern wird. Und wer weiß, wieviele Tränen über diesen Brief vergossen worden sind. Ich war ein guter Bote; ich brachte Tränen nach Miron. — „Tränen nach Miron“, das ist eigentlich wie „Eulen nach Athen“. Es mangelt in Miron wahrlich nicht an Tränen. Miron ist wie der Doppelkopf des Janus. Man tanzt und weint zugleich. Der Übergang vom Weinen zum Tanzen ist kurz. Innerhalb des Gruftgebäudes, zwischen Tausenden von Lichtern, Leuchtern und Öllampen stehen erwachsene Juden und weinen. Aschkenasim gesondert und sephardische Juden gesondert. Jede Gemeinde an ihrer Grabes„hälfte“. (In Miron, scheint es, hält man Rabbi Simon für einen Mischling, halb Sepharadi, halb Aschkenasi.) Und mitten in der Hitze, dem Dunst, dem Talggeruch und dem himmelschreienden Weinen und Jammern hat man den Eindruck, Rabbi Simon Ben Jochai habe soeben seine Seele ausgehaucht. * * * „Rabbi Simon, Rabbi Simon! Wende dich nicht ab von mir. Sei ein Fürsprecher beim Herrn der Welt für mich, für meine Familie und für das ganze Volk Israel...“ „Rabbi Simon, heiliger Lehrer! Wie kannst du denn so daliegen und schweigen? Warum erhebst du dich nicht, um den Himmel zu stürmen? Warum schreist du nicht? Warum erschütterst du nicht den Thron Gottes, da du all die Leiden und Plagen siehst, die das Volk Israel heimsuchen?!“ „Rabbi Simon, Rabbi Simon! Warum sagst du nicht dem Weltenschöpfer: Genug! Der Becher der Leiden ist voll! Die Zeit des Messias ist da!“ „Rabbi, Simon, Rabbi Simon!...“ Rabbi Simon ist das Teil der Männer. Nur selten schlüpft verstohlen auch eine Frau in das Gruftgewölbe, aber bald schreit jemand: „Auch hier Weiber? Was haben Weiber hier zu suchen?“ Und sie muß sofort den Ort verlassen. Hingegen haben die Frauen ein „Monopol“ auf Rabbi Eleasar, Sohn des Rabbi Simon. Hier schütter. sie ihren ganzen Kummer aus, ihr Leid und Bangen, allen Grimm und Zorn, den sie in ihrem Herzen tragen, hier verlangen sie alles, was ihr Herz begehrt. Frauen über dich, Rabbi Eleasar! SS * * Und in einer Entfernung von zwei Schritten, jenseits der Gruftschwelle, eine andere Welt. Der große Hof, das flache Dach des Gruftgebäudes, die Kuppel auf dem Dache, die Terrassen rings um das Dach, die Stufen, die zu den Terrassen führen, alles hallt wider von Sang und Klang und Tanz. Alle Musikanten von Zfath (der Stadt der Musikanten) gaben sich hier Stelldichein, alle Gesänge und Melodien der Diaspora erklingen hier. Die Musikanten von Zfath sind mit einem wunderbaren Gehör und Gedächtnis begabt. Sie sind prinzielle Gegner der Musiknoten einer von ihnen — ein Zfather Jüngling, seines Zeichens Schneider, der am Lag-B’omer Musikant wird, klagt mir sein Leid, daß er sich der Musik nicht widmen kann, wiewohl er sehr viel Talent in sich verspürt — aber wenn sie zu spielen beginnen, dann tanzen die Füße von selbst. Man kann den Musikern von Zfath nicht widerstehen. Und die Tänzer — auch sie sind nur Lag-B’omer-Tänzer. Schwerlich hat wohl einer von ihnen eine Ballettschule absolviert. Anfänglich tanzen Aschekenasim und Sephardim gesondert (wie sie gesondert weinen), und manchmal sieht man das Bestreben der beiden Parteien, eine die andere zu „übertreffen“. Aber dann, in der Ekstase, vereinigen sie sich. Der „Tanzdirigent“ ist ein Jude aus Tiberias, dem die Tradition schon ein Anrecht auf dieses Amt gibt. Sein einfacher, dicker Stock wirkt mehr Wunder als alle Ballett-Dirigentenstöcke der Welt. Auf die Taktbewegungen dieses seines Stabes schließen sich die Reihen und Reigen, und es tanzt der Aschkenasi mit dem Spharadi, der Chaluz mit dem Chassid. Auch Araber und Drusen und andere Volksangehörige sind unter den Tänzern. Der Zuschauer erhält da den Eindruck eines ekstatischen Tanzes, manchmal auch den eines antiken Baochanals oder — einer Hochzeit in einer Kleinstadt Podoliens. Und unwillkürlich kommt einem der lächerliche Gedanke: Wen „verheiraten“ sie hier, den R. Simon oder seinen Sohn R. Eleasar? * ❖ * Aber die richtige Feier beginnt erst mit dem „Anzünden“. Dieses Recht verkaufen sie hier um gutes Geld. Diesmal erstanden es ein reicher sephardischer Jude und dessen Frau. Eine schöne, kinderlose Frau. Das Antlitz dieser Frau hättet ihr sehen müssen, als sie mit heiliger Scheu an die Schüssel herantrat, in der sich in Öl getauchte Seidenkleider befanden, um „anzuzünden“. Du Herr der Welt! Was mag sie in diesem Augenblick gesehen haben, daß sich ihr Gesichtsausdruck so veränderte, daß sie so bebte, daß sie vom Feuer so angezogen und wieder abgestoßen wurde! Sah sie den R. Simon oder den Engel der Schwangerschaft, der sie besuchen kam? ... Studebaker 9/40 PS 6Cyl. 3UL 5900.— 16,60 PS 6Cyl. 3Ut 7850.— 19/100PS 8Cyl. 3UC 12600. - ab Hamburg Mototechnische Ges., München / Odeonsplatz 12 Telephon 26397 und 20654

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