Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 18 (4.5.1928)
- Date
- 1928-05-04
- Page
- Seite 278 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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278 Das Jüdische Echo Nr. 18 4 p> Wege gibt, weite Kreise der Judenheit zu gemeinsamen Aufgaben zusammenzuschließen. In der nächsten Zeit wird in Wilmersdorf mit dem Bau einer großen Synagoge begonnen werden, die nicht nur den Zwecken des Kultus dienen, sondern als allen Juden zur Verfügung stehendes Vereins- und Versammlungshaus ein Zentrum für die Judenheit des Berliner Westens werden soll. Die Pläne für das Allersversorgungsheim werden auch schon eifrig diskutiert, und es ist zu hoffen, daß in absehbarer Zeit auch dieser Plan Verwirklichung findet. Wie man sieht, ist es mit dem Geschrei von Krise und Lähmung der Arbeiten der jüdischen Gemeinde in Berlin nicht weit her und das Charakteristische an der ganzen Entwicklung: die liberalen Repräsentanten und Vorstandsmitglieder der Berliner jüdischen Gemeinde arbeiten fleißig mit und wenn nicht alle Zeichen trügen, war es kein Unglück, daß die Mehrheitsverhältnisse in Berlin einen Wechsel erfahren haben. ❖ In öffentlicher Verhandlung hatten sich die deutschnationalen Richter in der Magdeburger Affäre Haas in den letzten Tagen vor dem Kammergericht in Berlin zu verantworten. Das Disziplinargericht konnte zu keinem abschließenden Urteil gelangen und vertagte die Affäre zwecks Durchführung einer bis ins Einzelne gehenden Vorurtersuchung zur Klärung des Verhaltens der angeschuldigten Richter und der preußischen Kriminalpolizei und politischen Behörden bei der Voruntersuchung des Mordprozesses Schröder. Das endgültige Urteil steht also noch aus. Aber was in den Berliner Verhandiungstagen an die Öffentlichkeit gelangte, ist ein trauriges Symptom für die Einstellung eines großen Teiles preußischer Richter zu dieser Angelegenheit, in der antijüdischen Einstellung und Formaljustiz daran waren, einen Justizirrtum schlimmster Art herbeizuführen. Die Öffentlichkeit, besonders die jüdische, hat es noch lebhaft in Erinnerung, wie die gesamte deutsche Reaktion bestrebt war, in dieser Mordsache den völlig unbeteiligten jüdischen Fabrikanten Haas als Anstifter zu brandmarken. Unvergessen ist, wie willig der Untersuchungsrichter Kölling, sein Schildknappe Tenhold und sein Mentor Hoffmann dieser, man kann es nicht anders ausdriicken, Ritualmordstimmung kritiklos nachgegeben haben. Auf diese Ungeheuerlichkeit hingewiesen, haben Minister Severing und Oberpräsident Hörsing eingegriffen und mit Hilfe der Berliner Polizei den Fall geklärt. Dabei sollen nach Meinung des erstinstanzlichen Diziplinargerichtes in Naumburg und der Richter Kölling und Hoffmann Verstöße gegen Formalien vorgekommen sein. Als ob jemand zu tadeln wäre, der zur Rettung eines Ertrinkenden einen Pfad geht, welcher unter Strafe von zwei Mark nicht betreten werden darf, um einem Narren in den Arm zu fallen, der den Ertrinkenden mit einer Stange ins Wasser stößt.... Kölling und Hoffmann haben übrigens in der Berliner Verhandlung aus ihren Herzen keine Mördergrube gemacht und zugestanden, daß sie noch heute von der Schuld des Haas überzeugt sind. Gegen Dummheit und Judenhaß kämpfen selbst die Götter vergebens. F. O. Die Ritualmordlegende vor Gericht Ein immer interessantes. Schauspiel bieten die Antisemiten-Prozesse, wenn auch ihre Themen und meistens die Akteure dieselben bleiben. Herr Esser, kein unbekannter Gast vor dem Schwurgericht, war angeklagt wegen Beleidigung des Berliner Vizepolizeipräsidenten Weiß und wegen Vergehens gegen die Religion. Ein im „Illustrierten Beobachter“ veröffentlichtes Gedicht war der Anlaß zur ersten Anklage. Hauptsächlich drehte es sich um die Plattfüße, das Riechhorn und den Knoblauchduft, für deren allgemeines Vorhandensein bei Juden Herr Esser den Wahrheitsbeweis antreten wollte. Diese geistreiche Satire auf die Berliner Polizei und ihren Führer trug Herrn Esser RM. 500.— Geldstrafe ein, nachdem sechs Wochen Gefängnis beantragt worden waren. Der zweite Prozeß handelte von drei Artikeln in derselben Zeitung über die Juden und das Eigentum des „Akum“ (was nach der antisemitischen Sprachforschung „Tier“ bedeutet und von den Juden als Bezeichnung der Nichtjuden verwendet wird), über die Frage des Ritualmords und über die Juden und das deutsche Weib. An Hand von falsch zitierten Talmudstellen, von unaufgeklärten Prozessen und „wissenschaftlichen“ Behauptungen war die jüdische Moral als „verflucht“ gestempelt worden. Vor dem Gericht erschien dies Herrn Esser nicht als Beschimpfung der jüdischen Religion, wie er auch in der Veröffentlichung von Bildern getöteter Kinder mit Begleittext keine Aufhetzung sehen konnte. Überhaupt habe sich alles nicht gegen die jüdische Religion, sondern die Juden als Rasse und Volk gerichtet. Der Slaatsanwalt war anderer Ansicht und beantragte drei Monate Gefängnis, woraus aber nur RM. 500.— Geldstrafe wurden. Herr Esser mag sich freuen und sich sagen, daß man RM. 500.— Strafe wohl in Kauf nehmen könne, wenn man sich damit das Recht erkaufe, derartige Anschuldigungen zu erheben. Denn die Urteilsbegründung enthält recht eigentümliche Wendungen; es heißt u. a. darin: Die Behauptung vom Ritualmord sei durch nichts erwiesen; selbst wenn einzelne Juden eine solche Tat begangen hätten, dürfe doch den Juden nicht vorgeworfen werden, daß der Ritualmord bei ihnen üblich sei. Dies alles trotz der ungezählten Beweise und entschiedenen Prozesse, die dieser neuesten Gerichtskomödie vorangingen. Es zeigte sich wieder einmal, daß alle Aufklärung und Widerlegung der Vorwürfe und Beschuldigungen den Antisemitismus nicht ausrotten können, da er viel zu tief psychologisch begründet ist, als daß ihm wissenschaftliche, objektive Feststellungen etwas anhaben könnten. E. E. I11IIII1II1I11I1III1I1I1I1II1IIIII1I11I1IIII1II11I1IIII1IIII1I111II11II11IIIIII1HHI1I111111I111II1II11I1HIIIHI1IIH1II1I1III Deutsche Neuwäsch«»rei (Km.h.H. FEUX BRANRNKR * MÜNCHEN Thierschstraße 21 Telefon Nr. 23708 Spezial-Dampfwasehanstalt für Herren-Plättwäsche nur Kragen, Manschetten, Vorhemden «nd Oberhemden. Lieferzeit ca. 8Tage Adelholzener Primusquelle Hervorrag, Heilwasser bei Nieren-, Leberu. Blasenleiden Stärkste Rubidiumquelle Europas sehr geeignet zu Hauskuren. B e - kömmliches Tafelwasser. 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